FAZ 15.02.2026
08:50 Uhr

Frittiert: Einmal mit pf!


Zur Fastnacht kommt man um Schmalzgebäck nicht herum. Offenbar sind vor allem die Hessen besonders phantasievoll, was die verschiedenen Sorten ihrer „Kreppel“ angeht.

Frittiert: Einmal mit pf!

Der Fernsehsender, der jüngst eine Umfrage gestartet hat, welches regionale „Fettgebäck“ wohl das beliebteste sei, hat die Frage dann doch noch umformuliert, damit die Klicks kommen: Welches Fastnachtsgebäck liebt ihr? Je nach Region, würde man sagen. „Auszogne“ oder „Knieküchle“ in Niederbayern und Schwaben, „Fasnetschüechli“ in der Schweiz. „Fettgebäck“, das klingt so, nun ja, fettig, also in jedem Fall ungesund, vielleicht sogar sündig. Gehört aber zur Fastnacht, dem Fasching oder Karneval dazu. Früher, weil es danach fastenmäßig frugal wurde. Heute aus Tradition. Und Tradition, wir wissen es, ist immer dann gut, wenn nicht die Asche angebetet, sondern das Feuer weitergetragen wird. Nach 25 Jahren Feldstudie weiß die Zugezogene aus einem südlicheren Teil des deutschsprachigen Raums: Die Hessen, sie geben sich in der Disziplin des Feuertragens wahrlich Mühe. Es ist, mit Verlaub, ein Elend. Einiges von dem, was einen als Nichthessen an Kreppeln stören kann, hat mit der Geschichte unserer schönen Sprache zu tun. Wer, aus dem Norden kommend, nicht ohnehin „Berliner“ oder „Pfannkuchen“ zum Gebäck der fünften Jahreszeit sagt, hat bei „Kreppel“ oft ungute Assoziationen. Für manche Menschen klingt „Kreppel“ sogar fast wie eine Beleidigung. Schuld daran sind aber nicht die heutigen Hessen, sondern die zweite Lautverschiebung im sechsten Jahrhundert und einige regionale Weiterverschiebungen und Lautlinien im Laufe der nächsten paar Hundert Jahre. Weshalb man beispielsweise im Kölnischen sonst zwar äußerst großzügig mit Plosiven umgeht, aber dort gibt es neben den Berlinern tatsächlich auch Krapfen. Mit pf. Die allerdings nicht aus Hefeteig, sondern meist aus Brand- oder Quarkteig. Aber man will nicht kleinlich sein. Die Lautverschiebung ist schuld Der Rest der deutschen Sprachfamilie also hat pf und Krapfen. Doch während sich in ganz Deutschland, insofern die Gebäckstücke nicht gleich „nackig“ sind, also ungefüllt, im Inneren dieser Hefe-Frittur nicht sonderlich viel tut und zwischen Dreifruchtmarmelade, Johannisbeergelee und Himbeer schon eine Schokocreme von mutigen Bäckern zeugt, während lediglich die Franken ihre Krapfen mit etwas so köstlich Exotischem wie Hiffenmark, also Hagebuttenmarmelade, zu füllen wagen, da drehen die Hessen auf. Immer. Und jedes Jahr mehr. Viel ist gesungen worden von den Konditorschwestern aus Nidda, deren Kreationen von Grüner-Soße- über Döner-Kreppel bis zum diesjährigen Currywurst-Kreppel reichen. Bis zu 450 Stück am Tag werden davon verkauft. Es gibt Gegenden, da ist es Tradition, bei Fastnachtsumzügen senfgefüllte Exemplare in die Gebäckspenden zu schmuggeln. Nach Nidda aber pilgert man mit voller Absicht, um den Kontrast zu spüren. Anders ist es mit dem, was jede x-beliebige Kettenbäckerei kurz vor den tollen Tagen ins Sortiment nimmt. Unbedarfte Kundschaft trifft auf Backwaren, deren Garnitur aussieht, als hätten sie sich, passend zu den Umzügen, verkleidet. Eierlikör- (gelb) und Vanillepuddingfüllung (hellgelb) sind harmlos im Vergleich zu Pistazien-Kreppel mit giftgrüner Glasur, Apfel-Marzipan (braun), Erdbeerjoghurt (pink) oder mit Schokoriegeln gefüllten Exemplaren (Streusel). Wie sie schmecken, wird in dieser Feldstudie garantiert nie erprobt werden. Schon gar nicht am jüngsten Produkt (orange) namens „Krepperol Spritz“. Dann doch lieber Senf.