Schnelle Bälle diagonal durch die gegnerische Deckung, rasante Dribblings auf beiden Flügeln und ein siebter Sinn für Chancen, die sich automatisch ergeben, wenn Verteidiger einen Schritt zu spät kommen – wer auf solche Weise Raum und Zeit optimiert, kann es in der nordamerikanischen Fußballliga weit bringen. Für die Vancouver Whitecaps, die in der Nacht zum Sonntag auf diese Weise gegen Liganeuling San Diego FC eine Halbzeit-Führung von 3:0 herausarbeiten konnten, heißt das: so weit wie noch nie. Die Mannschaft steht nach ihrem 3:1-Sieg zum ersten Mal in den vierzehn Jahren ihrer Verweildauer in der Major League Soccer (MLS) im Finale. Was der Liga eine Wunschkonstellation beschert: Thomas Müller, der im August an die kanadische Westküste gewechselt war, trifft dabei am kommenden Samstag (20.30 Uhr MEZ/Apple TV) auf Lionel Messi und sein Glamour-Outfit Inter Miami. Müller als Katalysator für den Erfolg Müller war einmal mehr der Katalysator für den Erfolg. Er trägt in seiner neuen Sport-Heimat so gut wie in jedem Spiel – mal als souveräner Spielmacher, mal als Vollstrecker – dazu bei, dass die Mannschaft ihr Potential auf druckvolle Weise entfaltet. Das einzige Problem, das der dänische Trainer Jesper Sørensen in seiner ersten MLS-Saison bis zum Samstag nicht hatte lösen können: wie sich aus dem 36 Jahre alten Weltmeister aus Deutschland und dem Alt-Kapitän Ryan Gauld, der Ende September nach einer langen Verletzungspause zurückgekehrt war, ein produktives Mittelfeld-Gespann machen lässt. Es ist nicht nur ein taktisches Problem, sondern auch eines der Typen. Der Schotte, der in diesem Jahr in Vancouver viermal so viel verdient wie der neue Star der Mannschaft, müsste dazu die zweite Geige spielen. Eine ungewohnte Rolle. Sørensen löste das Problem gegen San Diego mit einem Zwei-Tore-Vorsprung im Rücken auf unkonventionelle Weise. Er nahm in der 61. Minute Müller heraus und ersetzte ihn durch Gauld. Der wusste sich zu entfalten. Kaum hatte er mit einem Spurt Richtung Tor Pablo Sisniega zu einer Notbremse provoziert, für die sich San Diegos Schlussmann die Rote Karte einhandelte, scheiterte er mit einem Schuss am linken Pfosten. „Wir wachsen als Team zusammen“ Ein zufriedener Müller umschiffte nach dem Schlusspfiff in seiner Würdigung des Erreichten solche und andere Details, wie das Fehlen des wegen einer zweiten Gelben Karte gesperrten Verteidigers Tristan Blackmon, des MLS-Abwehrspielers des Jahres. „Ich bin stolz auf mein Team. Wir haben eine phantastische erste Halbzeit gespielt“, sagte er. „Wir wachsen als Team zusammen. Wir haben so viele Kämpfer mit so vielen Qualitäten.“ Sie alle werden in einer Woche noch mal alles geben müssen, wenn sie als Schlusspunkt auch noch die gut eingespielte Messi-Maschine schlagen wollen. Miami fertigte im anderen Halbfinale den New York City FC überlegen 5:1 ab. Müller bringt das Finale bereits die elfte unmittelbare Auseinandersetzung mit dem Argentinier auf Klub- und Nationalmannschaftsebene. Die Bilanz spricht für Müller, der bisher siebenmal als Gewinner vom Platz ging und nur dreimal als Verlierer. Die bedeutendste Begegnung war fraglos das WM-Finale 2014 in Brasilien, das Deutschland nach Verlängerung gewann. Der haushohe 8:2-Sieg von Bayern München gegen den FC Barcelona im Viertelfinale der Champions League 2020 war ebenfalls denkwürdig. Müller wollte jedoch nicht sticheln: „Es macht mir Vergnügen, ihn spielen zu sehen. Miami ist ein starkes Team. Das wird ein riesiges Finale.“ „Eine der wichtigsten Entscheidungen in unserer Geschichte“ Die Liga kann den Hype um das Duell gut gebrauchen. Der Spielbetrieb der vergangenen Saison verzeichnete einen Rückgang von fünf Prozent bei den Besucherzahlen auf 21.988 Zuschauer. Gründe gibt es viele, darunter die Klub-WM im Sommer, die parallel einen Teil des Zuschauerinteresses absaugte. Einer der Gründe, weshalb die Liga aus den fast drei Jahrzehnten ihrer Existenz eine schon länger fällige Schlussfolgerung zog: 2027 kommt die Anpassung an den internationalen Fußballkalender. Statt im Frühjahr beginnt die Saison im Spätsommer und endet mit dem Finale im Mai. Damit nimmt man den direkten Konkurrenzkampf um die Aufmerksamkeit des nordamerikanischen Sportpublikums gegen reichweitenstärkere Ligen wie die NFL, die NBA und die NHL auf. Die Umstellung sei „eine der wichtigsten Entscheidungen in unserer Geschichte“, sagte Liga-Commissioner Don Garber Mitte November, als das Vorhaben offiziell beschlossen wurde. Die Verzahnung des Spielplans mit dem Rest der Welt werde „die globale Wettbewerbsfähigkeit unserer Klubs stärken, bessere Möglichkeiten auf dem Transfermarkt schaffen und sicherstellen, dass unsere Play-offs ungestört im Mittelpunkt stehen“. Die Major League Soccer zieht ebenfalls Konsequenzen aus den Erfahrungen mit der Rechtevergabe an den Streaming-Anbieter Apple TV. Der Vertrag kam zur gleichen Zeit zustande wie der Wechsel von Lionel Messi nach Miami und bedeutete eine stabile Einnahmegarantie bis 2032. Doch was auf den ersten Blick finanziell lukrativ schien, entwickelte sich zu einem Bumerang: Die Übertragungen hinter der Bezahlschranke anstatt auf einem der Kanäle im Kabelfernsehen sorgten insgesamt für eine reduzierte Sichtbarkeit in den nationalen Medien. Beschwerden über die Entwicklung („schlecht für die Fans“) kamen schon vor Monaten aus den Chefetagen einiger Franchises. Nun wird die Abmachung bereits 2028 auslaufen und der Liga die Möglichkeit geben, einen neuen Medienpartner zu finden. Der 38 Jahre alte Messi bleibt der Liga zumindest bis 2028 als Galionsfigur erhalten. Er verlängerte seinen Vertrag mit Inter Miami bereits im Oktober. Mit einem Gehalt inklusive Bonuszahlungen von 20 Millionen Dollar pro Jahr (umgerechnet 17,5 Millionen Euro) ist er der mit Abstand teuerste MLS-Spieler. Er allein bekommt mehr, als zwanzig Franchises für ihre kompletten Kader ausgeben.
