FAZ 20.02.2026
09:07 Uhr

GNTM-Kolumne: „Ich habe keine Modelerfahrung, aber ich habe im Urlaub so Fotos gemacht“


Der Modelnachwuchs glänzt in Folge vier von „Germany’s Next Topmodel“ mit Überdurchschnittlichkeit: Die einzige 1,64 Meter große Frau Deutschlands ist dabei. Und Gastjurorin Lottie Moss ist angeblich „etwas hochnäsig“.

GNTM-Kolumne: „Ich habe keine Modelerfahrung, aber ich habe im Urlaub so Fotos gemacht“

Der Mädelsabend bei „Germany’s Next Topmodel“ beginnt mit subtilen Rechenaufgaben. Beim Einzug ins Modelloft stellen die Kandidatinnen schockiert fest: Es gibt nur drei Duschen. Da guckt selbst Frohnatur Kim ein bisschen so, als würde sie denken: „Drei Duschen für 27 Girls – da ist ja jeder Jugendknast komfortabler!“ Stichwort Gefängnis: Modelknast-Chefaufseherin Heidi Klum sieht die Duschverknappung entspannt. Wenn 27 Mädchen jeweils zehn Minuten duschen und diese 270 Minuten auf drei Duschen verteilt werden, sind in 1,5 Stunden alle amtlich abgekärchert. Solange also niemand so lange duscht, wie Lothar Matthäus braucht, um seinen eigenen Namen ins Englische zu übersetzen, startet jede wohlriechend in den Modeltag. Wer in der vergangenen Woche akkurat mitgeschrieben hat, der weiß: Klum hatte ursprünglich mehr als 27 Damen in die nächste Runde komplimentiert. Unentschuldigt fehlt: Ildikó von Kürthy. Was tragisch ist, denn die hauptberuflich als Mobilfunkvertreterin arbeitende Hamburgerin (Highlight-Produkt: Mondscheintarif) hatte vergangene Woche noch einen abendfüllenden Vortrag gehalten, wie viel sie einem Format wie GNTM geben könne. „Ich bin 1,64 Meter!“ Auch das erfolgreichste Model der DDR, Fotoalbum-Anja, ist unauffindbar. Scheinbar hat Klum noch mal die Betten durchgezählt und anschließend den Modelkader abseits der Kameras eiskalt ausgedünnt. Dabei hätte man das Budget für ein paar weitere Zustellbetten locker einfahren können. Würde Pro Sieben beispielsweise jedes Mal einen Euro bekommen, wenn eine der Kandidatinnen behauptet, ihre Freunde würden sie immer verrückt nennen, könnte der Spartensender für Laufsteg-Nischenprogramme das Hotel Adlon kaufen und jeder Kandidatin zwölf Duschen zur Verfügung stellen. Dann steht aber auch schon der erste Runway an und damit auch erste Einzelwortmeldungen aus dem Interviewzimmer. Dort erklärt Kandidatin Angie, warum sie sich zu den Topfavoritinnen zählt: „Was mich einzigartig macht, ist meine Größe, ich bin 1,64 Meter!“ Bemerkenswert, was für außergewöhnliche Talente Model-Trüffelschwein Heidi Klum Jahr für Jahr ausgräbt. Diese Saison ist also die einzige 1,64 Meter große Frau Deutschlands dabei. Der für die heutige Kleiderauswahl zuständige Designer Giuliano Calza sieht aus wie die Temu-Version von Jack Sparrow, spendiert dem Modelkader aber eine Kollektion, bei der kaum ein Kleid mehr ist als eine durchschnittliche Herrenkrawatte. Das gefällt nicht allen, insbesondere nicht Merret: „Ich habe Angst, dass es zu freizügig ist.“ Ungünstig in einem Format, das von Tag eins an kompromisslos auf ein Nacktshooting hinarbeitet. „Ich denke nicht, bevor ich rede“ Anschließend schlägt die große Stunde von Sophie. Die achtzehnjährige Geheimfavoritin verrät: „Ich bin ein Lautdenker. Ich denke nicht, bevor ich rede.“ Also eigentlich eher ein Lautschweiger. Außerdem ist sie „mehr fotogen als Walkerin. Ich habe keine Modelerfahrung, aber ich habe im Urlaub so Fotos gemacht.“ Verständlich, dass sie sich mit dieser Expertise nicht von Amateuren wie Gastjurorin Lottie Moss reinreden lässt: „Lottie Moss ist etwas hochnäsig, sie hat wohl Konkurrenz in mir gerochen!“ Ja klar, das konnte man drei Meter gegen den Wind sehen. Sophie ist auch insgesamt enttäuscht: „Ich dachte, ich würde hier eine richtige Bitch finden!“ Das erinnert mich an meine Oma. Die sagte immer: „Wenn du der Einzige bist, der den Dorftrottel nicht kennt, bist du der Dorftrottel!“ Bleibt also zu hoffen, Sophie schafft es bis zur Folge, in der Designerin Marina Hoermanseder ins Geschehen eingreift. Dann bekommt sie die ersehnte Bitch auf dem Silbertablett präsentiert. Obwohl auch Heidi Klum sich um den Titel bewirbt: „Bei Sophie bekomme ich keine Gänsehaut!“ Das geht nicht spurlos an Sophie vorbei: „Ich war so verwirrt, man hätte mich abstechen können, ich hätte es nicht gemerkt!“ Und das ist schlecht, denn sollte sie weiter in dieser Frequenz „reden, bevor ich denke“, wird das irgendwann jemand versuchen. Natürlich nur verbal. In den Kommentarspalten. Dort wird noch während der laufenden Episode panisch befürchtet, Heidi Klum würde Fremdschamgarant Sophie als Quotenkatalysator bis ins Finale durchschleppen. Es ist elementar, sein Gesicht dabei zu haben Noch ungünstiger läuft der erste Runway für Vanessa. Sie irrt knappe acht Minuten orientierungslos durch die Catwalk-Kulisse. Na gut, Vanessa hatte keine Handtasche dabei. Logisch, dass sie ohne Tasche keine Competition machen kann. Dennoch geht Vanessa hart mit sich ins Gericht: „Meine Dummheit überrumpelt mich immer wieder. Man kann zu 100 Prozent sagen, ich komme nicht weiter!“ In Wahrscheinlichkeitsrechnung ist sie also ähnlich begabt wie im Geradeauslaufen, denn selbstverständlich darf sie bleiben. Auch Merret verpatzt ihren Walk. Am meisten leid tut ihr das für Giuliano Calza: „Bro, tut mir leid, dass ich nicht delivered habe!“ Sofort denkt man: Delivered? Arbeitet die als Pizzabote, oder was? Als was die Zwillinge Juliet und Janet arbeiten, ist nicht bekannt. Als Model in absehbarer Zeit jedoch nicht. Klum schickt beide nach Hause. Auch für Angie und Sina ist die Reise bereits wieder vorbei. Zuversichtlicher gibt sich Sophie: „Ich habe mich wohlgefühlt mit dem ganzen Dressing!“ Leider werden keine Salate gesucht, sondern Models. Auch sie bekommt die vorzeitigen Entlassungspapiere. Um sich nachhaltig sympathisch zu verabschieden, präsentiert sie sich in ihrem Abschiedsstatement noch kurz als feministische Empowerment-Ikone: „Statt mir hätte Vanessa gehen müssen. Sie hat sich verlaufen und wurde nur drin gelassen wegen Mitleid!“ Ganz andere Probleme hat Sina: „Ich bin es nicht gewöhnt, dass man mir zuguckt beim Laufen!“ Da ist Model eine interessante Berufswahl. Keine Probleme mit Schaulustigen hat Aurélie. Klum resümiert: „Vom ersten Moment an auf dem Runway war dein Gesicht da!“ Was viele nicht wissen: Es ist für den Beruf als Model elementar, sein Gesicht dabei zu haben. Models ohne Gesicht haben traditionell nur mittelgute Chancen auf eine Weltkarriere. Naja, lieber verlaufen als verkacken, sagen wir Straßenkids dazu. Wie Pro Sieben die knapp drei Stunden Sendezeit ohne den 92-prozentigen Redeanteil von Sophie nächste Woche füllen will, das verrate ich dann genau hier. Bis dann.