Weihnachten, eine Zeit der Besinnung? Nicht unbedingt – auch wenn uns Filme gern weismachen, alle säßen friedlich zusammen an einem gedeckten Tisch. In der Realität hat jeder unterschiedliche Erwartungen und Wünsche an das Fest: Wer kümmert sich vorab um die Geschenke? Steht auf dem Tisch ein Gänsebraten oder die Seitan-Ente? Redet man miteinander offen über Politik – oder lässt man es lieber? Es ist nicht ungewöhnlich, sich an Weihnachten in die Haare zu kriegen. Aber wie lässt sich der Streit vermeiden? Und was tun, wenn es schon zu spät ist? Hier kommen Antworten auf die wichtigsten Fragen rund um Konflikte an den Feiertagen. Ist meine Familie die einzige, die an Weihnachten streitet? Nein. In einer Yougov-Umfrage aus dem Jahr 2019 gibt fast jeder vierte Befragte an, über Weihnachten immer oder gelegentlich zu streiten. Der häufigste Grund, sich in die Haare zu kriegen, ist der Ablauf und die Organisation der Weihnachtstage. Weitere gängige Streitauslöser sind demnach Beziehungsprobleme, die Aufgabenverteilung während der Weihnachtstage und die gefühlte Bevorzugung oder Benachteiligung. Auch das Weihnachtsessen ist Thema. Was macht man, wenn die Vorstellungen über das Weihnachtsessen in der Familie auseinandergehen? Die einen freuen sich auf die Weihnachtsgans, die anderen ernähren sich vegan – unterschiedliche Essgewohnheiten führen in Familien an Weihnachten oft zu Streit. Deshalb sei es wichtig, bereits im Vorfeld das Gespräch zu suchen, sagt Anne Milek. Sie ist Familienpsychologin und Professorin für Gesundheitspsychologie an der Universität Witten/Herdecke. Der Zeitpunkt für das Gespräch sollte demnach so gewählt sein, dass die Wünsche ernst genommen werden könnten. Wurden Erwartungen nicht besprochen und bereitet der Gastgeber über Stunden eine Weihnachtsgans vor, die niemand essen will, seien Enttäuschungen programmiert. Heißt womöglich: Zoff an Heiligabend. Wie äußere ich meine Erwartungen am besten? „Angemessen, freundlich und wohlwollend“, beschreibt Milek die Haltung, mit der sich die eigenen Erwartungen gegenüber anderen formulieren ließen. Vor dem Gespräch mit der Familie sollte man sich bereits selbst einige Fragen stellen: „Was ist mir wichtig? Was nicht, und wo kann ich lockerlassen?“ Wer weiß, wie die Mitfeiernden ticken, kann bereits beurteilen, wie realistisch die eigenen Erwartungen sind. Wenn die Vorstellungen ganz und gar verschieden sind, müsse man sich überlegen, wie man damit umgehen möchte. Gibt einer von beiden nach? Lässt sich ein Kompromiss schließen? Der könne etwa so aussehen, dass man von zwei gemeinsam verbrachten Tagen den Mittwoch nach Vorstellung des einen und den Donnerstag nach Vorstellungen des anderen feiere. Das sei auch auf zwei Jahre gesehen denkbar: Dieses Jahr bestimmst du, im nächsten Jahr bestimme ich. Solch ein Kompromiss ließe sich selbst beim Gänsebraten finden, sagt Milek. Wer selbst lieber auf Fleisch verzichtet, könne etwa sagen: „Es ist für mich völlig in Ordnung, wenn ihr die Gans esst. Aber ich bin nun mal Vegetarierin. Deshalb bringe ich mir mein eigenes Essen mit und bitte euch, das zu respektieren und mir keine Vorwürfe zu machen.“ Jede Familie müsse ihren Weg finden, und dafür brauche es manchmal Raum für neue Traditionen, sagt Milek. Manche wollen vielleicht nicht mehr zusammen feiern, andere nicht mehr zusammen essen, wenn die Erwartungen grundverschieden sind. Ein neuer Impuls könne sein, gemeinsam ein Weihnachtskonzert zu besuchen oder etwa über den Weihnachtsmarkt zu bummeln. Einfach Dinge unternehmen, „die einen weiterhin verbinden“. Sollte man politische Themen vorsorglich lieber vermeiden? Das lässt sich pauschal nicht beantworten. Milek sagt: „Wenn ich schon weiß, dass meine politische Meinung meiner Familie aufstößt und ich im Prinzip schon vorhersehen kann, dass es zu einem Konflikt kommt, ist es vielleicht kein Thema für Heiligabend.“ Das gelte für Politik ebenso wie für die Farbe der Gardine, je nachdem, bei welchem Thema es in einer Familie traditionell zu Streit komme. Wie lässt sich eine Feier retten, wenn ein Streit zu eskalieren droht? Heizt sich die Stimmung auf, empfiehlt Milek, einmal gut durchzulüften und vielleicht einen Spaziergang zu machen. Hätten alle durchgeatmet, könne man wieder zusammenkommen. Und wenn es schon zu spät ist, der Streit eskaliert? Wenn der neue Partner der Oma nun einmal gar nicht passt und sie das unbedingt lautstark kundtun muss? Dann gilt es, emotional ein bisschen Ruhe zu bekommen. Es kann helfen, mit dem Hund rauszugehen oder eine Runde zu joggen. Ist in der aufgeheizten Stimmung oder nach einem Streit wieder etwas Ruhe eingekehrt, lasse sich gemeinsam neu ansetzen – oder ein Thema vertagen, sagt Milek. Zwei Sätze können dabei helfen: „Wir haben jetzt alle gemerkt, das Thema war vielleicht nicht das richtige für den heutigen Nachmittag. Lasst uns das ein anderes Mal besprechen.“ Das bedeute nicht, ein Thema unter den Teppich zu kehren. Gerade wenn jemand das Bedürfnis habe, etwas zu klären, sei eine gewisse Verbindlichkeit wünschenswert. Ist es ein Thema, über das sich am Abend sprechen lässt, sobald die Kinder im Bett sind? Das Gespräch oder ein Termin dafür ließe sich auch finden, indem man nach etwas Ruhe sage: „Das ist vorhin ein bisschen aus dem Ruder gelaufen. Ich habe aber gemerkt, dass es dir wichtig ist, noch mal darüber zu sprechen.“ So könne jeder nochmals über die Streitpunkte nachdenken und sich vielleicht sogar vorbereiten. Im Zweifelsfall helfe auch ein Termin mit einer externen Mediatorin, so Milek. Auch wenn jemand andere Standpunkte vertrete, helfe immer eine gewisse Neugier für ein Gespräch: Selbst wenn man diese Standpunkte nicht teile, könne es sehr spannend sein, herauszufinden, warum der andere eine bestimmte Meinung habe. So lasse sich dem anderen wohlwollend zuhören, das helfe dem Verständnisprozess. „Gute Tochter“ oder „besserwisserische Mutter“: Was kann man tun, wenn man in seine alte Familienrolle zurückfällt? Laut Milek ist es alles andere als einfach, als erwachsenes Kind oder als Elternteil seine neue Rolle zu finden. Fühle man sich nicht wohl, helfe es, zunächst die Metaperspektive einzunehmen. Was stört einen, was tut einem nicht gut? Das könne man ansprechen und dabei formulieren, wie man sich die Situation wünschen würde. Wie schafft man es, dass dieses Weihnachten besser wird als das letzte? „Wir verändern uns, familiäre Situationen verändern sich“, sagt Milek. Sie empfiehlt, jedes Jahr frühzeitig ins Gespräch zu kommen und mit allen Beteiligten zu sprechen. Kommt es immer wieder mit einer Person zu Konflikten und wisse man, dass derjenige sich nicht mehr ändern lasse, rät sie, die eigene Einstellung und Haltung nochmals zu überdenken. Das bedeute, sich zu überlegen, was man selbst tun könne, damit es anders läuft – und im Zweifelsfall die eigenen Erwartungen herunterzuschrauben. Man könne sich zudem überlegen, für welche Dinge man dankbar sei. Für gewöhnlich feiere man ja mit den Liebsten, mit denen man gern zusammen sei. Wer das in den Vordergrund rücke, könne mit größerer Leichtigkeit über einzelne Gewohnheiten und Eigenheiten hinwegsehen. Welcher Last-minute-Tipp hilft bei Streit an Weihnachten? Auf die Schnelle empfiehlt Milek, durchzuatmen. In einem zweiten Schritt könne man sich trotz negativer Gefühle fragen, was sich Positives aus der Situation herausziehen lässt. „Das vergessen wir schnell. Wenn man etwas sieht, das einem aufstößt und einen belastet, wird das immer sehr viel größer als die eigentlich vielen schönen Momente, die man auch gemeinsam erlebt.“
