FAZ 28.01.2026
18:23 Uhr

Friedensforscher im Interview: „Wir befinden uns insgesamt in einer Phase der geopolitischen Polarisierung“


Wie nah sind wir dem Weltuntergang tatsächlich? Und wie wäre er noch zu verhindern?  Ein Gespräch mit dem Friedensforscher Stefan Kroll.

Friedensforscher im Interview: „Wir befinden uns insgesamt in einer Phase der geopolitischen Polarisierung“

Herr Kroll, die Doomsday Clock wurde ursprünglich nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki gestellt, um auf die Gefahren nuklearer Aufrüstung aufmerksam zu machen. Aktuell steht die sogenannte Weltuntergangsuhr bei nicht mal anderthalb Minuten vor Mitternacht. Wie nah sind wir Ihrer Meinung nach an einem Atomkrieg? Wir sind nicht im Bereich einer sehr konkreten und sehr unmittelbaren Gefahr, und trotzdem ist das Risiko sehr hoch. Aus zwei Gründen: Das eine ist übergeordnet und eine Entwicklung über mehrere Jahre hinweg, nämlich, dass die Institutionen zur Rüstungskontrolle sich in einer Krise befinden. Ein Beispiel ist das „New START“-Abkommen, der letzte große bilaterale Vertrag zwischen den Vereinigten Staaten und Russland, der jetzt zeitnah ausläuft. Dass wir dann nichts Derartiges mehr in Kraft haben, ist ein großes Problem. Und das zweite Risiko, das ich sehe, ergibt sich aus der aktuellen Konfliktlage in Europa, der russische Krieg gegen die Ukraine, der auch die Gefahr einer nicht intendierten Eskalation in sich trägt. Also, dass Dinge passieren, die man eigentlich gar nicht will oder für möglich hält, die aber dennoch dazu führen können, dass sich ein Risiko realisiert. Und wegen dieses andauernden Konflikts sind wir da jetzt natürlich näher dran, als wenn wir außerhalb eines solchen Konflikts wären. Ist die Doomsday Clock Ihrer Meinung nach aus heutiger Sicht überhaupt noch ein geeignetes Instrument, um diese globalen Risiken sichtbar zu machen, oder führt dieses wiederkehrende Warnen vor dem Weltuntergang eher zu einer Abstumpfung? Ich würde im Grunde beiden Beobachtungen zustimmen. Einerseits ist es für die Kommunikation solcher Risiken gut, ein Bild wie so eine Uhr zu haben. Das Bild „kurz vor zwölf“ ist eben eines, was schnell eine klare Botschaft vermittelt. Gleichzeitig besteht die Gefahr, die Menschen, die man eigentlich erreichen will, mit so etwas auch über die Zeit zu verlieren, wenn nicht unmittelbar etwas passiert. Das beobachten wir im Bereich anderer uns existenziell bedrohender Risiken, zum Beispiel beim Thema Klima oder dem Biodiversitätsverlust. Hier wird zum Beispiel mit dem Bild der Kipppunkte gearbeitet. So eindringlich das Bild ist, bleibt es aber für viele Menschen abstrakt, weil die unmittelbaren Folgen doch nicht so sichtbar sind. Dadurch kann man die Menschen auch verlieren. Die Kommunikation existenzieller Risiken muss beides erreichen, aufzurütteln, durch verständliche und eindringliche Botschaften, aber auch Handlungsmöglichkeiten eröffnen, durch weitere Informationen und Einordnungen. Das ist wichtig. Das Verhältnis zwischen Russland und dem Westen ist aktuell stark angespannt. Welche Lehren lassen sich aus den Erfahrungen und Mechanismen des Kalten Krieges ziehen, und inwieweit sind sie auch auf die gegenwärtige Weltlage übertragbar? Wenn überhaupt, sehen wir in der aktuellen starken Konfrontation eine Übereinstimmung mit der Frühphase des Kalten Krieges, nicht aber mit der Phase der Entspannung, die in späteren Phasen kam. Auch insgesamt zeigen sich in der historischen Perspektive deutliche Unterschiede: Anders als damals geht es heute weniger um konkurrierende Ideologien, auch eine Bipolarität beobachten wir gegenwärtig nicht, wenn überhaupt, dann eher zwischen China und den Vereinigten Staaten. Aber dennoch ist die historische Erfahrung wertvoll, weil sie uns Orientierung ermöglicht und weil es bei dem Lernen aus der Geschichte nicht so sehr um Analogien geht als um eine Adaption des historischen Wissens für die Gegenwart. In diesem Sinne ist es sehr wertvoll zu wissen, dass es in der Vergangenheit möglich war, aus einer Konstellation der Konfrontation in eine friedliche Koexistenz überzugehen. Die wiederum ein wichtiger Ausgangspunkt ist, um sogar in eine Kooperationsbeziehung zu gelangen. Die Frage wäre also, wie kann es unter den Bedingungen der Gegenwart gelingen, das aggressive Verhalten Russlands abzuschrecken und eine Idee der gemeinsamen Sicherheit zu entwickeln, in der – um an die vorherige Frage anzuknüpfen – unter anderem gemeinsame Instrumente der Rüstungskontrolle umgesetzt werden? Wie kann auf formellem und informellem Wege verlorenes Vertrauen schrittweise wiedergewonnen werden, insbesondere, damit die Regeln des Völkerrechts befolgt werden? Wie kann dies auch auf der gesellschaftlichen Ebene unterstützt werden? Dies wären meines Erachtens Fragen, in denen historisches Wissen für die Bewältigung gegenwärtiger Herausforderungen fruchtbar gemacht werden kann. Während des Kalten Krieges spielten wissenschaftliche und zivilgesellschaftliche Initiativen eine wichtige Rolle für Dialog, Vertrauen und Abrüstung. Könnte eine ähnliche Dynamik zwischen Forschung, Politik und Öffentlichkeit heute wieder entstehen? Es ist weiterhin wichtig, das Verhalten Russlands auf der politisch-rechtlichen Ebene nicht zu normalisieren. Insgesamt wäre es aber wichtig, das Einfrieren politischer Kontakte nicht automatisch auf andere gesellschaftliche Bereiche wie Wissenschaft oder Sport zu übertragen. Das ist für den Prozess der friedlichen Koexistenz eher abträglich. Es ist gerade gut, wenn auch im gesellschaftlichen Bereich Dialog, Kontakte, Austausch stattfinden. Das ist etwas, das nicht nur die Konfrontation mit Russland betrifft. Wir befinden uns insgesamt in einer Phase der geopolitischen Polarisierung, die auf die Gesellschaft auswirkt. Länder, wie zum Beispiel auch China, die als geopolitische Rivalen gelten, sind uns zunehmend fremd. Es finden weniger Austausche statt, Sprachkompetenzen und Länderexpertisen verlieren an Bedeutung, dabei wäre es gerade jetzt wichtig, offener und neugieriger zu sein. Wir brauchen diese Kompetenzen, um unsere Interessen im Bereich Sicherheit und Frieden zukünftig zu verfolgen. Welche Maßnahmen können aus Sicht der Friedens- und Konfliktforschung helfen, von der Konfrontation zu Koexistenz und vielleicht sogar Kooperation überzugehen? Die Garantie unserer Sicherheit allein ist noch nicht der Weg in nachhaltig friedliche Beziehungen. Sie ist die Voraussetzung, ohne die es nicht geht. Aber wir sollten nicht dabei stehen bleiben, nur unsere Wehrhaftigkeit oder Fähigkeit abzuschrecken wiederherzustellen. Friedliche Beziehungen bestehen auf der Existenz und Wirksamkeit von Regeln, der Anerkennung und Aufarbeitung vergangenen Unrechts, der grundsätzlichen Akzeptanz der Legitimität anderer Akteure und Regime. Auf dieser Basis kann strategisches Vertrauen entstehen, gemeinsam an geteilten Bedrohungen, im Bereich Gesundheit, Ökonomie oder Umweltveränderungen, zu kooperieren. Der Begriff der Abschreckung erlebt gerade eine gewisse Renaissance. Ist klassische Abschreckung unter den heutigen Bedingungen – mit Cyberwaffen, Künstlicher Intelligenz und Desinformation – überhaupt noch wirksam? Das ist ein wichtiger Punkt. Die Investitionen in die Bundeswehr sind nur ein Teil der Aufgabe, die wir als Gesellschaft zu bewältigen haben. Hier geht es vor allem darum, eine mögliche Auseinandersetzung in der Zukunft zu verhindern. Schon jetzt sind wir aber täglich von sogenannten hybriden Bedrohungen betroffen. Um ihnen zu begegnen, müssen wir auch jenseits des Militärischen die Resilienz in der Gesellschaft verbessern. Das erfordert unterschiedliche Maßnahmen von der Medienkompetenz gegen Desinformation über polizeiliche Möglichkeiten im Umgang mit der Sichtung von Drohnen bis hin zu einer Verbesserung in der Abwehr von Spionage und Cyberattacken. Ganz wichtig ist aber auch, stärker die eigentlichen Schäden zu reflektieren und auch, welche Signale mit hybriden Angriffen eigentlich verbunden sind: Trifft uns Desinformation als Gesellschaft eigentlich so empfindlich, wie oft vermutet wird, oder verstärken wir den Eindruck der gesellschaftlichen Destabilisierung nicht eigentlich in der Debatte darüber? Sind militärische Drohnensichtungen eigentlich eine erste Eskalation in einem beginnenden militärischen Konflikt oder sind sie unter Umständen das Signal, die Schwelle zur militärischen Auseinandersetzung eigentlich verhindern zu wollen? Sind kleine Sabotageakte durch sogenannte „Wegwerfagenten“ nun besonders gefährlich, weil unvorhersehbar, oder sind sie nicht auch ein Zeichen für die Schwäche des Gegners, dem scheinbar keine effektiveren Mittel zur Verfügung stehen? Dies sind Fragen, mit denen wir uns strategisch intensiver auseinandersetzen müssten, um angemessen reagieren zu können. Auch hierfür sind die Erfahrungen des Kalten Krieges sehr nützlich.