FAZ 03.12.2025
17:13 Uhr

Fußball und Sicherheit: Angebot zur Abrüstung


Noch bevor die Innenministerkonferenz beginnt, wird klar: Der Fußball konnte die Hardliner in der Politik erweichen. „Dialog statt Konfrontation“ lautet nun das Motto. Aber hört eine maßgebliche Gruppe überhaupt zu?

Fußball und Sicherheit: Angebot zur Abrüstung

Die Innenministerkonferenz hatte noch gar nicht begonnen, da hat der Bremer Innensenator und Gastgeber Ulrich Mäurer bereits alle zu erwartenden Ergebnisse bekanntgegeben. Anders als von einigen Hardlinern angeregt, sollen Eintrittskarten für Bundesligaspiele nicht personalisiert werden. Die Frage, ob beim Stadioneinlass Künstliche Intelligenz zur Gesichtserkennung eingesetzt wird, steht auch nicht auf der Tagesordnung. Stadionverbote sollen auch weiterhin zunächst von den Vereinen verhängt werden, neu geschaffen wird aber eine „Kommission auf Bundesebene“ als übergeordnete Instanz. Damit Polizei, Vereine und Betroffene Urteile überprüfen lassen können. Eine Subkultur, die sich nicht abschaffen lässt All das sind die Resultate eines vor einem Jahr begonnenen Prozesses, in dessen Verlauf viel verhandelt, diskutiert und ausbalanciert wurde: Die Politik hat verstanden, wie komplex der Umgang mit Fußballfans ist, weil es sich in Teilen um eine Subkultur handelt, an die viele Tausend Menschen angeschlossen sind. Ein gesellschaftliches Phänomen, das sich nicht einfach abschaffen lässt. Statt einer Law-and-Order-Strategie zuzustimmen, haben Verbände und viele Vereine ihre Arbeit mit den Menschen in den Kurven sichtbar gemacht, die oft von Fanprojekten sozialpädagogisch betreut werden. Sogenannte Stadionallianzen haben sich in vielen Bundesländern lokal als Kommunikationsformat zwischen Fans, Klubs, Behörden und Sicherheitsdiensten etabliert. Die Polizei ist aufgerufen, noch stärker deeskalierend als rücksichtslos zu agieren. „Dialog statt Konfrontation“ lautet die Leitidee, sagt Mäurer. Die Gefahr geht nicht von Hardlinern in der Politik aus Nicht zuletzt aufgrund der intensiven Vermittlungsarbeit des Deutschen Fußball-Bundes und der Deutschen Fußball Liga ist ein neuer Rahmen voller kleiner Maßnahmen und Ideen entstanden, der nun mit Leben gefüllt werden muss. Im Mittelpunkt: eine verbesserte Kommunikation von allen Seiten. Eine hochrelevante Gruppe fehlte allerdings im gesamten Prozess: der harte Kern der Ultra-Szenen, der sich vernünftigen Argumenten und demokratischen Prozessen viel zu oft entzieht. Organisationen wie „Unsere Kurve“ treten zwar als Stimme der Fankultur in Erscheinung, haben aber keinen Einfluss darauf, ob sich Delinquenten auf Bahnhöfen prügeln, wie mit Pyrotechnik umgegangen wird und welche Werte in den Kampfsporthinterzimmern gepflegt werden, wo viele Ultras ihren Alltag verbringen. Fanszenen fordern Transparenz, die meisten Ultras agieren aber selbst höchst intransparent. Sie werfen Politikern Populismus vor und entwerfen zugleich populistische Drohkulissen von einer sterbenden Stadionkultur. Bedroht ist diese Kultur nach der Innenministerkonferenz tatsächlich auch weiterhin, aber die Hauptverantwortung für die Zukunft des deutschen Ligafußballs liegt nach diesen Verhandlungen in einem anderen Spielfeld. Selbst unter Fans müsste jetzt die Einsicht einkehren: Die Gefahr geht nicht von Hardlinern in der Politik aus, sondern von den Horden, die immer noch Züge und Busse auf Raststätten überfallen und von Leuten, die jenseits der seltener werdenden Gewaltdelikte immer exzessiver und zunehmend unverantwortlich mit Pyrotechnik hantieren.