FAZ 06.01.2026
14:25 Uhr

Fußballklub mit Problemen: Das Chaos als einzige Konstante bei Manchester United


Nach dem Rauswurf von Rúben Amorim sucht der englische Fußball-Rekordmeister Manchester United mal wieder einen Trainer. Was der einstige Spitzenklub noch dringender bräuchte: einen Plan.

Fußballklub mit Problemen: Das Chaos als einzige Konstante bei Manchester United

Rúben Amorim und Manchester United: So richtig gepasst hat das in den 14 Monaten seiner Zeit als Trainer nie. Insgesamt hat der Portugiese fast genauso viele Spiele verloren wie gewonnen, in der Premier League führte er den zwanzigmaligen englischen Meister vergangene Saison nur auf den 15. Tabellenplatz. Zwischenzeitlichen Erfolgen wie dem Einzug ins Europa-League-Finale im Mai standen stets Blamagen gegenüber. In Erinnerung bleibt etwa das Ausscheiden aus dem Ligapokal gegen den Viertligaklub Grimsby Town im August. Am Montag haben sich Trainer und Verein nach öffentlichen Scharmützeln nun voneinander getrennt, was angesichts der Bilanz nicht gerade eine Sensation ist. Wohl aber demonstriert die Angelegenheit einmal mehr, dass United auch im dreizehnten Jahr seit der bislang letzten Meisterschaft noch immer jede Orientierung fehlt. Trainer oder Manager? Zum Schluss hat Amorim seinen Rauswurf durch offene Kritik an der Klubführung quasi erzwungen. Gegensätzliche Auffassungen über benötigte Zugänge in diesem Winter-Transferfenster wurden deutlich, als er sagte, die Scouting-Abteilung und der Sportdirektor müssten „ihre Arbeit machen“, während er die seine erledige: „bis ein anderer kommt und mich ersetzt“. Unmöglich, das nicht als Angriff gegen Uniteds CEO Omar Berrada, den Sportlichen Leiter Jason Wilcox und den deutschen Chef der Personalbeschaffung Christopher Vivell zu verstehen. Und als Ausdruck interner Streitigkeiten darüber, wer welche Entscheidungen trifft. Er wolle klarmachen, dass er als „Manager“ zu United gekommen sei, betonte Amorim kurz vor seinem Rauswurf, und „nicht nur als Trainer“. Das war ihm wichtig. Seine Stellenbeschreibung, das sei dazugesagt, wies ihn als „Head Coach“ aus – also als Trainer, nicht als die Figur, die Transferpolitik und Aufstellungen in Personalunion erledigt, wie man das aus England kennt. Das ist die Folge eines Kulturwandels, den United schon seit Jahren eher krampfhaft zu vollziehen versucht: Weg von nahezu allmächtigen Managern, wie der sagenhaft erfolgreiche Alex Ferguson einer war, hin zu einer zeitgemäßeren Aufgabenteilung. Dadurch soll die mittel- und langfristige strategische Ausrichtung der Mannschaft unabhängiger von einzelnen Entscheidungsträgern werden. Vor dem Hintergrund wirkt Amorims Manager-Anspruch eigenartig, was die Frage aufwirft, ob ihm bei seinem Wechsel von Sporting Lissabon in den Nordwesten Englands womöglich zu viel versprochen wurde. Was will Manchester United eigentlich? Und man fragt sich: Was will Manchester United eigentlich? Das umriss der Klub, als er vor fast fünf Jahren John Murtough zum ersten Fußballdirektor seiner Historie ernannte. Wie United damals mitteilte, sollten bei ihm die Fäden aus den einzelnen Bereichen zusammenlaufen. Er sollte täglich mit dem Trainer zusammenarbeiten – damals Ole Gunnar Solskjaer –, unter anderem bei der Rekrutierung von Zugängen. Die dazu nötigen Informationen würden Scouting- und Daten-Experten liefern. Für Vertragsverhandlungen, die im alten englischen Modell der „Manager“ führte, gab es einen „Director of Football Negotiations“. Doch die „Gesamtverantwortung für Betrieb und Strategie“, hieß es, trug Murtough. Im Sommer 2024 warb United für die neu geschaffene Position Dan Ashworth vom Ligakonkurrenten Newcastle ab und ließ sich das Millionen kosten. Fünf Monate später warf Ashworth das Handtuch. Berichten zufolge wollte Amorim im Januar Spieler nach Manchester holen, die zu seiner annähernd religiös praktizierten 3-4-3-Formation passen. Dagegen sollen Wilcox und Berrada nach Personal für einen progressiveren Spielstil gesucht haben – wohl schon mit Blick auf die Zeit nach Amorim. Das wiederum bewertete der Trainer als Einmischung in seinen Zuständigkeitsbereich. Passend dazu sagte Wilcox im Rahmen eines Galadinners im Herbst, die zurückliegenden rund 18 Monate seit seinem Wechsel vom FC Southampton zu United – zunächst als Technischer Direktor, nach Ashworths Abgang als Sportlicher Leiter – seien wie eine „Achterbahnfahrt“ gewesen. „Ich dachte, der Klub wäre in einer viel besseren Verfassung, als er tatsächlich war“, wurde er in den Medien zitiert: „Wir hatten keine fußballerische Identität.“ Keine Identität, keine allen Entscheidungen auf der Ebene des Sports zugrunde liegende Idee, kein Plan: Dieses Chaos zieht sich bei United nun schon seit mehr als einem Jahrzehnt durch. Genau da wollte der Chemikalien-Milliardär Jim Ratcliffe den Hebel ansetzen, als seine Firma Ineos im Februar 2024 bei United einstieg und die Verantwortung für den Fußballbetrieb übernahm. Gelungen ist ihm das bislang nicht. Bei der kurzen Auswärtsfahrt zum benachbarten FC Burnley am Mittwochabend wird U-18-Trainer Darren Fletcher die Mannschaft betreuen, danach will United einen Interimstrainer bis zum Sommer engagieren. Wer von der nächsten Saison an sein Glück als neuer Head Coach versuchen darf, ist offen.