FAZ 19.01.2026
11:39 Uhr

Frühere Nationalspielerin: Ihre Heldinnen der Geschichte, Frau Knaak?


Die frühere Nationalspielerin Turid Knaak verrät im F.A.Z.-Fragebogen Horst Hrubeschs Vermittlungskünste. Dazu beklagt sie zu lange Verlängerungen und fordert ein Ende der Verschwiegenheitskultur.

Frühere Nationalspielerin: Ihre Heldinnen der Geschichte, Frau Knaak?

Diesen Fragebogen hat Marcel Proust nie ausgefüllt. Denn er ist eine auf den Fußball zugespitze Variante eines zu Zeiten des französischen Schriftstellers beliebten Gesellschaftsspiels. Wir spielen es weiter mit Menschen aus dem Fußball, die bereit sind, die Herausforderung an Geist und Charme anzunehmen: diesmal mit der früheren Fußballspielerin Turid Knaak. Was war für Sie das größte Glück als Spielerin? Neben allen sportlichen Aspekten waren es für mich vor allem die Begegnungen mit großartigen Menschen, die den Sport für mich so wertvoll gemacht haben. Man verbringt mehr Zeit mit Mannschaftskameradinnen und Staff als mit der eigenen Familie. Vor allem, wenn man weit weg von der Heimat spielt. So wird die Kabine häufig eine zweite Familie, und bis heute pflege ich meine engsten Freundschaften mit Menschen, die mir in 20 Jahren im Fußballkontext begegnet sind. Woran erkennen Sie einen guten Spieler? Es ist schwierig, das Wort „gut“ im Fußball zu definieren. Gute Spieler können zum Beispiel besonders schnell, besonders zweikampfstark oder besonders abschlussstark sein. Je nachdem, was eine Position verlangt. Mich haben aber vor allem immer Spielerinnen oder Spieler beeindruckt, die eine besondere Vision vom Spiel haben, die Situationen erkennen, die andere nicht sehen, die für überraschende Momente sorgen und den Fußball so einfach aussehen lassen. À la Cruyff, Zidane, Iniesta, De Bruyne, Putellas ... Wer ist die beste Spielerin, gegen die Sie gespielt haben? Aitana Bonmatí (spanische Nationalspielerin/FC Barcelona). Welcher Spieler ist besser, als die Allgemeinheit glaubt? Toni Kroos! Mittlerweile bekommt er annähernd die Wertschätzung in Deutschland, die er verdient. Er war einer der wenigen deutschen Spieler, die in den letzten 15 Jahren das Attribut Weltklasse für sich beanspruchen konnten. Lange wurde er leider als Querpass-Toni verschrien, dabei spielt der Mann alles, aber wirklich kaum Querpässe. Das weiß ich spätestens, seit ich für den Fußball-Datenanbieter Impect arbeite und seine Zahlen schwarz auf weiß sehe. Außerdem verstehen viele nicht, was es für eine Leistung ist, sich in einem Starensemble wie Real Madrid nicht nur durchzusetzen, sondern über eine Dekade eine prägende Rolle für diesen Verein zu spielen und Jahr für Jahr mit einer unfassbaren Konstanz seine Leistung abzurufen. Wer war der wichtigste Trainer in Ihrer Karriere? Horst Hrubesch, unter dem ich mein Länderspieldebüt im Jahr 2018 gegeben habe. Er hat mir mit seiner lockeren, herzlichen Art wieder sehr viel Spaß am Fußball vermittelt. Über was möchten Sie in der Kabine nicht sprechen? Ganz im Gegenteil! Ich möchte, dass die Kabine ein Raum ist oder besser wird, in dem man über alles sprechen kann. Viel zu oft hat man das Gefühl – das trifft übrigens noch mehr auf den Männerfußball zu –, dass eine Kabine sehr toxisch sein kann, wo Spieler sich nicht trauen, über Gefühle, Gedanken und Probleme zu sprechen. Bestes Beispiel: das Tabuthema Homosexualität im Fußball. Wen bewundern Sie? Intelligente Menschen. Was fürchten Sie in einem Spiel? Leider habe ich mich zu oft davor gefürchtet, Fehler zu machen. Ein Gedanke, der Sie während eines Spiels überrascht hat? – Welche Fußballregeln würden Sie ändern? Ich würde Verlängerungen auf zweimal zehn statt zweimal 15 Minuten kürzen. Es hat sich für mich nie erschlossen, warum noch einmal ein Drittel der Gesamtspielzeit an ein Spiel gehängt wird. Die meisten Spieler sind zu diesem Zeitpunkt ohnehin schon an ihrer körperlichen Grenze, und ja, manchmal sieht man dramatische, selten aber fußballerisch gute Verlängerungen. Was ist der Sinn des Spiels? Fragen wir uns nicht alle, was der Sinn des Spiels ist? Ihr Lieblingsspieler? Das wechselt alle paar Jahre. Gerade ist es Declan Rice vom FC Arsenal. Ein unglaublich guter Spieler mit exzellenten Führungsqualitäten. Ihr Lieblingstrainer? Horst Hrubesch. Welches Buch haben Sie zuletzt gelesen? Leon Uris – Exodus. Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einer Mitspielerin am meisten? Sich in einem Team unterordnen und das eigene Ego hinten anstellen zu können. Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einem Freund oder einer Freundin am meisten? Ich liebe Freundschaften, in denen alles wie immer ist, auch wenn man sich mal ein halbes Jahr nicht gesehen hat. Das passiert mir leider viel zu häufig, da viele meiner Freundinnen im Fußball aktiv sind und in Europa verstreut arbeiten oder spielen. Ihr größter Fehler? Zu viele Pläne für mein Leben zu machen. Am Ende kommt doch immer alles anders. Ihre Helden der Gegenwart? Meine Eltern, die mich auf meinem Weg immer unterstützt und begleitet haben. Mir ist heute erst bewusst, wie viel ihrer eigenen Freizeit sie geopfert haben, um mich in meiner Kindheit und Jugend vier- bis fünfmal die Woche zum Training zu fahren und die Wochenenden regelmäßig auf Sportplätzen zu verbringen. Heute weiß ich das sehr zu schätzen und weiß, welch großen Teil sie dazu beigetragen haben, dass ich so eine tolle Fußballkarriere haben durfte. Ihre Heldinnen der Geschichte? Christa Kleinhans, Helga Nell, Lotti Beckmann und viele mehr. Wahrscheinlich wissen Sie nicht, wer das ist. Nicht schlimm. Ich hatte bis vor Kurzem auch keine Ahnung. Dann durfte ich vor einiger Zeit einen Vortrag über die Geschichte des Frauenfußballs halten. Das alles sind Spielerinnen, die in der Nachkriegszeit bis zur Aufhebung des Verbotes für Frauenfußball in den Siebzigern durch den Verband selbst organisiert trotz aller Hürden und gesellschaftlicher Ablehnung diesen Sport ausgeübt haben. Damit sind sie die vergessenen Frauen, die der heutigen Generation den Weg geebnet haben, dass wir heute vor ausverkauften Stadien spielen dürfen. Über sie haben wir keinerlei Erinnerungskultur, im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen. Deswegen sind sie für mich umso mehr Heldinnen. Was ist der größte Irrtum über das Leben als Fußballprofi? Dass Fußballer alle glücklich sind, weil sie viel Geld verdienen. Ja, sicher kann dich Geld vor materiellen oder existenziellen Ängsten schützen und dir ein sorgenfreies Leben dahin gehend ermöglichen. Aber das Narrativ „Der soll sich nicht so anstellen bei seinem Gehalt“ hat keine Grundlage bei psychischen Problemen. Das erlebe ich regelmäßig als Host des Podcasts „SeitenweKKsel“, in dem ich mit meinem Ko-Host Fabian Klos und unseren Gästen regelmäßig hinter die Fassade der schillernden Fußballwelt schaue. Messi oder Ronaldo? Messi! Der begabtere Fußballer, was seine Fähigkeiten am Ball betrifft. Er hat eine außergewöhnliche Gabe, die es in diesem Sport nicht häufig gibt. Das soll aber keinesfalls die Leistung schmälern, die Ronaldo über mittlerweile Jahrzehnte geliefert hat. Auch davor habe ich tiefsten Respekt. Guardiola oder Klopp? Klopp. Einfach, weil ich selbst gerne unter einem Trainer wie ihm gespielt hätte. Ein Kumpeltyp mit einer unfassbaren Ausstrahlung und Humor, der trotzdem alles abverlangt und eine klare Idee hat, wie er Fußball spielen möchte. Was lieben Sie am meisten am modernen Fußball? Die Möglichkeit für Fußballerinnen und Fußballer, ihren geliebten Sport unter den bestmöglichen und professionellsten Bedingungen ausführen zu dürfen. Was verabscheuen Sie am meisten am modernen Fußball? Die Abgehobenheit und Realitätsferne der Branche. Ihre Lieblingsbeschäftigung an einem spiel- und trainingsfreien Tag? Zeit zu Hause mit meinem Partner verbringen und gemeinsam kochen oder essen gehen.