FAZ 29.11.2025
11:29 Uhr

„Friedensplan“ für die Ukraine: Wie kann man Trump von Putin weglocken?


Die Europäer haben hart daran gearbeitet, den amerikanischen „Friedensplan“ zu entschärfen. Aber wie lange wird ihr Erfolg halten? Eine Rekonstruktion.

„Friedensplan“ für die Ukraine: Wie kann man Trump von Putin weglocken?

Mittwoch, 19. November Washington, in der Nacht. Wieder einmal werden  die Europäer von Donald  Trump kalt erwischt. Das amerikanische Nachrichtenportal „Axios“ berichtet von einem 28-Punkte-Friedensplan des Weißen Hauses für die Ukraine, der „heimlich in Absprache mit Russland“ ausgearbeitet worden sei. In Europas Hauptstädten ist man entsetzt, auch in Berlin. Denn schnell ist klar: Der Plan käme einer Kapitulation der Ukraine gleich. Andererseits hat man mittlerweile Erfahrung mit Trumps Verhandlungsweise. Man weiß, dass das Pendel mal in die eine Richtung ausschlägt, mal in die andere – und dass man jetzt möglichst viel Einfluss auf die Schwungrichtung nehmen muss. Selbst wenn unklar ist, wer hinter dem „Plan“ steckt: Washington? Der Kreml? Und wer hat gerade Trumps Ohr? Vizepräsident Vance und Witkoff, von denen es heißt, sie seien offen für Einflüsterungen aus Moskau? Oder Außenminister Rubio, der Putin gegenüber als härter gilt? Berlin, tagsüber. In der deutschen Hauptstadt macht man sich an die Arbeit, in ständiger Koordination mit Briten und Franzosen. In den kommenden Tagen werden die einzelnen Punkte des Plans mit Änderungsvorschlägen im Korrekturmodus versehen und an die europäischen Verbündeten geschickt. Die wichtigsten Einwände betreffen die geforderten ukrainischen Gebietsabtretungen, die vorgesehenen Beschränkungen für die ukrainische Armee, aber auch die Idee, Amerika solle als „Vermittler“ zwischen NATO und Russland auftreten. Das hätte Washington in Gegensatz zur Allianz gebracht. Auch bei der Verwendung der in Europa eingefrorenen russischen Vermögen verlangen die Europäer Mitsprache, und bei der geforderten Festlegung der NATO, die Ukraine nicht aufzunehmen. Hier legt man Wert auf die Feststellung, dass über Angelegenheiten der EU und der NATO nicht über die Europäer hinweg entscheiden werden kann. Merz telefoniert viel, unter anderem mit Italiens Regierungschefin Giorgia Meloni und dem polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk. Berlin, London und Paris sind zwar in Führung, aber das darf andere Europäer nicht verstimmen. Einigkeit ist das Wichtigste in diesen Zeiten, vor allem gegenüber dem Weißen Haus. Der Umgang mit Trump sei eine „ständige Gratwanderung“ zwischen Schmeichelei und Härte, heißt es in Berlin. Merz und seinem Team aus dem Kanzleramt, dem Außen- und Verteidigungsministerium gelinge diese Trump-Flüsterei aber viel besser als Olaf Scholz – das sagen selbst SPD-Leute. Moskau, am Abend. Putins Sprecher Dmitrij Peskow sagt, man sehe die Berichte über den Plan, habe aber „nichts zu sagen“ und „keinerlei Neuerungen dazu, was in Anchorage war“, dem Gipfel von Trump und Putin im August in Alaska. Peskow wiederholt auch die übliche Moskauer Linie, „offen für Verhandlungen“ zu sein – und gibt Kiew die Schuld für eine „Pause“ darin. Donnerstag, 20. November Brüssel, 8 Uhr. Die EU-Außenminister treffen zusammen, ausnahmsweise an einem Donnerstag. Kaum einer hat den Friedensplan gesehen, kaum einer weiß, wie viele Punkte er wirklich hat und was in eckigen Klammern steht. Auch Johann Wadephul nicht. Aber der Außenminister hat mit Steve Witkoff telefoniert und kennt zumindest die Grundzüge.  Zusammen mit seinem französischen Kollegen Jean-Noël Barrot dringt er auf einen Waffenstillstand und darauf, dass der Frontverlauf dann Ausgangspunkt für Verhandlungen sein müsse. Das ist seit langem die gemeinsame Position der Europäer. Nur ein Minister tanzt aus der Reihe: Péter Szijjártó aus Ungarn. Die Amerikaner arbeiteten daran, „den Frieden nach Mitteleuropa zurückzubringen“, sagt er. Das Angebot für ein Gipfeltreffen von Trump und Putin in Budapest stehe. Im Sitzungsraum schaltet sich der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha zu. Der Plan solle sein Land auf die Knie zwingen, wird er danach zitiert. Später sagt die Außenbeauftragte Kaja Kallas: „Wenn Russland wirklich Frieden wollte, hätte es das Angebot eines bedingungslosen Waffenstillstands bereits im März angenommen.“ Washington, tagsüber. Trump macht immer stärkeren Druck auf die Ukraine. Er hat Heeresminister Daniel Driscoll, einem engen Vertrauten von Vizepräsident Vance, einen Sonderauftrag gegeben: Er soll Kiew persönlich über den 28-Punkte-Plan informieren. Später schreibt die „Washington Post”, Trump verlange eine Zustimmung bis Thanksgiving – sonst werde man die Unterstützung für die Ukraine einstellen. Moskau, am Abend.  Das russische Staatsfernsehen zeigt einen Auftritt Putins vor Militärs, der Präsident trägt Flecktarn. Die ukrainische Regierung beschimpft er als „Verbrechergruppierung“, die sich persönlich bereichere. Das spielt auf den Korruptionsskandal an. Putin versichert den Kommandeuren, es werde „alles“ getan, um alle Ziele der „Spezialoperation“ zu erreichen. Freitag, 21. November Brüssel, 10.40. Während EU-Ratspräsident António Costa und Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen beim G-20-Gipfel in Johannesburg sind, schlagen die Diplomaten daheim die Hände über dem Kopf zusammen: Der Friedensplan sei so schlecht, wie es nur gehe, heißt es. Besonders sauer stößt ihnen die Passage zur Verwendung der eingefrorenen russischen Staatsvermögen auf: 100 Milliarden Euro sollen an US-Unternehmen fließen, die das Geld in den Wiederaufbau investieren und die Hälfte der Gewinne einstreichen. Dabei ringt die EU gerade darum, die Guthaben Kiew als Reparationsdarlehen zu überlassen, für den Kampf gegen Russland und den Staatshaushalt. Ob der Plan jetzt bekannt werde, weil Russland den Kredit durchkreuzen wolle, fragt ein Diplomat. Washington, am Nachmittag. Im Oval Office gibt Trump sich weiter hart. Wenn Selenskyj der Vorschlag nicht gefalle, dann müsse er weiterkämpfen, sagt er. Später rudert Trump etwas zurück. Auf die Frage eines Journalisten, ob der Plan sein „endgültiges Angebot an die Ukraine“ sei, erwiderte er: „Nein.“ Die Europäer merken auf: Gibt es doch wieder eine Chance, den Amerikaner auf ihre Seite zu ziehen? Kiew, am Mittag.  Auf der Plattform X meldet sich Rustem Umjerow zu Wort. Er war bis Juli 2025 ukrainischer Verteidigungsminister und ist seitdem Sekretär des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrats, der direkt dem Präsidenten untersteht. Mehrere ukrainische Medien berichten, dass Umjerow Ende Oktober in den USA gewesen und während eines Treffens in Miami mit Witkoff von diesem über den „Friedensplan“ informiert worden sei. Umjerow soll in mehreren Punkten Änderungen angeregt und vorgeschlagen haben, Selenskyj anzurufen, um ihn über den Plan zu unterrichten. Dazu kam es jedoch nicht. Stattdessen informiert am 20. November US-Heeresminister Dan Driscoll Selenskyj direkt in Kiew. Umjerow versucht nun auf X eine Erklärung. Es kursierten in der Öffentlichkeit verschiedene Gerüchte über seine Rolle bei den Konsultationen mit den USA, die er „kurz klarstellen“ wolle: „Während meines Besuchs in den Vereinigten Staaten war meine Rolle rein technischer Natur – ich organisierte Besprechungen und bereitete Dialoge vor“, schreibt Umjerow. Und: „Ich habe keinerlei Bewertungen abgegeben oder gar irgendwelche Punkte genehmigt. Das liegt nicht in meiner Zuständigkeit und entspricht nicht dem Verfahren.“ Medienberichte darüber entsprächen „nicht der Realität“. Berlin, Freitagabend. Friedrich Merz telefoniert mit Trump und wird deutlich: Ein ungerechter Friedensplan könnte Selenskyjs Position in der Ukraine erschüttern, innerer Widerstand das Land destabilisieren, sagt er. Der Kanzler hat einen Draht zu Trump und schlägt ihm vor, mit Europäern und Ukrainern eine gemeinsame Linie zu suchen, etwa bei einem Treffen der Sicherheitsberater. Am Ende stimmt Trump zu. Die Europäer sind wieder im Spiel. Kiew, am Abend.  Wolodymyr Selenskyj wendet sich in einer Videobotschaft an die Öffentlichkeit. Der Druck auf die Ukraine sei so groß wie nie, beginnt der Präsident. Er steht an jenem Ort im Kiewer Regierungsviertel, an dem er zu Beginn der russischen Großinvasion sein legendäres Video aufnahm, das Gerüchten entgegenwirken sollte, wonach er und die Staatsspitze ins Ausland geflohen seien. „Die Ukraine könnte jetzt vor der sehr schwierigen Wahl stehen, entweder ihre Würde zu verlieren oder das Risiko einzugehen, einen Schlüsselpartner zu verlieren“, sagt der Präsident mit Blick auf die Pistole, die Trump ihm auf die Brust gesetzt hat: Zustimmung zum Plan bis Thanksgiving. Selenskyj verspricht, sich an seinen Amtseid zu halten und ukrainische Interessen nicht zu verraten. Er werde mit den USA verhandeln. „Ich werde Argumente darlegen. Ich werde überzeugen. Ich werde Alternativen anbieten.“ Niemand solle behaupten können, dass die Ukraine einen Frieden sabotiere oder nicht bereit für Diplomatie sei. „Das wird nicht passieren.“ Zugleich bereitet er sein Land auch auf schmerzliche Zugeständnisse vor: „Ja, wir sind aus Stahl. Aber jedes Metall, selbst das stärkste, kann nachgeben.“ Samstag, 22. November. Washington, am Mittag. Der Ton in Washington wird weiter milder. Vizepräsident J.D. Vance verbittet sich zwar Kritik an dem Friedensplan. Doch es klingt nicht mehr, als sei der in Stein gemeißelt. Außenminister Rubio ist da schon auf dem Weg, um auf der anderen Seite des Atlantiks Schadensbegrenzung zu betreiben. Er fliegt nach Genf, um im Beisein von Witkoff und Driscoll die Verhandlungen mit der Ukraine und den Europäern zu leiten. Johannesburg, G-20-Gipfel. Am Samstag treffen sich die europäischen Teilnehmer des Gipfels in Johannesburg noch einmal und festigen ihre gemeinsame Position. Man hat jetzt das Gefühl, dass die innereuropäische Kommunikation trotz allen Kuddelmuddels nahtlos funktioniert. Die Vertreter Europas sind sich einig: Der 28-Punkte-Plan ist nicht nur für die Ukraine eine Gefahr, sondern auch für ihre eigenen Länder. Auch der britische Premierminister Keir Starmer ist zum Gipfel nach Johannesburg gereist. Er bringt eine eigene Version der 28 Punkte mit: Kiew soll darauf verzichten, von Russland eroberte Gebiete zurückzuerobern, doch von einer Abtretung der nicht besetzten Teile des Donbass ist keine Rede mehr. Die Ukraine soll von den USA Sicherheitsgarantien erhalten, „die Artikel 5 (des NATO-Vertrags) spiegeln“. Die Obergrenze ihrer Streitkräfte würde auf 800.000 Soldaten begrenzt, 200.000 mehr als im US-Entwurf. Der Beitritt der Ukraine zur NATO soll vom „Konsens der NATO-Mitglieder“ abhängen, „der jedoch nicht besteht“. Nach Gesprächen mit Merz und Macron kündigt Starmer an, er wolle „in den nächsten Tagen mit dem amerikanischen Präsidenten sprechen. Am Samstag um 19 Uhr lässt Starmers Team wissen, das Telefonat mit Trump habe stattgefunden. Beide seien übereingekommen, dass ihre Berater am folgenden Tag in Genf bei einer hastig arrangierten Begegnung führender Beamter „gemeinsam an den Vorschlägen arbeiten“. Zu dieser Zeit ist Starmers außenpolitischer Berater Jonathan Powell schon nach Genf unterwegs. Starmer telefoniert nachmittags auch mit Selenskyj und versichert ihn des „festen Beistands“ Großbritanniens. Der französische Präsident Emmanuel Macron warnt in Johannesburg unterdessen davor, Washington die Kontrolle über die eingefrorenen russischen Vermögenswerte zu geben, insgesamt 220 Milliarden Euro. Aus diplomatischen Quellen sickert durch, Washington wolle die Europäer entmachten und über die Verwendung der Vermögenswerte entscheiden. Für Frankreich sind die Vermögenswerte auch deshalb so wichtig, weil Macron mit Selenskyj gerade eine Absichtserklärung über den Kauf von bis zu 100 Rafale-Kampfjets unterzeichnet hat. Er soll über einen europäischen Kredit mit den russischen Vermögenswerten als Sicherheit abgewickelt werden. Sonntag, 23. November. Washington, am Morgen. Das Pendel schwingt abermals zurück, Donald Trump keilt gegen Kiew. Die ukrainische Führung zeige „NULL DANKBARKEIT“ für die amerikanischen Bemühungen, schreibt er auf „Truth Social“. Der Druck auf die Europäer steigt wieder. Genf, am Morgen. Die europäischen Chefberater schaffen es gerade noch mit dem letzten Flieger von Johannesburg nach Genf. Von der Leyen und Costa schicken ihre Kabinettschefs, Björn Seibert und Pedro Lourtie, aus Deutschland, Frankreich und dem Vereinigten Königreich kommen die außen- und sicherheitspolitischen Berater. Man trifft sich in einem fensterlosen, abhörsicheren Raum in der deutschen Vertretung bei den Vereinten Nationen, ein Buffet steht bereit. Aus deutscher Sicht entspricht dieser Ort dem Anspruch Berlins, die Kraft zu sein, die Europa zusammenhält. Zuerst tauschen sich die „E3“ mit den Ukrainern aus, dann kommen andere dazu: die Leute Melonis, von der Leyens und Antonio Costas. Andere Partner aus Europa und Übersee, zum Beispiel aus Kanada, sind in ständigem Kontakt. London, am Nachmittag.  Starmer und Trump telefonieren abermals. Downing Street lässt um 18.30 Uhr wissen, beide seien sich einig gewesen, dass in diesem Augenblick alle zusammenwirken müssten, um einen „gerechten und dauerhaften Frieden zu erreichen“. Genf, am Nachmittag. Parallel zu den Europäern verhandeln Ukrainer und Amerikaner hinter verschlossenen Türen, die Europäer versuchen per Telefon und SMS auf dem Laufenden zu bleiben. An der Spitze der ukrainischen Seite steht Selenskyjs Kanzleichef Andrij Jermak, an der Spitze der Amerikaner Außenminister Marco Rubio. Nachdem die Gespräche beendet sind, werden die beiden Formate zusammengeführt; die Berater Macrons, Merz’, Starmers, Melonis, von der Leyens und Costas treffen auf Ukrainer und Amerikaner. Die Europäer sind froh, dass Rubio da ist, denn anders als J.D. Vance oder Witkoff zählt er aus europäischer Sicht zu den „Erwachsenen“ im Raum. Den Europäern geht es vor allem um zwei Dinge. Das Erste: Alles, was die Kerninteressen der Ukraine gefährdet, muss so weit wie möglich wegverhandelt werden. Die Ukraine muss tragfähige Sicherheitsgarantien bekommen, und wenn eines Tages eine Waffenruhe erreicht wird, dürfen die Bedingungen der ukrainischen Bevölkerung nicht wie ein Diktatfrieden vorkommen. Selenskyj darf zu keinen Zugeständnissen gezwungen werden, die er zu Hause nicht durchbekommt. Das zweite Ziel der Europäer: Über Belange der EU-Länder und der europäischen NATO-Staaten darf nicht ohne sie selbst entschieden werden. Das betrifft vor allem jene Punkte, in denen ohne Abstimmung mit Europa festgelegt zu sein schien, dass die NATO eine Aufnahme der Ukraine ausschließen müsse und dass die Europäer die bei ihnen eingefrorenen russischen Staatsguthaben so zu verwenden hätten, wie Amerikaner und Russen sich das wünschten. Das erscheint aus Berliner Sicht besonders wichtig, denn hier betrachtet man dieses Geld, insgesamt 220 Milliarden Euro, als den wichtigsten eigenen Hebel im geopolitischen Ringen mit Amerika und Russland. Man will ihn sich nicht aus der Hand nehmen lassen. Genf, am Abend. Als Rubio nach elf Stunden vor die Presse tritt, zeigt er sich optimistisch. Es gebe noch einige ungelöste Fragen, die aber nicht „unüberwindbar“ seien. Es habe enorme Fortschritte gegeben. Außerdem weicht er die Frist bis Thanksgiving auf. Die Verhandlungen könnten sich bis in die nächste Woche ziehen, sagt er jetzt. Für Rubio ist Genf ein großer Erfolg; er hat seinen Einfluss geltend gemacht und Vance, Witkoff und Driscoll die Verhandlungen aus der Hand genommen. Die Neufassung des Friedensplans mit nur noch 19 Punkten und weniger drastischen Zugeständnissen von Kiew spiegelt die Linie der alten Garde republikanischer Außenpolitiker im Kontrast zu Trumps MAGA-Anhängern wider. Auch die Europäer sind zufrieden. Mit Rubio, weil der öffentlich bestätigt, dass über EU und NATO nicht über die Köpfe der Europäer hinweg entschieden wird. Aber auch mit sich selbst, weil sie es zusammengehalten haben und es ihnen gelungen ist, ihre Belange durch die mittlerweile immer routiniertere Mischung aus Schmeichelei und harten Verhandlungen bei Trump einzuspeisen. Trotzdem machen sie sich keine Illusionen, sie wissen: Dessen Appetit, als Friedensfürst dazustehen, ist gewaltig, und dass das Pendel gerade wieder in die richtige Richtung schwingt, ist nur eine Momentaufnahme. Es kann jeden Augenblick wieder zurückschwingen. Montag, 24. November. Luanda, am Morgen. Am Morgen ist Friedrich Merz von Südafrika zum EU-Afrika-Gipfel in die angolanische Hauptstadt geflogen. Bei einem informellen Treffen der EU vor Beginn des Programms kommt er noch einmal auf das eingefrorene russische Zentralbankvermögen zu sprechen. Seit einiger Zeit treibt Merz die Bemühungen voran, 140 Milliarden aus diesem Topf so schnell wie möglich der Ukraine zur Verfügung zu stellen. Doch Belgien stellt sich weiter quer, weil der größte Teil des Geldes beim belgischen Unternehmen Euroclear liegt und das Land nicht allein ins Risiko gehen will. Moskau, am Mittag. Putins Sprecher Peskow sagt, man verfolge die Verhandlungen über den amerikanischen Plan unter anderem in Genf über die Medien „sehr aufmerksam“ und habe zur Kenntnis genommen, „dass Korrekturen eingefügt wurden“. Doch „offiziell haben wir noch nichts erhalten“, sagt Peskow wieder, daher sei es „unmöglich und nicht korrekt“, sich zu äußern. Als die Meldungen konkreter werden, tut Jurij Uschakow, Putins außenpolitischer Sprecher, die Ergebnisse von Genf brüsk ab. Diese seien „auf den ersten Blick vollkommen unkonstruktiv und passen uns nicht“.  Im Ursprungsplan hätten viele Vorschläge „vollauf akzeptabel“ geschienen, andere erforderten eine „sehr detaillierte Erörterung“, die aber noch nicht erfolgt sei. Man rechne damit, dass nun „die Amerikaner auf uns zukommen“, um bei einem Treffen „die Diskussionen zu beginnen“. Konkrete Vorschläge für ein Treffen nennt Uschakow aber nicht. Luanda, am Mittag. Nach dem Treffen im Kreis der Europäer tritt Merz vor die Presse. Er betont die Geschlossenheit der EU, er verlangt Mitsprache, und er sagt, man stehe in Europa „geschlossen, sehr geschlossen beieinander“. Diese Geschlossenheit mache Eindruck auf Trump, glauben die Europäer. Abu Dhabi, am Abend. Der amerikanische Heeresminister Driscoll landet   in Abu Dhabi, um mit russischen Abgesandten zu verhandeln. Das Pentagon will jetzt jeglichen Anschein von Parteinahme vermeiden. In einer Stellungnahme heißt es, Trump wisse die Bemühungen des Ministers zu schätzen, „sowohl von russischer als auch von ukrainischer Seite Input zu sammeln“. Dienstag, 25. November. Paris, am Morgen. Macron kündigt im Radio eine Dringlichkeitssitzung der Koalition der Willigen an. Erstmals sagt auch Rubio zu. Im Elysée hält man es sogar für möglich, dass Trump sich spontan zuschaltet – was er dann aber nicht tut. Kiew, am Morgen. Rustem Umjerow meldet sich aus der Ukraine abermals zu Wort. „Unsere Delegationen erzielten eine gemeinsame Übereinkunft über die Kernpunkte“, schreibt er auf X und kündigt einen Besuch Selenskyjs in den USA „zum frühestmöglichen Zeitpunkt“ an, bei dem die noch strittigen Punkte direkt zwischen Trump und Selenskyj geklärt werden sollen. Später erklärt der ukrainische Verhandlungsführer Andrij Jermak, Chef des Präsidialamtes in Kiew und Verhandlungsführer der Ukraine, sein Land sei bereit, „die notwendigen Schritte zur Beendigung des Blutvergießens so schnell wie möglich abzuschließen“. In Genf sei „eine gute Grundlage“ dafür geschaffen worden. Man sei den Vereinigten Staaten für die Unterstützung sehr dankbar und werde das Treffen der Präsidenten „gründlich und zügig“ vorbereiten. London, am Morgen. Keir Starmer ruft noch einmal bei Selenskyj an, um eine Videokonferenz am Nachmittag vorzubereiten, an der alle 33 Nationen der „Koalition der Willigen“ teilnehmen wollen. Um 13.30 gibt er im Unterhaus einen Überblick über die Lage und spricht vom „gerechten und dauerhaften Frieden“. Bei der Videokonferenz am Nachmittag um drei Uhr verweist Starmer mehrfach auf Äußerungen von „Emmanuel“, um zu demonstrieren, dass der französische Präsident und er selbst gemeinsam diese Koalition führen. Dann erinnert er daran, dass die Zusage von Sicherheitsgarantien der Grund für die Gründung der „Koalition der Willigen“ gewesen sei, mit einer multinationalen Truppe im Zentrum. Starmer ruft alle in der Runde dazu auf, ihre nationalen Beiträge zu der Truppe zu bekräftigen. Washington, am Mittag. Der ukrainische Präsidialamtschef Andrij Jermak dringt weiter auf ein baldiges Treffen Selenskyjs mit Trump. Doch im Weißen Haus dämpft man inzwischen die Hoffnung auf schnelle Erfolge. Auf dem Weg in seine Thanksgiving-Auszeit in Florida macht Trump die Hoffnung auf ein baldiges Treffen mit Selenskyj zunichte. Vor einem Treffen sollte man „erst einen Deal haben“, sagt er an Bord der Air Force One. Der Präsident kündigt auch an, dass Witkoff nächste Woche Putin in Moskau treffen soll, Heeresminister Driscoll soll abermals mit den Ukrainern sprechen. Marco Rubio muss erst einmal wieder an der Seitenlinie Platz nehmen. Und Trump selbst? Der will sich erst wieder einklinken, wenn die Dinge ausgemacht sind. Auf „Truth Social“ schreibt er, er freue sich darauf, Selenskyj und Putin „bald“ zu treffen – „aber NUR, wenn der Deal für ein Ende des Krieges FINAL beschlossen oder in den letzten Zügen ist“. Paris, 16 Uhr. Macron sitzt im Elysée vor einem Großbildschirm und eröffnet die Sitzung der Koalition der Willigen. Er führt den Ko-Vorsitz mit Starmer, neben Merz ist wie angekündigt auch Rubio dabei. Sofort wird beschlossen, eine neue Taskforce zu bilden, um die Vorbereitungen eng mit den USA abzustimmen. Die Rückversicherungstruppe hat bereits ein militärisches Hauptquartier in Suresnes bei Paris, das Selenskyj besucht. Die französischen und britischen Generalstabschefs koordinieren den Einsatz von Soldaten am Boden – im Gespräch sind Kiew und Odessa. Die Türkei will sich ebenfalls mit Soldaten beteiligen, Deutschland nicht. Es geht nicht um Kampftruppen, die an die Frontlinie geschickt werden, sondern um eine Truppenpräsenz zur Abschreckung. Rubio wiederholt die amerikanische Bereitschaft, die Truppen abzusichern. Wie, das lässt er offen. Hauptthema der Konferenz ist, wie Rubio sich einen Waffenstillstand vorstellt. Er berichtet, wie in Abu Dhabi über eine Einstellung der Kampfhandlungen verhandelt wird. Aus dem Elysée heißt es, Rubio habe selbst noch nicht gewusst, wie die russische Haltung sich entwickle. Rubio wird von den Europäern auch zu den russischen Vermögenswerten zur Rede gestellt. Der Amerikaner stimmt zu, dass die Europäer über die bei ihnen eingefrorenen Guthaben entscheiden. Im Elysee glaubt man, Rubio, Witkoff und Kushner sprächen mit einer Stimme. Mittwoch, 26. November. Washington, am Morgen. Die amerikanische Nachrichtenagentur Bloomberg veröffentlicht die Transkripte zweiter Telefonate mit brisantem Inhalt. Aus ihnen geht hervor, wie Witkoff Uschakow am 14. Oktober Tipps gibt, wie Putin erfolgreich einen „Friedensdeal“ mit Trump erreichen könne. In dem anderen Gespräch sprechen Uschakow und Dmitrijew am 29. Oktober darüber, dass den Amerikanern „informell“ ein „Papier“ mit russischen Positionen übergeben werden soll, das diese dann als ihr eigenes präsentieren und womöglich um eigene Punkte ergänzen sollen – offenbar die Ausgangsversion des 28-Punkte Plans. Woher Bloomberg die Mitschnitte erhalten hat, bleibt offen. Von einem westlichen Geheimdienst, der sich an Witkoffs Kremlnähe stört? Von den Russen, welche die Aufweichung des Ausgangspapiers unterminieren und Trump dazu bewegen wollen, sich hinter Witkoff zu stellen? So jedenfalls kommt es: Trump verteidigt Witkoff. Er habe von dem Fall noch nichts gehört, aber das sei ja eine „ganz normale Form der Verhandlung“. Einen Vorschlag gut zu verkaufe sei „die Aufgabe eines Dealmakers“. Donnerstag, 27. November. Bischkek, am Nachmittag. Putin macht bei einem Auftritt in der kirgisischen Hauptstadt klar, dass er weiter von dem ursprünglichen Plan ausgeht und sogar über dessen Punkte noch eine „ernste Diskussion“ nötig sei, einschließlich noch weiterreichender russischer Forderungen. So deutet Putin an, dass er nicht nur auf der vorgeschlagenen „de facto-Anerkennung“ der Annexionen der Krim und der Donbass-Gebiete von Donezk und Luhansk durch die Amerikaner bestehen werde, sondern eine „de jure-Anerkennung“ anstrebe. Auch lehnt Putin es weiter ab, irgendetwas mit Selenskyj zu vereinbaren – und er stellt klar, dass jedes Abkommen für ihn die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln ist. „Verlassen die Truppen der Ukraine die von ihnen besetzten Territorien, hören die Kampfhandlungen auf“, sagt er über die annektierten ukrainischen Gebiete. „Verlassen sie sie nicht, werden wir das auf bewaffnetem Wege erreichen. Das ist alles.“ Brüssel, am Abend. Belgiens Ministerpräsident Bart De Wever schreibt einen Brandbrief an von der Leyen, in dem er sich gegen ein Reparationsdarlehen für die Ukraine stemmt. Er nennt ein neues Argument: Wenn man jetzt „überstürzt voran eile“, hätte das „als Kollateralschaden zur Folge, dass wir als EU ein Friedensabkommens effektiv verhindern würden“. Das ist die Folge des 28-Punkte-Plans, wo die Milliarden ja anders verwendet werden sollen – für Moskau ist das ein erster sichtbarer Erfolg. Ob sich der Europäische Rat in drei Wochen trotzdem auf den Plan verständigen kann, ist alles andere als gewiss. Berlin, tagsüber. Eigentlich war man in der deutschen Hauptstadt nach Genf vorsichtig erleichtert: Das Schlimmste war verhindert worden, wie nach Alaska. Aber Putins Äußerungen in Bischkek, der Brandbrief der Belgier, überhaupt die Tatsache, dass Europa nur aus der Zeitung von „Friedensplänen“ erfährt, die seine eigene Zukunft auf Jahrzehnte prägen können, all das lässt stimmt viele dennoch pessimistisch. In der kommenden Woche ist Witkoff im Kreml, dann wird Putin sich wieder bei Trump einschmeicheln. Alle Mühen der Europäer können dann schnell wieder umsonst gewesen sein. Umso lauter werden die Stimmen, Europa dürfe sich nicht länger damit begnügen, sich selbstzufrieden auf die Schulter klopfen, wenn es wieder einen Trump-Vorstoß eingefangen habe. „Warum reagieren wir immer nur, warum haben wir nicht schon längst einen eigenen europäischen Friedensplan für die Ukraine entwickelt?“, fragt ein SPD-Mann, dem die „devote Grundhaltung“ der Europäer bei ihrem Besuch im Oval Office nach Trumps Gipfel mit Putin bitter im Gedächtnis geblieben ist. Wenn Europa endlich vorangehe, glaubt er, etwa mit einem eigenen Plan für robuste Sicherheitsgarantien, könne es der Ukraine viel mehr helfen, als wenn es immer nur hektisch den Feuerlöscher spiele Von Sofia Dreisbach, Oliver Georgi, Thomas Gutschker, Johannes Leithäuser, Stefan Locke, Friedrich Schmidt, Konrad Schuller und Michaela Wiegel.