Diesen Fragebogen hat Marcel Proust nie ausgefüllt. Denn er ist eine auf den Fußball zugespitzte Variante eines zu Zeiten des französischen Schriftstellers beliebten Gesellschaftsspiels. Wir spielen es weiter mit Menschen aus dem Fußball, die bereit sind, die Herausforderung an Geist und Charme anzunehmen: diesmal mit dem früheren Eintracht-Torwart Kevin Trapp. Was ist für Sie das größte Glück als Fußballer? Ich habe mein Hobby, meine größte Leidenschaft, zum Beruf machen dürfen. Allein die Jobzufriedenheit zu haben, die damit einhergeht, ist ein unfassbares Privileg und Glück. Dazu kommt, dass ich mich jeden Tag draußen bewegen darf. Ich darf meinen Bewegungsdrang ausleben, ohne eine teure Fitnessstudio-Mitgliedschaft bezahlen zu müssen. Mittlerweile bin ich auch total dankbar, dass ich durch den Beruf die halbe Welt sehen durfte. Anfangs war es mir gar nicht so bewusst, wie schön es ist, immer auf Reisen zu sein und die Vielschichtigkeit der Welt zu sehen. Aber heute schaue ich auch gerne beim Landeanflug aus dem Fenster und sammle ganz bewusst diese Eindrücke, wenn man sich einer Stadt von oben nähert. Und was ist für Sie das größte Unglück als Fußballer? Dass wir sehr fremdbestimmt sind. Woran erkennen Sie einen guten Spieler? Irgendwann reicht Talent nicht mehr aus. Dann kommt es auf den Kopf an. Der Schlüssel bei allen herausragenden Sportlern ist es, dass sie eine herausragende intrinsische Motivation haben. Sie wollen von sich aus besser werden, niemand muss sie schubsen. Zlatan Ibrahimovic, Cristiano Ronaldo und Manuel Neuer haben eines gemeinsam: Sie waren oder sind allesamt länger außergewöhnlich gut als die meisten anderen, weil sie immer weiter wollten. Weil sie ihren Körper und Geist gepflegt haben und noch pflegen. Gute Spieler erkennt man daran, wenn man ihnen länger zuhört. Wer ist der beste Spieler, gegen den Sie gespielt haben? Ich durfte gegen Cristiano Ronaldo, Lionel Messi und Neymar spielen. Ronaldo hat nie gegen mich getroffen, aber ich habe brutale Gegentore von Neymar bekommen. Auch im schlimmsten Spiel meiner Karriere, in dieser grauenhaften Nacht am 8. März 2017 im Camp Nou (Trapp verlor mit PSG nach 4:0 im Hinspiel 1:6 in Barcelona und schied aus der Champions League aus, d. Red.). Da hat Neymar einen Freistoß gestreichelt, den ich lange nicht vergessen konnte. Welcher Spieler ist besser, als die Allgemeinheit glaubt? Timothy Chandler. Denn was niemand weiß: Er allein kann eine Kabine zusammenhalten, mit Leben und vor allem Energie füllen. Außerdem habe ich in all den gemeinsamen Jahren keine einzige schlechte Trainingseinheit von ihm erlebt – so ein Spieler ist von unschätzbarem Wert. Wer ist der wichtigste Trainer in Ihrer Karriere? Jeder meiner Wegbegleiter hat mich zu dem gemacht, der ich bin. Mit guten und schlechten Entscheidungen – wichtig ist ja, was man daraus mitnimmt. Ich will keinen missen. Wen bewundern Sie? Meine Eltern, weil sie es geschafft und erlaubt haben, mich mit 14 Jahren ins Internat gehen zu lassen. Ich glaube, dass das für Eltern keine Selbstverständlichkeit ist, das Kind so früh loszulassen. Gleichzeitig haben sie sich für mich zerrissen – zeitlich und finanziell, weil sie eigentlich nicht das Geld hatten, das Internat zu bezahlen. Was bewundern Sie? Menschen, die sich nicht aus der Ruhe bringen lassen, egal wie aufwühlend die Situation auch ist. Was fürchten Sie in einem Spiel? Nichts! Meine größte Sorge ist es, vor (!) dem Spiel meine Handschuhe zu verlieren. Deshalb habe ich sie bei Reisen immer bei mir, auch im Flieger. Ein Gedanke, der Sie während eines Spiels überrascht hat? Kein richtiger Gedanke, eher ein Anblick: im April 2022, beim Viertelfinal-Rückspiel in Barcelona. Irgendwann in der zweiten Halbzeit habe ich auf die Anzeigetafel geschaut und diese Ziffern, das 0:3 aus Sicht des Gastgebers, gesehen. Ich konnte nicht fassen, dass wir kurz davor waren, Barça wirklich rauszuschmeißen. Welche Fußballregeln würden Sie ändern? Dass man als Torwart beim Elfmeter nur auf der Linie kleben darf. Das ist ein Riesenvorteil für die Schützen. Wer führt Ihre Gehaltsverhandlungen? Volker Struth und Sascha Breese – seit vielen Jahren! Und sehr gut! Was ist der Sinn des Spiels? Leidenschaftlich auf dem Platz seine Qualitäten zu lassen. Dem Gegner alles abzuverlangen. Die bestmögliche Leistung zu bringen und im besten Fall das Spiel zu gewinnen. Und dabei noch die Zuschauer zu begeistern. Welches Buch haben Sie zuletzt gelesen? „Mindset – Changing The Way You think To Fulfil Your Potential“ von Carol S. Dweck und „Thinking, Fast and Slow“ von Daniel Kahneman. Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einem/er Mitspieler(in) am meisten? Eine gesunde Ego-Kontrolle. Was ist der größte Irrtum über das Leben als Fußballprofi? Dass alles immer perfekt und einfach ist. Messi oder Ronaldo? Ronaldo, weil er sich alles erarbeitet hat. Messi ist mit einem außergewöhnlichen Talent gesegnet, das ihm in die Wiege gelegt wurde. Guardiola oder Klopp? Mit Jürgen habe ich in den letzten Wochen zweimal gesprochen. Direkt nach meinem Wechsel (zu Paris FC, d. Red.) und nach meinem ersten Spiel, da war er zusammen mit Mario Gomez da. Ein beeindruckender Mann! Was lieben Sie am meisten am modernen Fußball? Die Wucht, mit der uns dieser Sport alle bewegt, emotionalisiert, ansteckt und verbindet. Was verabscheuen Sie am meisten am modernen Fußball? Verabscheuen ist ein ganz doofes Wort! Ihre Lieblingsbeschäftigung an einem spiel- und trainingsfreien Tag? Mich treiben zu lassen. Mich vom Tag überraschen zu lassen. Aber nicht langweilig auf der Couch, sondern wach und neugierig. Ich bin gerne in Paris unterwegs, war im Louvre, am Montmartre. Spontan zu sein.
