FAZ 28.01.2026
16:49 Uhr

Fußball und Fernsehen: Die vielleicht erfolgreichste TV-Show der Welt


Die Symbiose mit dem Fernsehen hat den modernen Fußball geformt wie kaum etwas anderes. Wie wurde die Champions League zum TV-Produkt? Und was ist noch möglich?

Fußball und Fernsehen: Die vielleicht erfolgreichste TV-Show der Welt

Die Dramatik dieses Abends spiegelt sich in einem kleinen Handybildschirm. Auf dem Rasen von Birmingham hat sich um diesen Bildschirm eine Menschentraube gebildet. Morgan Rogers, der Held des Abends, lugt über die Schultern seiner Kollegen, um einen Blick darauf zu erhaschen. Den Ball, den er zuvor dreimal ins gegnerische Tor geschossen hat, hat er unter den Arm geklemmt, aber seine Aufmerksamkeit gilt dem Bildschirm. Denn noch weiß Rogers nicht, was seine Tore wert sind. Es ist ein Bild, das sich die Vermarkter der Champions League kaum schöner hätten ausmalen können. In Barcelona wird noch gespielt an diesem Abend im Januar 2025. Ein Tor dort, schon stehen Morgan Rogers und Aston Villa nicht mehr im Achtelfinale. Alles scheint möglich an diesem letzten Spieltag der neuen Champions-League-Ligaphase, keiner kann wegsehen, auch die Fußballer nicht. Für das Fernsehen ist es ein idealer Moment. Die Symbiose mit dem Fernsehen hat den modernen Fußball geformt wie kaum etwas anderes. Es ist eine Partnerschaft, die aus diesem Sport eine der erfolgreichsten TV-Shows der Welt gemacht hat. Eine Entwicklung, die wohl noch längst nicht beendet ist. An diesem Mittwoch (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Champions League und bei DAZN), wenn zum zweiten Mal der letzte Spieltag des neuen Champions-League-Formats stattfindet, wird die Welt wieder hinsehen. Wieder werden 18 Spiele parallel stattfinden, wieder wird es wild werden, aufregend, reizüberflutend. Wie im vergangenen Jahr, als die Tore zwischenzeitlich im Sekundentakt fielen. Es wird, was die Champions League seit jeher sein soll: ein großes Fernsehspektakel. Als die Europäische Fußball-Union (UEFA) ihren wichtigsten Wettbewerb zur Saison 2024/25 reformierte, ging es vor allem um zwei Dinge: erstens darum, die großen Klubs Europas glücklich zu machen, die Fußballmarken aus Manchester, München, Madrid oder London. Ihnen bringt das neue System mehr Geld und mehr Sicherheit. Zweitens ging es darum, die großen TV-Anbieter glücklich zu machen. Ihnen bringt das neue System mehr Spiele, die sie ihren Kunden anbieten können, außerdem eine kürzere spielfreie Zeit: Die Champions League findet nun auch im Januar statt. Und es bringt ihnen in jeder Saison ein Event, das für das Fernsehen erdacht zu sein scheint. Für den Medienkonsum der Gegenwart und vielleicht für den der Zukunft. Die Champions League ist der strahlendste Wettbewerb Die Symbiose zwischen Fußball und Fernsehen beginnt vermutlich im Jahr 1992. Damals tüfteln im schweizerischen Lugano zwei Deutsche an dem Konzept für einen Wettbewerb, der Sportfans überall auf der Welt vor ihren Bildschirmen fesseln soll. Die beiden Männer heißen Klaus Hempel und Jürgen Lenz, sie sind Marketingexperten. Und sie nutzen einen dreiwöchigen Urlaub, um sich Gedanken zu machen: über einen Namen, eine Hymne, ein Emblem. Sie grübeln über Rituale vor dem Spiel, sie brüten über der Frage, welche die geeignetste Anstoßzeit ist. Aus dem, was die beiden Marketingmänner in den drei Wochen in Lugano ersinnen, wird der am hellsten strahlende Wettbewerb des Vereinsfußballs: die Champions League. Es ist ein Produkt, das haben Hempel und Lenz kürzlich noch einmal detailliert für den ZDF-Film „Trophy Men“ erzählt, das von Anfang an fürs Fernsehen gemacht ist. Ein Wettbewerb, der bis heute TV-Konzerne auf der ganzen Welt anzieht. Aber es ist nicht der einzige. In dem Frühjahr, in dem Hempel und Lenz mit der UEFA an der Champions League arbeiten, verhandelt in London der Engländer Rick Parry mit zwei TV-Anstalten über einen anderen Fußballwettbewerb. Er arbeitet im Auftrag von 22 Klubs, die sich abspalten wollen von der bis dahin bestehenden englischen Fußballliga. Die Größten von ihnen sind seit Jahren unzufrieden damit, wie der englische Fußball sich auf dem TV-Markt verkauft. Nun wollen sie in ihrem eigenen Wettbewerb antreten. Im Buch „The Club“ von Joshua Robinson und Jonathan Clegg kann man nachlesen, wie ein paar ambitionierte Klubeigner die englische Premier League schufen. Von Anfang an, schreiben Robinson und Clegg, sei diesen Männern eines klar gewesen: Wenn sie Geld verdienen wollen, brauchen sie das Fernsehen. Jemanden, der sehr viel bezahlt für das Recht, die Spiele der neuen Liga zu übertragen. Den Zuschlag bekommt damals ein junger Konzern, der dem Medienmogul Rupert Murdoch gehört. Es ist der Startschuss für den Erfolg der besten Fußballliga weltweit. Und ein Push für den Medienkonzern, der mittlerweile wie kaum ein anderer mit Fußball in Verbindung gebracht wird: British Sky Broadcasting, heute bekannt als Sky. Die englische Premier League und die europäische Champions League – das sind die beiden Wettbewerbe, die heute das Geschehen im internationalen Fußball bestimmen. Die Wettbewerbe, von denen junge Fußballer träumen. 1992 aber war die Champions League noch lange nicht das alles überstrahlende Produkt im Fußball, die Premier League war bei ihrer Gründung keineswegs die beste Liga der Welt. Die beiden Wettbewerbe wurden nicht zwangsläufig so erfolgreich. Sie wurden auch deshalb so ­erfolgreich, weil ihre Erschaffer sie von Beginn an als Wettbewerbe für das Fernsehen begriffen. Weil sie verstanden, dass Fußball nicht nur Sport sein kann, sondern auch Entertainment. Einer, der das in Deutschland in jenen Jahren besonders gut verstand, ist Carsten Schmidt. Schmidt, der später CEO von Sky Deutschland wurde, arbeitete um die Jahrtausendwende als Sportchef beim Bezahlsender Premiere. Er glaubte, dass man aus den einzelnen Partien, die sein Sender übertrug, etwas formen konnte, das mehr war als ein Fußballspiel. „Das war eine Wette“, sagt Schmidt heute über die Einführung der Bundesliga-Konferenz. Eine Wette auf ein „neues, unterhaltendes Fußballfernseherlebnis“, wie er das nennt. Das Vorbild kam aus dem Radio, im Fernsehen gab es damals in Europa noch keine Konferenzen. Aber es passte in eine Zeit, in der die Bildschirme den Fußball massentauglich machten; in der die Champions League wuchs und wuchs, in der die Sat-1-Show „ran“ die Bundesliga lauter, schriller, bunter machte. Das Fernsehen entscheidet, wie Fußball konsumiert wird Trotzdem schlug den Leuten von Premiere zu Beginn Skepsis entgegen. Sie mussten gegen die Überzeugung anreden, dass ein Spiel für sich stehen muss, dass man es nicht in Schnipseln konsumieren kann. Aber Premiere verkaufte nun eben nicht mehr nur Fußballspiele. Sondern eine Fußballfernsehshow. Heute bestimmt das Fernsehen entscheidend, wie Fußball konsumiert wird. Experten vor den Kameras beeinflussen, wie über Fußball gedacht wird. Und das Geld, das die Fernsehsender zahlen, ist längst der wichtigste Faktor für die großen Wettbewerbe. Es landet auf den Konten der Fußballer, in den Taschen der Manager oder in den Mauern des neuen Trainingszentrums. Es treibt das Geschäft an, pumpt Wettbewerbe auf. Und es beeinflusst Ergebnisse. Wer den Erfolg von Fußballvereinen in Europa vorhersagen will, kann dafür Statistiken zurate ziehen. Nicht die Statistiken für Zweikämpfe, Ballbesitz oder „erwartete Tore“, sondern die der TV-Einnahmen. Geld holt Punkte. Und je mehr die Sender für die Übertragung der großen Fußballwettbewerbe zahlen, desto größer wird der Vorsprung dieser Wettbewerbe – und der Mannschaften, die dort antreten. Die Wettbewerbslandschaft im Fußball ist ein Spiegelbild der Fernsehgelder. Der Spitzenfußball ernährt sich von TV-Geldern. Umgekehrt aber lebt auch das Pay-TV vom Spitzenfußball. Deshalb können auch die besten Wettbewerbe, die Champions League und die Premier League, noch immer wachsen: weil das Bezahlfernsehen kaum etwas so gut gebrauchen kann wie die weltbesten Fußballer. Pay-TV ohne Sportrechte – das ist schwierig „In diesem Business sagt man: Mit Sport verkaufst du dein Abo, mit der Unterhaltung verhinderst du die Kündigung“, sagt François Godard. Er ist Analyst für den Sportrechtemarkt und berät Firmen wie DAZN oder Sky, aber auch die Deutsche Fußball Liga (DFL). Pay-TV ohne Sportrechte, das sei schwierig, sagt er. In einer Branche, in der mittlerweile alles jederzeit abrufbar ist, ist ein Produkt viel wert, das im Kern noch immer aus Live-Events besteht. Aus Ereignissen, die man nicht verpassen will. Sport ist der perfekte Köder für Abonnenten. Nach 1992 kannte die Partnerschaft zwischen Fußball und Fernsehen vor allem eine Richtung: Es ging aufwärts. „Alle drei Jahre sind die Fernsehgelder förmlich explodiert“, hat der frühere Fußballmanager Heribert Bruchhagen der „Frankfurter Rundschau“ gerade über die Anfangszeit der Deutschen Fußball Liga gesagt. Mittlerweile aber ist der Trend ein anderer. Der Markt ist komplizierter geworden. Die Gelder für die Champions League steigen zwar weiter, sagt der Analyst François Godard. Aber: „Der Anteil der nationalen Ligen sinkt.“ Wer trotzdem wachsen will auf diesem Markt, muss sich etwas einfallen lassen. Und die UEFA will, dass ihr Edelprodukt noch weiterwächst. Sie linst dabei auf den letzten großen, noch recht unerschlossenen Fußballmarkt: auf die USA. Als die UEFA im vergangenen Herbst ihre Fernsehrechte neu ausschrieb, richtete sie sich auch nach den großen Streamingplattformen aus Amerika. Sie organisierte die Ausschreibung erstmals ­gemeinsam mit der amerikanischen Agentur Relevent, die Spezialistin darin ist, den Fußball in die USA zu senden. Immerhin einen US-Anbieter gewann die UEFA auch dazu: In Deutschland und England wird künftig der Streamingdienst Paramount die Champions League übertragen. Und die Einnahmen, so viel steht nach der Ausschreibung fest, werden auch in den kommenden Jahren weiter steigen. François Godard sieht darin einen Erfolg für beide: das Fernsehen und die UEFA. Eine Bestätigung für die neue Ligaphase der Champions League, auch wenn sie erst einmal unübersichtlich schien; ein Grundrauschen aus Fußballspielen. Und für den letzten Spieltag dieser Liga. Wenn man Fußball in Amerika vermarkten will, dann müsse man Spiele vielleicht öfter als besondere Events verkaufen, sagt Godard. So gesehen passt dieser letzte Spieltag nicht nur zum Fernsehen, sondern auch in den Sehnsuchtsmarkt der UEFA. Er passt außerdem in eine Zeit, in der Menschen überall auf der Welt um ihre Aufmerksamkeit trauern. Und in der die Entscheider im Fußball fürchten, dass ihr Produkt ein Problem bekommt: weil sich junge Menschen angeblich nicht mehr 90 Minuten am Stück auf ein Spiel konzentrieren können. Wenn an diesem Mittwoch in 18 europäischen Stadien gleichzeitig Fußball gespielt wird, in London und Leverkusen, in Monaco, Bilbao und auf Zypern, dürfte es wieder zu Momenten kommen, in denen die Tore im Sekundentakt fallen. In denen dann auch in Sekundenschnelle von Monaco nach Bilbao nach Madrid geschaltet wird. Man wird, wenn man die Fernsehkonferenz schaut, eher Fußballschnipsel sehen als Fußballspiele. Ein Abend wie auf Tiktok, live im Fernsehen. Womöglich sinkt dadurch wirklich die Wahrscheinlichkeit, dass man sich von anderen Dingen ablenken lässt, etwa von seinem kleinen Handybildschirm. Es sei denn, man steht schwitzend am Spielfeldrand und muss unbedingt wissen, ob in Barcelona noch ein Tor fällt.