Als Friedrich Hölderlin 1802 aus Bordeaux, wo er als Hauslehrer gearbeitet hatte, zu Fuß nach Stuttgart und später weiter ins heimische Nürtingen reiste, waren seine Freunde und Angehörige beunruhigt: „Geistig zerrüttet, wahnsinnig, rasend“, erschien er den Zeitgenossen. Auch in Bad Homburg, wohin ihn sein Studienfreund Isaac von Sinclair 1804 neuerlich holte – Hölderlin hatte dort bereits zwischen 1798 und 1800 gelebt und dort seinen Roman „Hyperion“ geschrieben –, fiel er durch exzentrisches Verhalten auf. Bis 1806 lebte er dort als Hofbibliothekar, ohne je als solcher zu arbeiten, dann wurde er in die Tübinger Psychiatrie gebracht und bezog ein Jahr später im Haushalt des Tischlermeisters Zimmer eine Unterkunft in dessen Turm am Neckarufer. Er blieb dort 36 Jahre, empfing Besucher und entließ manche von ihnen mit Gedichten aus seiner Produktion. Große Texte entstanden dabei nicht mehr. Wenn in der Literaturwissenschaft also von Hölderlins Spätwerk die Rede ist, sind nicht die Texte jener zweiten Lebenshälfte in Tübingen gemeint, sondern die Gedichte aus der Zeit zwischen 1801 und 1806 – ein biographischer Übergang, an dessen Ende eine dauerhafte psychische Erkrankung steht, von der sich Hölderlin nicht mehr erholen wird. Die Schwierigkeit, Hölderlins Werk zu datieren, macht dieses Projekt besonders Umso wichtiger ist die Frage nach seiner literarischen Produktion in dieser Zeit. Sie treibt die Forschung seit jeher um, denn die Datierung einzelner Gedichte, die Hölderlin selbst fast immer unterließ, ist alles andere als sicher, und die ganzer Handschriften auch. So sind in den „Homburger Folioheften“ bedeutende Gedichte und Hymnen versammelt wie etwa „Patmos“, „Brod und Wein“, „Andenken“ oder „Hälfte des Lebens“. In diese Zeit fällt auch der zweite Homburger Aufenthalt, in dem nach bisherigem Wissensstand nur noch wenig entstand, weil Hölderlin dafür als zu krank galt. Forschende vermuteten bislang, dass das „Homburger Folioheft“ zwischen 1801 und 1802 angelegt wurde und Hölderlin in Nürtingen und Homburg nicht mehr schrieb. Auf welcher Basis? Ein Kriterium könnte die Untersuchung seines Stils sein. So ist etwa das berühmte Gedicht „Brod und Wein“ einerseits klar strukturiert: drei mal drei Strophen umfassen je neun Distichen; gleichzeitig geht das traditionelle metrische Schema nun in freie Rhythmen über. Dieser stilistische Übergang zur freien, beinahe prosaischen Form ermöglicht zwar eine grobe Datierung anhand der Veränderung seiner Sprache, ist aber letztlich spekulativ. Das Wasserzeichen als Indiz Nun haben der Sprachwissenschaftler und Mitherausgeber der Frankfurter Hölderlin-Ausgabe Hans Gerhard Steimer und Oliver Hahn von der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) in Berlin, eine Studie vorgestellt, mit der sie die Literaturwissenschaft auf unerwartete Weise unterstützen. Dafür wählten sie nicht zufällig die Villa Wertheimber in Bad Homburg, einen der Hölderlin-Gedenkorte in Deutschland. Unter dem Titel „Hölderlins Tinten“ veröffentlichen sie ihre Ergebnisse auch im neuesten Hölderlin-Jahrbuch, das in Kürze erscheint. Dass für literarische Datierungsfragen das Material zu Rate gezogen wird, auf dem Texte festgehalten wurden, ist nicht neu, auch nicht in der Hölderlin-Forschung. Grobe Anhaltspunkte lieferten bislang Analysen von Norbert von Hellingrath, der das Papier der Manuskripte anhand ihrer Wasserzeichen untersuchte und so Gruppen von Texten bildete, die vermutlich zu jeweils ähnlicher Zeit entstanden sind. Steimer und Hahn haben sich dagegen die Tinten vorgenommen, mit denen Hölderlin schrieb. Anhand einer Röntgenfluoreszenzanalyse untersuchten sie im Stuttgarter Hölderlin-Archiv die Tinte von Manuskripten, die dem Spätwerk zugerechnet werden, indem sie diese kurz bestrahlten, ohne das Material zu beschädigen. Dadurch konnte die Zusammensetzung der Eisengallustinten bestimmt werden. Besonders interessieren die Forscher solche Textstellen, an denen die Tinte unterschiedlich aussieht, wo also verschiedene Farbtöne, Linienstärken und Intensitäten erkennbar sind. Der Materialforscher Hahn hat mit derselben Methode bereits an Manuskripten von Bach, Goethe oder Büchner gearbeitet. Die Schwierigkeit, Hölderlins Werk auf anderen Wegen zu datieren, macht dieses Projekt jedoch zu einem besonderen. Das Ergebnis liefert eine Präzisierung und Korrektur der bislang angenommenen Datierung Die chemische Zusammensetzung der Tinte unterscheidet sich generell schon beim Kauf aufgrund ihres Eisengehalts und den Verunreinigungen, die natürlicherweise entstehen. Das wiederum lässt darauf schließen, dass die Tinte an unterschiedlichen Orten erworben wurde. In einem zweiten Schritt können die Texte mit datierten Dokumenten aus der Zeit, wie Briefen oder Rechnungen verglichen werden. Sind die Tinten chemisch identisch, spricht einiges dafür, dass die Texte im selben Zeitraum verfasst wurden. Oder, besonders interessant, wenn ein älterer Text später neu überarbeitet wurde. Solche Zusammenhänge konnten Steimer und Hahn anhand der verschiedenen Intensitäten der Schriften und unterschiedlichen Tintenbilder aufdecken. Vier verschiedene Tintentypen sind im „Homburger Folioheft“ entdeckt worden, ein Typ liegt nur im späteren Teil vor, wie in den Gedichten „Patmos“, „Der Einzige“ und „Die Wanderung / Der Rhein“. In vielen Dokumenten tauchen gleich mehrere Tintensorten auf und weisen auf eine längere und unterbrochene Entstehungsgeschichte hin. Für die Spätphase von Hölderlins Schaffen bedeutet das in der Tat eine neue Perspektive. Die Tinten-Analyse legt nahe, dass Hölderlin seine Manuskripte aus Nürtingen mit nach Homburg nahm und dort, anders als oft vermutet, noch umfangreich überarbeitet hat. Das Ergebnis liefert eine Präzisierung und Korrektur der bislang angenommenen Datierung. Und auch aus anderem Grund sind die Ergebnisse dieser Untersuchung erhellend: Die Zweifel, ob das Homburger Folioheft zu Lebzeiten des Autors je in der Stadt war, nach der es benannt wurde, sind nun ausgeräumt. Nicht überraschend ist allerdings die Verortung im Spätwerk, denn auch stilistisch veränderte sich Hölderlin in dieser Zeit deutlich. Nicht ganz zur Hälfte seines Lebens hielt Hölderlin sich in Homburg auf, wohl aber in einem Abschnitt, der sich rückblickend als entscheidend deuten ließe. In „Hälfte des Lebens“ schreibt er: „Weh mir, wo nehm’ ich, wenn/ Es Winter ist, die Blumen, und wo/ Den Sonnenschein/ Und Schatten der Erde?“ Vielleicht lässt sich wenigstens diese Frage nun ein wenig genauer datieren.
