FAZ 25.02.2026
16:49 Uhr

Fußwege: Bitte mal Platz machen


In Dreierreihe auf dem Bürgersteig und mit ausgefahrenen Ellbogen im Bus: Warum die Eleganz des Ausweichens neu geübt werden muss.

Fußwege: Bitte mal Platz machen

Es ist ein Dschungel da draußen, Baby. Und er fängt gleich hinter der Haustür an. Im schlimmsten Fall sogar schon hinter der Wohnungstür. Wenn man schwer bepackt die Treppe hinunterhechelt und es kommen einem zwei plaudernde Leute entgegen, von denen keiner auch nur einen Schritt beiseitetreten möchte. Als Einzelwesen quetscht man sich an das Treppengeländer, bis die Quasselkarawane weitergezogen ist, und geht dann bescheiden seiner Wege. Ein Phänomen, das in der Großstadt massenhaft um sich greift. Leute, die zu zweit, zu dritt, zu viert nebeneinander auf Bürgersteigen oder in Fußgängerzonen unterwegs sind, nötigen Entgegenkommende zum Ausweichen, bisweilen auf die Fahrbahn, gehen selbstverständlich davon aus, dass es das Recht des Stärkeren, der größeren Gruppe ist, in voller Breite Raum zu ergreifen. Wehe, wenn zwei solche Grüppchen aufeinandertreffen. Es erinnert an die beiden Ziegen in der Fabel von La Fontaine, von denen keine auf dem Steg weichen will. Bis sie einander schubsen und beide gemeinsam abstürzen. Bitte, so wollen wir doch nicht enden. Ist es schlichte Achtlosigkeit anderen Menschen gegenüber? Das Auskosten der eigenen Stärke durch größere Präsenz? Oder eine Drohgebärde, ob unbewusst oder ganz offen? So wirkt das häufig bei jüngeren Männern, die ihre Hände tief in die Hoodie-Taschen vergraben haben, die Ellbogen maximal ausgefahren, den Kopf leicht vorgeschoben. Schon auf einem schmaleren Gehweg ist es kaum möglich, ohne Berührung aneinander vorbeizukommen. Und beim Ein- und Aussteigen in Bus oder Bahn blockiert Mr. Elbow für alle anderen den Weg, bis er passiert ist. Woher dieses seltsam primitive Verhalten so vieler Großstädter rührt, ist schwer zu sagen. Wer aber den Blickkontakt kurz vor solch unfreiwilligen Beinahezusammenstößen sucht, kann schnell feststellen, wie die Situation ausgehen wird. Da gibt es den Blick, der Verstehen signalisiert, das Erfassen des anderen als Gegenüber, aus dem folgt, dass mindestens eine Person aus der Gruppe, oft auch der Ellbogenmann, versucht, den gemeinsamen öffentlichen Raum gerecht zu teilen. Es gibt aber auch den Blick, der frech erwidert: Hier laufe ich, und du hast hier gar nichts zu suchen. In Gruppendynamik kommt er oft vor. Da rette sich, wer kann. Und dann gibt es diejenigen, die gar nicht erst schauen. Deren Blick man gar nicht einfangen kann, die mit der Welt um sich herum nichts zu tun haben, obwohl sie sich gerade in ihr bewegen. Es sind erschreckend viele dieser Seelen, und es sind beileibe nicht nur die ganz jungen, denen man so in der Stadt begegnet – oder vielmehr nicht.