FAZ 29.12.2025
10:56 Uhr

Fußball-WM 2026: Nagelsmann ist jetzt als Turniertrainer gefragt


Im langen Weg zum Ziel bei dieser XXL-Version einer Fußball-WM liegt für die Deutschen auch eine Chance: Der Bundestrainer sollte dafür allerdings selbst zum Rollenspieler werden.

Fußball-WM 2026: Nagelsmann ist jetzt als Turniertrainer gefragt

Für Fußballtrainer im Allgemeinen und den Bundestrainer im Besonderen wird gern das Bild des Puzzlespielers verwendet, der über der Zusammensetzung seines Personals grübelt. Dabei ist diese Vorstellung gleich doppelt schief. Zum einen würde es ja bedeuten, dass es ein fertiges, vollkommen perfektes Gesamtbild gibt. Zum anderen gäbe es ja auch nur genau eine Lösung, was für den Fußball-Bundestrainer Julian Nagelsmann ganz bestimmt nicht passt. Dieser ist hier auch schon als Jenga-Spieler beschrieben worden. Der es seit der Europameisterschaft auch deshalb nicht geschafft hat, einen stabilen Turm zu bauen, weil er immer wieder an kritischen Stellen ein Klötzchen wegziehen musste: die Verletzten wie Kai Havertz oder Jamal Musiala. Vielleicht sollte man sich Nagelsmann aktuell aber als Tetris-Spieler vorstellen. Jedenfalls fallen gerade ein paar ziemlich interessante Teile herunter, von denen sich noch zeigen muss, ob er sie in der Kürze der Zeit gut eingepasst bekommt. Da wäre zum Beispiel links ein längeres vertikales oder ein anderes, das eher quer läuft, mit markantem Winkel nach vorn, anzudocken entweder rechts oder zen­tral. Es wird bis zur Weltmeisterschaft, die für die Deutschen am 14. Juni mit dem Spiel gegen Curaçao beginnt, aber nicht nur spannend, ob Nagelsmann für Saïd El Mala oder Lennart Karl Verwendung findet, sondern auch, was passiert, wenn die Teile, die er bislang als Jenga-Spieler kennt, nun bei Tetris vom Himmel segeln. Auch so schon weckte das 6:0 gegen die Slowakei die Phantasie, dass vielleicht doch noch etwas günstig zusammenfallen könnte. Bevor nun auch hier etwas schief am Bild vorkommt, vielleicht noch zwei grundsätzliche Gedanken zum Spiel namens Weltmeisterschaft, das als FIFA 2026 erstmals in der XXL-Edition unterm Baum liegt. Zum einen kann man die Gewinnaussichten immer aus zwei verschiedenen Perspektiven betrachten. Und damit zum zweiten Gedanken. Die Challenge dieser WM besteht wie bei keiner vor ihr darin, einen langen Weg zum Ziel zu meistern. Darin liegt gerade für die Deutschen eine Chance, weil es noch Zeit gibt, dass zusammenfindet, was bislang nicht recht zusammenpasste (und weil es nicht mehr so leicht ist, schon im ersten Level auszuscheiden). Fängt man mit den Defiziten bei den eigenen Skills an, fehlen den Deutschen hier und da schon ein paar Punkte, auf die es ankommen könnte. Schaut man sich aber um, wie viel Perfektion es sonst so gibt, sieht es – auch im Rückblick auf vergangene Ausgaben – schon wieder etwas freundlicher aus. Das bedeutet aber auch, dass Nagelsmann, der vor seinem ersten Turnier so viel über Rollen sprach, in seinem zweiten selbst als Rollenspieler gefragt ist: als Turniertrainer, der gute Entscheidungen trifft, insbesondere aus der Situation heraus. Der es aber auch schafft, ein komplexes soziales Gefüge über bis zu acht Wochen so zu steuern, dass keine Laune entsteht wie die von Joshua Kimmich beim verlorenen Mensch-ärgere-dich-nicht. Wie es um Nagelsmanns Händchen steht, muss sich erst noch zeigen. Was man aber schon sagen kann: dass ein paar Konsolen im Gepäck dafür nicht reichen werden.