Tag zwei auf Deutschlands größter Diversity-Fachmesse. Modelkuratorin Heidi Klum verbannt das Y-Chromosom aus der Kölner Castingarena und widmet sich endlich dem sogenannten schönen Geschlecht. Bevor die Laufstegneulinge ihren Sedcard-Hut in den Ring schmeißen, gönnt Klum Gastjuror Jean Paul Gaultier noch schnell einen echten Fame-Moment: „Hast du gesehen, wie viele Frauen da draußen stehen?“ Ein Satz, den man sonst nur von Harry Styles hört, wenn er irgendwo in einer fremden Stadt in einem Hotelzimmer aufwacht. Dann geht es aber wirklich los. Fragt man die 19 Jahre alte Lola, die zur Feier des Tages lediglich einen knapp vier Quadratzentimeter großen Streifen aus Jeans trägt, ist die Staffel allerdings nach vier Minuten bereits wieder beendet: „Ich bin mir zu 99 Prozent sicher, dass ich gewinne!“ Legen Sie sich das gerne auf Wiedervorlage für Anfang Juni. Dann kürt Klum Germany’s Next Topmodel. Das will auch Masha Trinity Star werden. Was für ein Name, oder? Sofort denkt man: Echt jetzt? Noch ein Ochsenknecht-Sprössling? Aber Entwarnung: Masha Trinity Star klingt zwar wie ein fancy Heißgetränk-Special von Starbucks, hat aber mit Jimi Blue, Wilson Gonzalez und Cheyenne Savannah nichts zu tun. Dafür erzählt Masha Trinity Star, sie wäre ein „Soul Embodiment Guide“ – und ich frage mich den Rest des Abends, ob das ein Beruf oder ein Zustand ist. Auch Bestsellerautorin Ildikó von Kürthy beim Casting Klarer definiert ist da eindeutig Kandidatin Melli: „Ich will nicht sagen, dass Optik wichtig ist, aber ist es ja schon, vor allem, wenn man Model werden möchte.“ Wobei da auch das Styling wichtig ist, doch da sieht sich die Berlinerin ebenfalls ganz vorne: „Ich trage High Heels mit Socken, das macht auch nicht jeder!“ Vor allem niemand, der bei GNTM weit kommen will. Für Melli ist schon Feierabend, da erholt sich ein Großteil der Zuschauer noch von Heidi Klums Titelsong. Dann wird es religionsphilosophisch: Bewerberin Nana gesteht, sie sei sehr christlich in einem strengen Elternhaus aufgewachsen. Das macht kreativ. Das stringente „Nein!“ ihres Vaters zu den traditionellen Nacktfotos, für die sie sich später in der Staffel definitiv entblättern müsste, umgeht sie mit einem raffinierten Bibelgleichnis: „Adam und Eva waren ja auch nackt“. Da kann sogar der Papst nicht widersprechen. Offenbar im Format geirrt hat sich Datingshow-Koryphäe Jill Lange. Das für ihr Schlangentattoo im Dekolleté bekannte Reality-Sternchen testete bereits die Betten bei „Are You The One?“, „Ex on the Beach“ oder „Love Island VIP“. Dort kümmerte sie sich aufopferungsvoll um ein paar weitere Schlangen und hatte bei mindestens einer Gelegenheit Sex vor 30 mitlaufenden Kameras. Weitere Betten werden zunächst nicht hinzukommen. GNTM ist nicht Tinder, und Heidi Klum hat keine Lust auf Profiflirterinnen im Model-Penthouse. Keinerlei bekannte öffentliche Datinghistorie hat dagegen Bestsellerautorin Ildikó von Kürthy. Sie sieht ihren Auftritt bei Powerfraukollegin Klum als eine Art feministische Dienstleistung für Frauen jenseits der 50. Sie habe gehört, Heidi Klum wolle mehr Best-Ager-Kandidatinnen, und da wäre sie dann also: „Ich bin Mutter, Autorin, Podcasterin, Journalistin“. Im Prinzip das, was Cathy Hummels auch ist. Außer dass ihr erfolgreichstes Buch „Mondscheintarif“ heißt und nicht „Mein Umweg zum Glück“, wie das der Ex-Frau des Boyfriends von Nicola Cavanis. Wobei beide Bücher sogar dasselbe Thema abhandeln. Umwege zum Glück eben. Es folgen relativ souveräne Auftritte der 22 Jahre alten Teilzeitlandwirtin Anna, der 21 Jahre alten Flugbegleiterin Aurélie und der 47 Jahre alten Schweizerin Bianca. Um dieses Trio muss man sich keine Sorgen machen. In Promimagazinen finden sich Bilder von Heidi Klum, Anna, Bianca und Aurélie auf dem roten Teppich der „Blinded By Delight“-Musicalpremiere aus dem Oktober 2025. Ein zeitnaher Rauswurf ist daher unwahrscheinlich. „Ich gehöre hierher, weil ich ein paar Räder locker habe!“ Den erwartet auch Sophie nicht, denn: „Ich gehöre hierher, weil ich ein paar Räder locker habe!“ Theoretisch könnte sie in dieser Staffel also ein paar ganz große Schrauben drehen. Ähnlich euphorisch startet Claudia-Schiffer-Lookalike Vanessa in ihr GNTM-Abenteuer: „Das war schon mein Traum, mein Leben lang!“ Legendär, wie sie damals im Kreißsaal, die Nabelschnur noch nicht abgetrennt, bereits laut „Attitude!“ brüllte. Trotz dieser zweifelsfrei finalaffinen Heritage hegt sie noch handwerkliche Zweifel: „Ich habe Platztfüße, darum laufe ich manchmal schief!“ Ich hoffe, sie meint Plattfüße. Alles andere wäre anatomisch eine ziemliche Katastrophe. Ihr Weiterkommen emotionalisiert sie nachhaltig. Tränenüberströmt fällt sie Heidi Klum in die Arme. Oder wie wir drittklassigen Gagschreiber sagen: Egal wie nass du bist, die Blonde mit den Platzfüßen Vanessa. Zum krönenden Abschluss spendiert Smalltalkqueen Klum noch einen Dialog für die GNTM-Geschichtsbücher mit Ü50-Model Anja: Klum: „Dich kenne ich aber irgendwoher!“ Anja: „Ja, wir haben uns schon getroffen!“ Klum: „Du warst letztes Jahr auch dabei, oder?“ Anja: „Nee, ich bin eines der bekanntesten Models der DDR und war dreimal auf dem Cover der ‚Modischen Maschen‘!“ Gut, dreimal auf dem Cover der „Modischen Maschen“, das wirkt ein bisschen wie achtmal Vizeklassensprecher in der Grundschule. Auf verblassten Ruhm will sich die Gisele Bündchen des Arbeiter- und Bauernstaates daher lieber nicht verlassen. Also versucht sie es mit Bestechung. Dafür hat sie ein Fotoalbum dabei, in dem sich Bilder zahlreicher Momente der vergangenen 20 Jahre finden, in denen sie Protagonisten aus dem GNTM-Umfeld traf. Thomas Hayo, Lena Gercke, Wolfgang Joop. Alle akkurat eingeklebt. Heidi Klum und Jean Paul Gaultier selbstverständlich auch. Der französische Star-Couturier schaut dabei auffällig oft Richtung Ausgang. Entweder überlegt er, wie viele Sekunden er im Vollsprint benötigen würde, um die Halle notfalls schnellstmöglich zu verlassen, oder er sucht das Securityteam. Verständlich. Wenn mir eine wildfremde Frau ein Fotoalbum überreicht, in dem sich ausschließlich Bilder befinden, auf denen sie mit mir oder meinen Arbeitskollegen zu sehen ist, würde ich auch denken: Kacke, Stalkeralarm. Sicherheitshalber lässt Heidi Klum sie in die nächste Runde. Vermutlich hat sie Angst, Anja würde sonst eines Nachts heimlich in ihrem Garten ein Zelt aufschlagen und nie wieder das Grundstück verlassen, wenn sie sie heute rauswirft. Ob das ein Freifahrtschein ins Finale wird, das werde ich in den kommenden Wochen hier akribisch dokumentieren. Bis dann!
