FAZ 03.01.2026
14:46 Uhr

Fußball-WM in den USA: Die FIFA sagt: Der 117 Meter lange Name muss abgedeckt werden


Auch die WM-Stadien in den USA verlieren während des Turniers ihre Sponsorennamen – auf Anordnung der FIFA. Diese Praxis und einige der neuen Bezeichnungen dürften mancherorts für Verwunderung sorgen.

Fußball-WM in den USA: Die FIFA sagt: Der 117 Meter lange Name muss abgedeckt werden

Der Bürgermeister von Arlington in Texas ist den Kummer längst gewohnt, dass seine Kommune mit fast einer halben Million Einwohnern in der Mitte zwischen den beiden größeren Nachbarstädten Dallas und Fort Worth immer wieder ignoriert wird. Besonders, wenn es um Sport geht. Dass etwa die Texas Rangers, die ältere der beiden Baseball-Mannschaften aus dem Bundesstaat in der obersten Liga, und die Footballer der Dallas Cowboys, Spitzname „America’s Team“, in seiner Gemarkung residieren, ist in den Köpfen der meisten seiner Landsleute bis heute nicht angekommen. „Das ist schon ziemlich hart“ Aber vor einem Jahr machte sich Jim Ross erstmals Luft. „Wir verlangen nicht viel“, sagte er. „Aber einem Stadion den Namen einer anderen Stadt zu geben, das ist schon ziemlich hart.“ Das Ärgernis? Für die Fußball-Weltmeisterschaft drückte der Fußballweltverband FIFA durch, dass die Arena der Cowboys, in der neun Begegnungen stattfinden werden, bei der WM als „Dallas Stadium“ firmiert. Eine Immobilie, an deren Entstehungskosten die Steuerzahler von Arlington übrigens mit 325 Millionen Dollar (umgerechnet 276 Millionen Euro) beteiligt waren. Und die offiziell der Stadt gehört. Ross ist nicht der Einzige, den die Situation beschäftigt. Allerdings sah Cowboys-Eigentümer Jerry Jones, der ebenfalls eine Menge Geld in das Stadion gesteckt hat, von Anfang an die Chance, von der Strahlkraft der WM zu profitieren, als Plus. Auch wenn er aufgrund strenger FIFA-Regeln im kommenden Sommer alle Spuren der Inhaber der Namensrechte verschwinden lassen muss: der Telefonfirma AT&T, die ihm dafür jedes Jahr zig Millionen bezahlt. Abgedeckt werden müssen unter anderem die beiden 13 Meter hohen und 117 Meter langen Schriftzüge auf dem einziehbaren Dach. „Wir werden mit jedem Spiel so umgehen, als wäre es das Finale“, signalisierte Jones, der kein Problem damit hatte, das vergleichsweise schmale Football-Spielfeld mit einem baulichen Kunstgriff FIFA-gerecht zu vergrößern. Es wird fünf Meter höher gelegt, um auf diese Weise die unteren Tribünenränge entlang der Seitenauslinien nutzen zu können. Als die Vereinigten Staaten vor drei Jahrzehnten zum ersten Mal eine Fußball-Weltmeisterschaft ausrichten konnten, waren derart massive Eingriffe noch kein Thema. Das Teilnehmerfeld war mit 24 Mannschaften deutlich überschaubarer. Das Gleiche galt für die Zahl der Austragungsorte – neun riesige Football-Stadien mit Platz für zwischen 56.000 und 100.000 Zuschauer. Nur eine Arena bereitete den amerikanischen Organisatoren Kopfschmerzen: der Silverdome außerhalb von Detroit. Da sich der Weltfußballverband nicht erweichen ließ, sah man sich gezwungen, auf äußerst kreative Weise in der Riesenhalle Naturrasen auszubringen. Die Lösung: fast 2000 sechseckige Pflanzenkübel, in denen sich das Gras einsäen und auf dem Parkplatz wässern und pflegen ließ. Sie wurden im Innern zu einer Spielfläche zusammengeschoben. Wo liegt das „New York New Jersey Stadium“? Für die Mammut-WM 2026 wurden aber nicht nur mehr Austragungsorte gebraucht. Die Regularien der FIFA brachten fast alle Stadien, auch in Kanada und Mexiko, in Zugzwang. Der Grund: Sportpaläste wie der in Arlington verfügen über keinen klassischen Namen mehr, sondern fungieren als Denkmäler einer an den Sport angekoppelten Corporate-Branding-Kultur. Ob Weltkonzerne wie mit dem Mercedes-Benz Stadium in Atlanta, US-Finanzunternehmen wie So Fi in Los Angeles oder Met Life vor den Toren von New York, internationale Lifestyle-Marken wie Gillette (in Foxborough außerhalb von Boston) und Levi’s (unweit von San José) oder landesweit kaum bekannte Firmen wie der Energieversorger NRG (in Houston) oder das Telekommunikationsunternehmen Lumen (in Seattle) – sie alle reiten auf einer vor ein paar Jahrzehnten angeschobenen Welle. Problematisch wird das Ganze normalerweise nur, wenn Abmachungen überraschend platzen. Wie etwa, als die Krypto-Handelsplattform FTX 2022 nur ein Jahr nach Vertragsunterzeichnung für die Namensrechte der Basketballhalle in Miami pleiteging. Oder wenn wie im Fall des Versicherungskonzerns Allianz, der 2008 über eine Laufzeit von 30 Jahren einen Gesamtbetrag von rund 500 Millionen Euro für die Namensrechte des neuen Football-Stadions in der Peripherie von New York offerierte, die jüdische Bevölkerung in der Region lautstark an die Nazivergangenheit des Unternehmens erinnert. Das Unternehmen sah sich genötigt, das Angebot zurückzuziehen. Man riskierte zehn Jahre später ein Engagement auf kleinerer Flamme in Minneapolis – ohne dass es zu Protesten kam. Umbenennung von Stadien keine neue Praxis Dabei ist die zeitweise Umbenennung von Stadien keine neue Praxis und auch nicht allein auf die USA beschränkt. So durften bei der Fußball-EM 2024 in Deutschland lediglich zwei von zehn Stadien, das Volksparkstadion Hamburg und das Olympiastadion Berlin, ihren Stammnamen behalten aufgrund der Regularien des Europäischen Fußballverbandes (UEFA). Alle anderen Arenen hatten ihre Namensrechte an Sponsoren verkauft wie etwa der Signal-Iduna-Park in Dortmund, aus dem zeitweise das BVB-Stadion Dortmund wurde. Der aktuelle Eingriff der FIFA in den nordamerikanischen Sportalltag könnte nun nach Ansicht amerikanischer Beobachter noch „für einige Konfusion sorgen“, wie etwa der in Seattle beheimatete lokale Fernsehsender Fox 13 mutmaßt. Als Beispiel nannte man die Umbenennung jener Arena, in der am 19. Juli das Finale stattfinden wird. Hier, wo die NFL-Teams der New York Giants und Jets – offiziell im Nachbarbundesstaat New Jersey – ihre Heimspiele austragen, mixte man einen neuen geographischen Cocktail zusammen. Immerhin: Wer „New York New Jersey Stadium“ in einer Google-Suche eingibt, bekommt in der beigefügten Landkarte sechs Monate vor Beginn des Turniers tatsächlich die richtige Gegend angezeigt. Das Einzige, was auf dem digitalen Messtischblatt fehlt: der von der FIFA ausgedachte Name.