FAZ 04.12.2025
12:13 Uhr

Fußball-EM in Deutschland: Zeit, dass sich was dreht


Wer ein Großturnier wie die Frauenfußball-EM ausrichtet, ist in der Bringschuld: Der DFB muss die Chance nutzen, die sich ihm als Ausrichter bietet.

Fußball-EM in Deutschland: Zeit, dass sich was dreht

Es sagt viel über die Situation des Frauenfußballs hierzulande aus, dass er nach einer Momentaufnahme der Ernüchterung sogleich sportpolitischen Rückenwind erhalten hat: Das verlorene Nations-League-Finale in Madrid gegen Spanien lag keine 24 Stunden zurück, da verschob sich der Blick auf einen Auftritt in der Schweiz, wo eine Entscheidung von größerer Tragweite gefällt wurde. Der Beschluss der Europäischen Fußball-Union, dass in Deutschland 2029 die nächsten kontinentalen Titelkämpfe ausgerichtet werden, sendet eine klare Botschaft. Dem Land und dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) wird zugetraut, die Entwicklung des Frauenfußballs weiter voranzutreiben und zu prägen – ein Vertrauensvorschuss, der Erwartung und Verantwortung gleichermaßen bündelt. Die Geschichte des Frauenfußballs ist also noch lange nicht auserzählt. Es geht voran. Eine schöner Gedanke. Ligaverband ohne den Dachverband gegründet Weitere 24 Stunden später ist er schon wieder Makulatur. Denn am Donnerstagnachmittag verkündeten die 14 Klubs der Frauen-Bundesliga, dass sie die Gründung des Ligaverbandes (FBL) am 10. Dezember, ein überfälliger Schritt zur weiteren Professionalisierung, ohne den Dachverband in Frankfurt feiern werden. Vermutlich werden keine Sektkorken fliegen. Auch ohne Beurteilung des Falls – der DFB soll Absprachen infrage gestellt haben – wirft der Streit das nationale Projekt Frauenfußball just im Moment einer wunderbaren Aussicht gewaltig zurück. So eine EM im eigenen Land, vor allem der fixe Zeitpunkt, hat das Potential eines Beschleunigers für alles, was es zu tun gibt. Vier Jahre sind sicherlich zu wenig, um eine neue Generation Spielerinnen unter besten Bedingungen auszubilden. Aber in diesen Jahren könnten die Grundlage gelegt werden für all das, was im Argen liegt: Nachwuchsleistungszentren, professionell ausgestattete Trainingsstätten zu entwickeln, die wirtschaftlichen Voraussetzungen für einen Mindestlohn zu schaffen, auf der gesamten Profi-Ebene Arbeitsverträge mit zeitgemäßem Mutterschutz einzuführen und so weiter. Vieles davon existiert erst fragmentarisch. Mit der EM im Rücken und vor Augen machen sich die eher bremsenden Funktionäre im deutschen Fußball endlich selbst Beine, können die Politik und die Wirtschaft auf ein greifbares, sehr attraktives Ziel einschwören. Das bewegt Dinge, die sonst nur in einem zähen Prozess durchgesetzt werden können, wenn überhaupt. Großereignisse, wie auch die Olympischen Spiele, können, wenn es eine guten Plan gibt, als Katalysatoren dienen. Sie haben viel mehr zu bieten als ein paar Wochen Spitzensport. Für diese einmalige Chance aber müssen alle Kräfte gebündelt werden. Sonst ist die Chance vergeben, ehe sie genutzt werden kann. Das wäre unverzeihlich.