Die neue Männermodel-Woche beginnt im Influencer-Recruiting-Camp Germany’s Next Topmodel mit der gepflegten Monotonie der Alltagstrivialität. Keine offiziellen Aufgaben, keine Dramen. Die 22 verbliebenen „Harper’s Bazaar“-Coverkandidaten versprühen eine Eigendynamik, gegen die eine blinde Landschildkröte als hyperaktiv gilt. Jill esoterisiert sich mit mystischen Hygienemaßnahmen in den anstehenden Shootingtag: „Ich reinige erst mal ein paar Chakren.“ Das hat Kandidat Godfrey nicht nötig: „Shooting ist meine Stärke, das ist wie ein Universitätsabschluss, den ich habe!“ Der promovierte Profiposer schwänzt daher auch das spontan von Mitkandidat Adrian einberufene Shootingtutorial, in dem er unbezahlbare Insidertipps wie „Die Handflächen breiter machen“ verrät. Handmodelaspirant Benji schreibt fleißig mit: „Er ist eine Inspiration für mich!“ Ansonsten weiß man über Benji wenig, außer: „Ich hatte bei meiner Geburt sechs Finger.“ Ob er damals drei an jeder Hand hatte oder die Aufteilung 5:1 war, verrät er nicht. Es muss wieder in den Eskalationsmodus geschaltet werden Aus zunächst unerfindlichen Gründen versammelt sich die Reisegruppe anschließend vollzählig vor dem Apartment auf der Straße. Kurz denkt man: Erst Woche drei, und schon gründen die eine GNTM-Gewerkschaft? Ibo, Denzel und ihre Y-Chromosom-Begleitmannequins könnten am Potsdamer Platz gleich „From the Catwalk to the Set – Mehr Bezahlung wäre nett!“ skandieren, aber nein: Stattdessen biegt ein Reisebus mit einem etwa acht mal vier Meter großen Porträt der Reiseleiterin Heidi Klum um die Ecke. Die Kleindemo wird vorsichtshalber aufgelöst. Jetzt muss wieder in den Eskalationsmodus geschaltet werden. Vor allem auf Alexavius ist dabei Verlass: Kreischintensiv hyperventiliert er sich auf dem Bordstein vor dem Modelloft ins Vorfreudekoma, als hätte er noch nie zuvor einen Reisebus gesehen. Auf seiner persönlichen Euphorieskala scheint der Heidi-Nightliner nur hauchdünn hinter dem hellbraunen GNTM-Bademantel aus der Farbkollektion „beschleunigte Verdauung“ zu liegen, den Alexavius bereits vergangene Woche heiliggesprochen und danach nie mehr ausgezogen hatte. Einen winzigen Wermutstropfen identifiziert er hinsichtlich des vermutlich noch von der ISS-Raumstation aus erkennbaren Klum-Konterfeis dennoch: „Wir sind jetzt nicht mehr undercover!“ Ansonsten trägt er ja nur permanent seinen Pyjama, auf dem das Germany’s-Next-Topmodel-Logo in der Dimension eines Kleinwagens prangt. Als hätte ihm ein Einhorn einen Hundewelpen in den Schoß gekotzt Noch begeisterter vom neuen Dienstwagen ist nur noch Jayden: „Alle fragen sich bestimmt, wer hier drin ist!“ Absolut. Ein Reisebus mit der Visage von Heidi Klum, der größer ist als meine erste eigene Wohnung – da kommt bestimmt keiner drauf, wer das wohl sein könnte. Fast spürt man die verwirrten Blicke der am Straßenrand flanierenden Hauptstadttouristen, die sich zuraunen: „Ist das der Tourbus von Tokio Hotel?“ Zum Glück muss Karl Lagerfeld das nicht mehr erleben. Der hätte zu Protokoll gegeben: „Einen Heidi-Klum-Bus kenne ich nicht. Claudia kennt den auch nicht. Der fuhr nie durch Paris. Wir kennen den nicht!“ Viel mehr Momente bekommt das fahrende Klum-Billboard nicht, die Fahrt vom Sony Center zur Spree ist kurz. Dort wartet auf einem Dampfer die Originalversion der Bus-Physiognomie nebst Starfotograf Andreas Ortner. Der möchte sich offenbar seinen Platz bei GNTM auch für die kommenden Jahre sichern und simuliert beim Eintreffen des Heidimobils erst mal einen Verzückungsanfall, als hätte ihm gerade ein rosa Einhorn ein in Rosenduft gehülltes Hundewelpen in den Schoß gekotzt. Kompliment-Empfängerin Klum zeigt sich unbeeindruckt und schmettert lieber einen Karnevalsklassiker aus ihrer jecken Heimat: „Heidewitzka, Herr Kapitän! Mem Müllemer Böötche fahre mer su gähn“. Da fällt auch der Pro-Sieben-Simultanübersetzungspraktikant mit Hörsturz ins Wachkoma. Sinnstiftende Untertitel entfallen also. Klar ist nur: Von Heidi Klums Kölsch versteht man noch weniger als von Lothar Matthäus’ Englisch. Lediglich die Vokabel „Bötchen“ ist zweifelsfrei identifizierbar. Damit hat aber zumindest auch der letzte Zuschauer am heimischen Endgerät verstanden: Heute geht es auf ein Schiff! „Ich stehe nicht so auf Anweisungen!“ Dort liegen wärmende GNTM-Wolldecken für die zum Badehosenshooting tendenziell eher leicht bekleideten Kandidaten aus. Alexavius wird direkt wieder von Branding-Wollust übermannt. Nach GNTM-Bademantel und GNTM-Trinkflasche jetzt das. Wenn die Topmodel-Merch-Produktplatzierungen in dieser Frequenz weitergehen, können die Kandidaten am Ende der Staffel mit ihrer Devotionaliensammlung über 18 „Bares für Rares“-Staffeln von ihren Sekundärmarkt-Einkünften leben. Als das Shooting endlich losgeht, möchte Godfrey seine vollmundig angekündigte Posing-Genialität ausspielen. Das geht allerdings direkt in die ziemlich knappe Badehose. Andreas Ortner korrigiert ihn fortlaufend, während Posing-Ikone Godfrey verrät: „Ich stehe nicht so auf Anweisungen!“ Augen auf bei der Berufswahl, kann man da nur sagen. Größere Karriereaussichten als ein Model, das nicht so auf Anweisungen steht, hat eigentlich nur noch ein Hotelier, der nicht so auf Übernachtungsgäste steht. Auch Hyan überzeugt nicht. Fotograf Ortner schlägt sogar einen plastisch-chirurgischen Eingriff vor: „Mach deine Beine länger!“ Das hatte 2019 bereits für Theresia Fischer gut geklappt, die im GNTM-Finale live vor einem Millionenpublikum und dem sprachlosen Thomas Gottschalk heiratete. Vor lauter Langeweile beginnt Heidi Klum, die tolle Aussicht anzupreisen. Kandidat Benji entwickelt hingegen keine Sightseeingbegeisterung: „Viel gesehen von Berlin habe ich nicht, nur mal kurz von Weitem den Bundestag.“ Man nennt ihn schon die Sahra Wagenknecht von GNTM. Schön und langweilig reicht wohl nicht Shooting-Greenhorn Yanneck bietet ebenfalls nicht allzu viele Highlightmomente. Fotograf Andreas Ortner hält ihn für „Schön, aber langweilig!“ und resümiert: „Schön allein reicht nicht.“ Ärgerlich für Yanneck: Schön und langweilig scheinbar auch nicht. Den Rest der Folge bereitet eine echte Koryphäe den Männerkader auf den Final Walk vor: Baptiste Giabiconi. Das klingt ein bisschen wie eine gnadenlos überteuerte Unterwäschemarke, die nur von Mafiapaten, neureichen Lottogewinnern und Elton John getragen wird. Aber Giabiconi ist französisches Malemodel. Das passt gut, denn Malemodel wollen die meisten der verbliebenen Kandidaten ja auch werden. Der Traum davon platzt allerdings noch am selben Abend für Hyan und Martin.
