FAZ 30.12.2025
17:12 Uhr

„Friendly Reminder“ & Co.: Die Büro-Unworte 2025


Erst denken, dann sprechen und schreiben: Die Arbeitswelt ist voller Floskeln und verbaler Schaumschlägerei. Worüber wir uns 2026 nicht mehr ärgern möchten.

„Friendly Reminder“ & Co.: Die Büro-Unworte 2025

Irgendwie Frist verpasst? Dienst vergessen? Kollegen angeschrien? Ist doch alles kein Problem. Es gibt ja zum Glück ein magisches Füllwort. „Da ist es irgendwie mit mir durchgegangen!“ „Der Tag war irgendwie so stressig.“ „Kann ich es irgendwie wieder gutmachen?“ Im Wortsinn steht „irgendwie“ dafür, dass etwas auf unbestimmte Art und Weise passiert. Mittlerweile wird es aber in Kontexten genutzt, in denen die Art und Weise ziemlich bestimmt ist. Wer „irgendwie“ zu spät losgefahren ist, weiß meist ganz genau, warum er zu spät losgefahren ist. Das Füllwort ist der wirkungsvollste Weichzeichner für Hiobsbotschaften. Es entschärft, entschuldigt und vermischt alle nur denkbaren Ursachen zu einem großen Nebel von Ausflüchten. Es ist aber auch: feige. Heavy User von „irgendwie“ ziehen sich regelmäßig aus der Verantwortung. Schön wäre es, wenn wir im neuen Jahr mehr zu unseren eigenen Worten stehen könnten, statt sie noch im gleichen Atemzug wieder aufzuweichen. ANNA NOWACZYK Friendly Reminder Die Werksstudentin ist genervt von den vielen „friendly reminder“ in der Betreffzeile ihrer E-Mails. Warum muss man das auf Englisch schreiben? Das heißt doch einfach nur freundliche Erinnerung. Recht hat die junge Frau! Doch wir werden das Gefühl nicht los, dass der „friendly reminder“ nicht nur nervig ist wegen der unnötigen Übersetzung ins Englische – was aufgeblasen klingt. Warum muss überhaupt betont werden, dass die Erinnerung freundlich ist? Ein Verdacht kommt hoch: Wahrscheinlich ist die erinnernde Person gar nicht so positiv gestimmt, sondern ungeduldig und will endlich eine Antwort bekommen. Der „friendly reminder“ ist ein Wolf im Schafspelz – nicht freundlich, sondern passiv-aggressiv. LISA BECKER Ich feiere das Klar reden wir meinungsfreudig gerne überall mit, mischen uns ein, kommentieren und haben uns im besten Fall vorher Gedanken gemacht, was wir von uns geben. Aber dreht sich um uns die Welt? Und müssen wir ihr kundtun, wie uns etwas begeistert, worüber wir uns freuen? Jungen Menschen lassen wir diese naiv klingende Euphorie noch durchgehen. Für Heranwachsende ist vieles neu und überraschend, im Überschwang der Gefühle sollen sie das ruhig raushauen. In den sozialen Medien wird ihnen das vorgemacht, Daumen hoch, ein Schwall Herzchen. Obwohl – Emojis verraten eher die Älteren, die, die in der neuen Welt mithalten und gehört werden möchten. Nur wissen sie nicht so richtig, wie das gehen soll, und klauben sich dann Versatzstücke raus. Sie sind Lässigkeits-Darsteller und teilen auch in Berufsnetzwerken locker-flockig mit, dass sie den Beitrag nicht nur liken, sondern feiern. Nichts macht älter, als plump die ganz Jungen zu kopieren. Sprache verändert sich. Nicht immer zum Besseren. URSULA KALS Iterativ Mensch und Maschine! New Work! Künstliche Intelligenz! Wir befinden uns in einer radikalen, pardon, sich radikal verändernden Welt. Herausforderungen, ganze Paradigmenwechsel, wohin man nur schaut! Dabei ist der Mensch ein Gewohnheitstier. Veränderungen mag unser Steinzeit-Gehirn nicht besonders gerne. Das Management hat es deshalb oft schwer mit störrischen Beschäftigten, die nicht an Bord kommen wollen auf dem Weg zu neuen Ufern. Da hilft nur eines: sich der Sache iterativ nähern. Das klingt modern, das klingt dynamisch, das klingt tatkräftig! Problemstellungen einfach schrittweise so lange wiederholen. Und jede Lösung dann durch wiederholtes Testen und Verbessern weiter verfeinern. Bis der innere Widerstand gebrochen ist. Dann zieht die Firma jetzt eben nach China und alle Mitarbeiter auch – was soll’s! Denn selbst das Steinzeitgehirn kapituliert, wenn es noch einen weiteren Zyklus „Change Management“ durchlaufen muss. Selbst Pädagogen lassen mit ihren „Reflexions- oder Lernschleifen“ irgendwann von geplagten Abiturienten ab. Manchen wird sich einfach nie Sinn und Zweck des Cosinus offenbaren. Wer übrigens besonders gut darin ist, Probleme iterativ zu lösen? Die KI! Vielleicht ersetzt sie irgendwann sich ständig wiederholende Change Manager. EVA HEIDENFELDER Liefern Der soll mal liefern! Diese Ansage hört man auf Firmenfluren immer wieder. Sie soll klarmachen, wer das Sagen hat. Meist ist das nicht der Kollege oder die Kollegin, die den Arbeitsauftrag erfüllen muss, also die Monatsabrechnung, den Projektplan oder den Budgetvorschlag asap (ziemlich zügig) liefern soll. Das Chefdasein wäre so bequem, wenn man sich im Sessel zurücklehnen und auf das Bestellte warten könnte. Amazon, Shein, Temu & Co. haben uns im Privatleben daran gewöhnt, dass ein Klick reicht, um eine lange Lieferkette in Gang zu setzen. Doch das funktioniert nur, wenn alle Lieferanten mitspielen. Oft genug tun sie das nicht mehr, wie wir schmerzlich lernen müssen. Seltene Erden oder Computerchips für unsere Industrie gibt es ab sofort nur noch, wenn wir brav darum bitten und die Verwendung der kostbaren Rohstoffe und kritischen Bauteile schonungslos offenlegen. Oft genug sind die Besteller ihren Lieferanten ausgeliefert und nicht umgekehrt. Also bitte etwas mehr Demut und etwas weniger Ansagen nach dem Motto „der soll mal liefern“. MARK FEHR Task Force Im Team, der Abteilung, im ganzen Unternehmen wie in der Politik wimmelt es nur so vor Veränderungswillen. Neue Projekte sollen her. Könnten wir nicht dies? Sollten wir nicht das? Müssten wir nicht wenigstens den Vorschlag vom Chef aufgreifen? Und wie gehen wir zukünftig mit renitenten Kunden um? Wenn es um das Wie und Was geht, und sei die Idee noch so vage, ist das garantiert ein Fall für die innerbetriebliche Task Force. Der Begriff, den die US-Marine im Zweiten Weltkrieg prägte, hat im beruflichen Alltag Karriere gemacht. Vom Lehrerzimmer bis zum Projekt­management kommt die besondere Einsatzgruppe zum Einsatz. Nun ist es durchaus ein Gewinn, wenn Expertinnen und Fachleute aus unterschiedlichen Disziplinen gemeinsam komplexe Probleme lösen und weitreichende Strategien entwickeln. Aber muss es für jeden lächerlichen Auftrag, an dem sich mehr als zwei Leute abarbeiten, gleich eine Task Force sein? Arbeitsgruppe würde es doch auch tun. BIRGIT OCHS Genau! Füllwörter gehören zur Sprache. Wusste man vor 40 Jahren in einem Satz nicht weiter, so baute man ein lang gezogenes „Ööhhhm“ ein. Das ist heute in Gesprächen eher selten zu hören. Stattdessen hat sich bereits vor einigen Jahren ein neues Wort in die freie Rede geschlichen: „genau“. Zunehmend erfasst es alle Altersgruppen. Kaum ein Telefonat, kaum ein frei gehaltener Vortrag, der heute noch frei von „genau“ ist, mitunter wird es sogar mehrfach in einem Satz verwandt. Genau zu klären wäre aber noch, was der Genau-Sager eigentlich ausdrücken möchte. Ist es nur eine Worthülse, die ausgesprochen wird, um Zeit zu gewinnen, über den nächsten Satz nachzudenken? Oder hat es etwas Imperatives, dem Gesprächspartner nahezulegen, dass man auf jeden Fall recht hat? Wahrscheinlich ist es häufig eine Mischung aus beidem. Genau! ARCHIBALD PREUSCHAT Voll Ob als Zwischenruf während eines Vortrags, als kurze, bestätigende Teams-Nachricht oder im Kaffeeküchen-Plausch darüber, dass die Milch schon wieder aufgebraucht ist: „Voll!“, ist derzeit die Zustimmungs-Aussage schlechthin (wobei das im Falle der leeren Milch ja sogar ein Widerspruch in sich ist, aber lassen wir das). Genügte früher ein schlichtes „ja“ oder „sehe ich auch so“, scheint es mittlerweile ein großes Bedürfnis danach zu geben, dem eigenen Einverständnis noch mehr sprachliches Gewicht zu verleihen. Dabei war unsere verbale – und sogar die nonverbale – Bürokommunikation auch schon vor der „voll“-Inflation voller Möglichkeiten, Zustimmung zu äußern: „Richtig“, „stimmt“, „korrekt“, „ganz meine Meinung“, „zweifellos“ oder eben ein einfaches Nicken und Lächeln – die Liste ist sicherlich nicht abschließend, aber voll genug, dass klar wird: „Voll!“, braucht’s da nicht auch noch. Es gibt eigentlich nur ein verwandtes Wörtchen, das noch schlimmer ist: die „vollste“ Zufriedenheit, eine etablierte Arbeitszeugnis-Floskel, um die kein Chef herumkommt, der eine glatte Eins verteilen möchte. Aber voller als voll – im Ernst jetzt? Ist da nicht mal das Maß voll? NADINE BÖS Ganz ehrlich Wenn in einem Meeting oder einer politischen Talkshow der Ausdruck „Ganz ehrlich“ fällt, ahnen wir: Um Aufrichtigkeit geht es jetzt wahrscheinlich gerade nicht. Eher darum, eine vorbereitete Botschaft loszuwerden. Manchmal auch um eine Banalität, die eine rhetorische Verstärkung braucht, weil sie für sich allein zu schwach wirkt. In der Regel handelt es sich um eine subjektive Meinung, nicht um die suggerierte objektive „Wahrheit“. Ständig soll diese Formulierung heutzutage den Anschein von Authentizität erwecken. Genau davon bräuchte es mehr in einer Zeit, in der die deutsche Wirtschaft es nicht aus der Stagnation schafft, die Politik dringend grundlegende Reformen anstoßen müsste und die Parteien der Mitte an Zustimmung verlieren. Authentizität lässt sich aber nicht herbeireden – schon gar nicht mit Worthülsen – sondern erfordert echte Offenheit und entsprechendes Handeln. Ganz ehrlich: Wir könnten gut ohne diese Floskel ins neue Jahr starten. BRITTA BEEGER Unsubscribe Nein, ein Unwort, über das man sich ärgert, ist „Unsubscribe“ nicht. Eher, dass man es so oft benutzen muss, nervt. Hat man den entsprechenden Link in einer Mail gefunden, um sich von der Flut der Mitteilungen zu befreien, löst es positive Gefühle aus. Eine Art Erlösung vom Unrat, mit dem Unternehmen glauben, einen traktieren zu müssen. Natürlich findet man den Abstellknopf nicht auf Anhieb, denn Firmen wollen ja ungefragt zugeschickte Newsletter weiter verbreiten. Sie verstecken gern den Hinweis, wie man darauf verzichten kann. In unserem Beruf kommen solche „News“ oft von PR-Beratern, mit deren Schwester man vor vier Jahren einmal kurz telefoniert und ihr Gesprächsangebot ausgeschlagen hat, das mit „und zwar“ eingeleitet wurde. Adressen werden gern weitergereicht, als wären sie frische Apfelschnitzel am Marktstand. Sind sie nicht. Deshalb freuen wir uns, wenn wir das Wort sehen, um eine Unart zu beenden. PHILIPP KROHN Wir vermissen Sie! Ab einem gewissen Alter gratuliert einem nur noch Yves Rocher zum Geburtstag, weil man sich dort 1989 mal mit einem Kugelschreiber in die Kundenkartei eingetragen hat. Treu wie Gold sind jedoch auch Onlineshops, die Nicht-mehr-Kunden niemals aus den Augen verlieren. „Wir vermissen Sie!“, schreiben Sie regelmäßig in Mails. Und als ausgestreckte Hand, um an alte Zeiten anzuknüpfen, schicken sie gleich ein schönes Angebot („eleganter Hosenanzug für 149 Euro“) mit dazu. Es stimmt also nicht, dass das digitale Zeitalter nur noch Einsamkeit und Kälte verbreitet. Es wird weiterhin aufeinander aufgepasst und geschaut, ob es einem gut geht. Denn es gibt nicht nur Vermissen, sondern auch Verständnis. Etwa, wenn man Rechnungen nicht sofort bezahlt. „Sicher haben Sie im Trubel des Alltags vergessen, die Rechnung für die professionelle Zahnreinigung zu begleichen.“ Vielen Dank, genau so war’s! KARIN TRUSCHEIT Safe „Schaffst du die Präsentation bis morgen?“ „Safe!“ „Das Projekt läuft?“ „Safe!“ Was früher ein nüchternes „ja“ oder „na klar“ war, scheint heute mit einem einzigen Wort vermeintlich doppelt so sicher zu sein. „Safe“ klingt lässig, selbstbewusst und überzeugend, und doch steckt darin erstaunlich wenig Sicherheit. Im Berufsalltag nutzen Jüngere das Lehnwort zunehmend als reflexhafte Antwort gegen Unsicherheit und Druck. Mit Erfolg. Wer „safe“ sagt, muss nichts erklären, nichts groß begründen, kaum Verbindlichkeit schaffen. Es vermittelt die Hoffnung, dass schon irgendwie alles gutgehen wird, wirkt selbstberuhigend. Vielleicht ist es genau das, wonach sich in der Arbeitswelt und im Privaten viele sehnen: Sicherheit. ANNE KOKENBRINK