FAZ 23.11.2025
11:18 Uhr

Früher Wintereinbruch: Was ist da wieder los beim Wetter?


Der Winter ist in Deutschland eingekehrt. Dabei war es eine Woche zuvor fast noch spätsommerlich warm. Wie kommt das – und wie lange bleibt das so?

Früher Wintereinbruch: Was ist da wieder los beim Wetter?

Der Winter ist in diesem Jahr früh eingekehrt. Fast überall im Land sind die ersten Schneeflocken gefallen, im Bergland herrscht Dauerfrost. In den Niederungen wird es bei Tageswerten von knapp über dem Gefrierpunkt zwar nur vorübergehend weiß, aber schon in den nächsten Tagen könnte sich auch dort eine Schneedecke bilden. Und vorerst bleibt das Winterwetter in Mitteleuropa bestehen. Was ist da wieder los beim Wetter? Noch vor einer Woche herrschte in weiten Teilen Deutschlands mediterranes Flair, mitten im November wehte spätsommerliche Wärme heran, in Freiburg im Breisgau kletterte die Temperatur sogar auf 23,8 Grad Celsius – der ganze Süden war warm, die Dekadenrekorde purzelten. Dann folgte der jähe Temperatursturz von mehr als zwanzig Grad innerhalb weniger Tage. Der Wind weht statt aus Nordafrika nun von der Arktis nach Mitteleuropa. Tobias Reinartz vom Deutschen Wetterdienst ist von dem Hin und Her beim Wetter wenig überrascht. Die Strömung in der Atmosphäre steht seit Wochen kopf, Meteorologen sprechen von einer gestörten Zirkulation. Statt eines Atlantiktiefs herrscht hoher Luftdruck westlich und nordwestlich von Europa. Dieses Hochdruckgebiet wirkt wie ein Sperrriegel und löst eine Blockadewetterlage aus. Die Folge: „Die Tiefdruckgebiete schaffen es nicht mehr, von West nach Ost durchzuziehen“, sagt Meteorologe Reinartz. Deutschland sei daher seit Wochen der Frontenfriedhof der eigentlich belebten Westwinddrift. Nasses und stürmisches Novemberwetter kann sich in diesem Jahr nicht einstellen. „Die arktische Kälte wurde direkt angezapft“ Die Blockade auf dem Atlantik zwingt die Luftmassen auf Umwege. Die Winde wehen deshalb entweder direkt von Süden nach Europa oder rücken aus dem hohen Norden an. Meteorologen nennen dieses Muster meridional, weil die Strömung entlang der Meridiane verläuft. Das gemäßigte, zonal geprägte Wetter ist seit Wochen außer Gefecht, schon im Frühjahr und Sommer dominierte hoher Luftdruck auf dem Nordatlantik. Das Muster der Großwetterlage will kein Ende nehmen: Seit Monaten geht es auf und ab – Mitteleuropa rauscht von einem Extrem ins nächste. Entweder Sahara oder Nordpol. „Die arktische Kälte wurde direkt angezapft“, sagt Reinartz. Der Meteorologe hatte das Potential eines frühen Wintereinbruchs schon erkannt, als Mitte November noch subtropische Wärme auf den Kontinent gepumpt wurde. Denn die Kälte vom Nordpol lag schon länger über Skandinavien, wo der Winter Anfang November eingezogen ist. Mittlerweile ist die arktische Kälte wegen der meridionalen Strömung weit in den Mittelmeerraum vorgedrungen, von Spanien bis Italien liegen die Temperaturen zehn bis zwölf Grad unter den normalen Werten, selbst in Nordafrika ist es kühl. „Besonders eisig ist es in hohen Luftschichten. Über Norddeutschland beträgt die Temperatur in 5500 Meter Höhe am Wochenende minus 38 Grad. „Das ist schon ordentlich kalt“, sagt Reinartz. Die Höhenkälte sorgt auch für ordentlich Spannung beim Wetter. Denn der vertikale Temperaturkontrast labilisiert die Atmosphäre, löst also Niederschläge aus. In vielen Gebieten kann es deshalb Schnee- und Graupelschauer geben, mancherorts sind sogar Wintergewitter möglich, sagt Reinartz. Zum Sonntag dann könnte es in der Westhälfte sogar richtig schneien. Von Westen schmuggelt sich ein kleines Tief ins Land. „Es ist was im Busch“, sagt er. Das Spannende sind die sonderbaren Druckverhältnisse Das Spannende an der derzeitigen Wetterlage ist aber nicht der frühe Schnee – der kommt in der zweiten Novemberhälfte durchaus vor –, sondern die sonderbaren Druckverhältnisse in der Nordhemisphäre. Lange Zeit herrschte ungewöhnlich hoher Luftdruck über Grönland, und der Polarwirbel über dem Nordpol, der jetzt im Spätherbst eigentlich richtig in Fahrt kommen sollte, ist sehr schwach. Er bildet sich immer im Winterhalbjahr und löst sich im Sommer auf, daher ist es im Sommer selten stürmisch. Aber derzeit ist der Polarwirbel nur ein Schatten seiner selbst. Meteorologisch gesehen ist der Polarwirbel ein gewaltiges Tiefdruckgebiet in höheren Luftschichten, das um den Nordpol kreist. Es dreht sich gegen den Uhrzeigersinn, bläst die Luft also von West nach Ost um die Erde. Von oben betrachtet ähnelt er einem gigantischen Kreisel, mit dem Steuerzentrum über dem Nordpol. Der Polarwirbel ist der Motor des Winterwetters: Er bestimmt die Lage des Jetstreams und damit auch unser Wetter. Hat er genug Drall, schickt er stramme Westwinde um die Nordhalbkugel. Je schneller er weht, desto stürmischer wird es – und wenig winterlich. Doch hin und wieder kann der Wirbel auch schwächeln. Der Kreisel verliert dann seinen Drall und beginnt zu eiern. Manchmal verformt er sich oder kollabiert sogar. Dann bildet sich am Nordpol ein Hoch, die Westwinde schlafen ein – und die Wahrscheinlichkeit für Kaltluftvorstöße auf die Kontinente wächst. Dass der Polarwirbel schwächelt, ist grundsätzlich nicht ungewöhnlich, das Phänomen kommt immer mal wieder vor, meistens allerdings erst im Spätwinter. In diesem Jahr aber zeigt der Polarwirbel bereits im Spätherbst Auflösungserscheinungen. Zum Monatsende deuten die Wettermodelle sogar einen vollständigen Kollaps des Polarwirbels an, die Winde könnten in der Höhe von West auf Ost drehen. Tritt die Vorhersage ein, wäre das der früheste Kollaps in der Satellitenära und das erste Mal seit 1968. Was bedeutet das für den Winter? Wie sich die frühe Störung über dem Nordpol auf das Wetter in Mitteleuropa auswirkt, ist schwierig zu prognostizieren. „Leider gibt es nur sehr wenig Statistik“, sagt Daniela Domeisen von der ETH Zürich, die Erfahrungswerte fehlen. Deshalb müssen sich die Meteorologen mit den grundsätzlichen Erkenntnissen über das Wetterphänomen begnügen. Und die deuten auf eine erhöhte Wahrscheinlichkeit von Kälteeinbrüchen in den nächsten Wochen hin. Denn meistens dauert es, bis die Veränderungen in höheren Luftschichten am Boden ankommen – sofern sie es überhaupt tun. Ist der frühe Wintereinbruch in dieser Woche ein Vorgeschmack auf einen kalten Advent? Darauf deutet nicht nur das aktuelle Muster der Großwetterlage hin, sondern auch die Vorgänge in den höheren Luftschichten. Und auch die Wettermodelle wollen von einer Wiederbelebung der Westdrift vorerst nichts wissen, bis zum Monatswechsel bleibt es nasskalt bis winterlich. Ein eisiger Winter, so wie früher, ist in Deutschland dennoch sehr unwahrscheinlich. Der letzte einigermaßen kalte Winter liegt 15 Jahre zurück, genauso wie der letzte schneereiche, bitterkalte Dezember. Damals war der Polarwirbel ebenfalls schon im November geschwächt. Ein Märchenwintermonat folgte, mit Schnee an Weihnachten im ganzen Land. Und trotzdem ist es unwahrscheinlich, dass der Polarwirbel bis zum Frühjahr nicht mehr in Schwung gerät. Irgendwann schafft es ein Tief doch wieder nach Europa, wissen Meteorologen. Hinzu kommt der Klimawandel, der lange Kälteperioden zunehmend verhindert – alle Luftmassen erwärmen sich, auch die vom Nordpol. Auf einen insgesamt zu kalten Winter wettet deshalb kein Meteorologe mehr.