Die Wikinger sind im öffentlichen Bewusstsein sehr präsent. Man trifft sie in Fernsehserien, Comics, Festivals und Blockbuster-Ausstellungen. Sie vertreten die These, dass das dort vertretene Bild nicht belegbar ist. Was ist falsch daran? Es ist übermäßig von Romantisierung und Neoromantisierung geprägt. Das, was wir Wikingerzeit nennen, ist eine schriftlose Periode. Es gibt keine Egozeugnisse im Sinne erzählender Quellen, es existieren also nur Außensichten – einmal synchrone, von anderen Europäern, außerdem diachrone von denjenigen, die sich als Nachfahren begreifen, den Skandinaviern des Hochmittelalters also. Letztere sind besonders wichtig für die Rezeption: Sie schaffen die Saga-Literatur und überliefern Mythologie. Dabei wird ein verklärtes Bild der eignen Vorfahren gezeichnet, die als edle Barbaren dargestellt werden. Im Hochmittelalter wird so etwas wie eine eigene Antike entworfen. Darauf wiederum kapriziert sich das Zeitalter des nation building, der Nationalromantik im 19. Jahrhundert. Wir haben es mit einer Rezeption zu tun, die das Identitäre, welches den mittelalterlichen Quellen schon anhaftet, noch einmal verstärkt. An diesen nationalen Projekten sind zu einem erheblichen Teil auch theologisch gebildete Gelehrte beteiligt. Sie entwickeln eine heidnische Wikinger-Romantik, obwohl es eigentlich schon früh Berührungspunkte der wikingerzeitlichen Skandinavier mit dem Christentum gab. Was war die Intention der Romantisierer? Es geht darum, ein heidnisches heroic age besonderer nationaler Stärke zu entwerfen. Es entsteht ein Wissenssystem vom Wikinger, in das die archäologischen Befunde nur noch eingeordnet werden. Man wartet im 19. Jahrhundert gleichsam sehnsüchtig darauf, endlich ein Wikingerschiff zu finden. Diese Vereinnahmung bekommt dann später rassistisch-völkische Interpretationszüge in Deutschland, England und Skandinavien. Über den Wikinger definieren sich ganze Abstammungsgemeinschaften. Dieser Ansatz fragmentiert dann zwar nach dem Zweiten Weltkrieg, wird aber gleichzeitig popkulturell. Bei den Blockbuster-Ausstellungen seit den Siebzigerjahren über die Wikinger und vor allem in jüngster Zeit kann man zum Beispiel gut eine Rückbesinnung auf das stark ethnisierte Wikingerbild beobachten – weiß, nordeuropäisch, „westlich“ –, obwohl es eigentlich längst passé war. Das führt nicht immer gleich zu rechten Diskursen, diese werden aber unkritisch weitertransportiert. Wie kommt es, dass das Wikingerbild, wenn es auf derart tönernen Füßen steht, so fest umrissen ist? Der Wikinger ist im Sinne Roland Barthes’ so etwas wie ein Alltagsmythos geworden. Ich brauche nur den Frame anzutippen – Hörnerhelm, Schiff –, und sofort entsteht eine Assoziation, die sehr stark präreflexiv ist. Diese ist von den wissenschaftlichen Disziplinen im 19. Jahrhundert gesetzt worden, und wir kommen davon nicht mehr los. Die Gründungszeit der Germanistik hat uns Narrative beschert, die unglaublich mächtig sind. Die Bilderfolgen von Dokumentationen wie der ZDF-Produktion „Die Deutschen“ aus den frühen Zweitausenderjahren, um ein anderes Beispiel aus der Geschichtswissenschaft zu nennen, waren zu weiten Teilen einfach den Schulbüchern aus dem 19. Jahrhundert entnommen. Wie wichtig waren die Wagner-Inszenierungen mit ihren Flügelhelmen? Hatten diese auch schon eine Grundlage in der Wissenschaft ihrer Zeit? In gewisser Weise schon. Wagner kann auf Übersetzungen zurückgreifen. Er benutzt die Helden- und Götterlieder der „Edda“, verwurstet diese mit Saga-Bearbeitungen sowie dem „Nibelungenlied“ und führt alles in der „Götterdämmerung“ zusammen. Er spielt für die Popularisierung dessen, was man nordische Mythologie nannte, eine ganz große Rolle. Von entscheidendem Einfluss war auch Felix Dahn mit seinen Büchern über germanische Götter- und Heldensagen, die Ende des 19. Jahrhunderts zahlreiche Auflagen erreichten. Bemerkenswert, dass Bismarck in Reichstagsreden Figuren der nordischen Mythologie aufgreift und etwa die Sozialdemokratie mit dem verräterischen Gott Loki vergleicht. Er konnte davon ausgehen, dass Dahns Werke in jedem bürgerlichen Wohnzimmer standen. Gibt es eigentlich einen sinnvollen Alternativbegriff zu „Wikinger“? Ich verwende gegenüber meinen Studierenden immer die Formulierung „Skandinavier der Späteisenzeit“, um zu signalisieren, dass wir uns eigentlich in einer frühzeitlichen Epoche befinden, die nicht in die Zuständigkeit des Historikers fällt. Aber diese Formulierung ist natürlich sehr blass, sie wird sich populär niemals durchsetzen. Ich glaube, man kommt von dem Begriff „Wikinger“ nicht weg. Wie haben sich die Wikinger selbst bezeichnet? Das ist schwer zu sagen, nationale, protonationale oder ethnische Bezeichnungen spielten für sie noch keine Rolle. Im Korpus der wikingerzeitlichen Runeninschriften – es handelt sich überwiegend um Gedenksteine für Verstorbene – kommt der Begriff „Wikinger“ nur viermal vor, und es gibt Abertausende dieser Steine. Ansonsten haben wir nur mündlich überlieferte Dichtung, die im Mittelalter aufgeschrieben wurde. Da taucht der Begriff ebenfalls auf, ist aber schon konsistent und entspricht der Übersetzung von „pirata“, Seeräuber. Die „Wikinger“ sind eindeutig Verbrecher und Ordnungsstörer, die von „den Königen“ Norwegens, Dänemarks und Schwedens vertrieben werden. Im Jahr 1811 entstand dann das Gedicht eines Geschichtsprofessors aus Uppsala, „Vikingen“ von Erik Gustaf Geijer. Dort wird ein neuer Kulturtypus entworfen: der Wikinger als ferner Spiegel des liberalen, in die Ferne schweifenden Unternehmers, hier kommt auch das nationale Erbe hinein. Der Wikinger und der Bauer sind die beiden Säulen der schwedischen Gesellschaft – so stellten es sich die Romantiker vor. Es war eine nationale Krisenzeit, kurz nach dem Verlust Finnlands an Russland. Von da an setzt sich diese positive Aufladung des Begriffs durch. Ist es eigentlich noch zeitgemäß, von einer Wikingerzeit zu sprechen, die vom Ende des 8. bis zur Mitte des 11. Jahrhunderts reicht? Ja, die Archäologen verwenden diese Bezeichnung als eingeführten Epochenbegriff. Die Menschen dieser Zeit werden von ihnen jedoch als Skandinavier bezeichnet. Von Wikingern sprechen sie nur, wenn sie die konkreten Raubfahrer meinen. Diese Kompromissformel hat sich inzwischen am stärksten durchgesetzt – die Englischsprachigen sind jedoch weniger streng. Aber so viel steht fest: Wenn man eine volle Museumsausstellung haben möchte, muss man den Begriff „Wikinger“ bespielen. Wie finden Sie die bei mehreren Streamingdiensten erfolgreich laufende Serie „Vikings“? Ich bin beruflich zu stark deformiert, um mich auf die Ästhetik von Wikinger-Serien einlassen zu können. Was mich interessiert, ist die äußere Erscheinung, und die Hauptfiguren von „Vikings“ sehen so aus, als kämen sie gerade von einem Metal-Festival. Bei den Wikinger-Filmen und -Serien ist gut zu sehen, wie sich die Bart- und Haartracht je nach Produktionszeit verändert. In dem Film „The Vikings“ aus dem Jahr 1958 mit Kirk Douglas ist die Hauptfigur blond, blauäugig, aber glattrasiert. Heute herrscht das Bild vor: blond, blauäugig und Zottelbart, zuweilen Undercut oder Glatze. Wir treffen hier entweder auf einen weißen Maskulinismus oder auf die gegenderte Version: Frauen dürfen auch mitkämpfen. Themen und Identifikationsbedürfnisse unserer Gegenwart werden auf die Wikinger projiziert. Ein anderes Beispiel: Man findet ein Grab, dessen Beigaben definitiv auf einen Krieger hindeuten, stellt dann aber fest, dass die Knochen weiblich sind. Aus diesem Einzelfall schließt man: Es gab auch Kriegerinnen. Darauf dreht das schwedische Fernsehen eine Dokumentation im Arte-Style, also mit Experteninterviews, in der eine Geschichte von Blutrache erzählt wird, nur dass jetzt eine blonde Frau mit der Streitaxt den Mörder ihres Vaters erschlägt und anschließend ihre Sklavin freilässt. Dass viele Archäologen zu bedenken geben, die beigelegte Waffe im Grab sei besonders schwer gewesen und eigentlich nur für einen besonders groß gewachsenen Mann sinnvoll, es sei also nicht erwiesen, dass die Besitzerin dieser Waffe sie auch eingesetzt habe, geht dabei unter. Wir haben jetzt viel darüber gesprochen, was die Wikinger nicht waren. Aber gab es nicht auch verbindende Elemente unter den „Skandinaviern der Späteisenzeit“ jenseits gemeinsamer sprachlicher Wurzeln, gab es bestimmte Einheiten? Zweifellos waren die Oberschichten mobil und innerhalb Skandinaviens vom Nordatlantik bis in den Ostseeraum gut vernetzt. Bildquellen, etwa auf Steinen, legen nahe, dass bestimmte mythologische Erzählungen in ganz Skandinavien verbreitet waren. Skaldendichtung, die später nur in Island und Norwegen auf Pergament gelangte, war auch in Schweden bekannt, wie man an einer Strophe auf einem Runenstein erkennen kann. Die Tierstile der späteisenzeitlichen Kunst sind gesamtskandinavisch. Und natürlich bedeuten die Beherrschung des Segels und die entsprechende Entwicklung des Schiffbaus und der Navigation, dass in ganz Skandinavien die Mobilität der Oberschichten stark ansteigt, mit den bekannten Konsequenzen: Raubfahrten, Fernhandel, Siedlungen im Atlantikraum sowie in Osteuropa. Unterrepräsentiert im populären Bild sind dagegen die großen regionalen Differenzen in Kultpraktiken, religiösen Entwicklungen, Begräbnissitten, Wirtschaftsformen und natürlich der Entwicklung der Zentralmacht.
