FAZ 18.08.2026
16:54 Uhr

„Freud gegen den Strich“: Ist die Psychoanalyse nur eine verträumte Illusion?


Sigmund Freuds Traumdeutung begann mit seinen eigenen Träumen. Doch Biographik lehnte er rundherum ab. Andreas Mayer liest den Klassiker gegen den Strich – mit neuen Erkenntnisse zu Figuren wie Ödipus oder Gradiva.

„Freud gegen den Strich“: Ist die Psychoanalyse nur eine verträumte Illusion?

Die in diesem Band versammelten Essays, schreibt Andreas Mayer in einer Vorbemerkung, verfolgten „die Perspektive einer Historiographie [der Psychoanalyse], die sich zum Ziel setzt, alternative Lesarten zu ermöglichen“. Dafür nimmt der Wissenschaftshistoriker und ausgewiesene Kenner der Geschichte der Psychoanalyse die Spuren von Freuds eigenen Lektüren auf, „die, jenseits einer verkürzenden biographischen oder psychologischen Sichtweise, ihre epistemologischen Implikationen freilegen können“. „Jenseits der biographischen Illusion“ lautet der Titel des ersten Kapitels. Man kann an Freuds Abhandlung „Die Zukunft einer Illusion“ von 1927 denken. Freud meint dort mit der Illusion die Religion, als Phantasie einer Wunscherfüllung angesichts menschlicher Hilflosigkeit. Für sich selbst hat Freud jeden Gedanken an eine Autobiographie früh verworfen. Die Biographik hält er überhaupt für „Idealisierungsarbeit“ ihres jeweiligen Verfassers an seinem „Helden“. Mayer nimmt die 1899 erschienene (auf das Epochenjahr 1900 datierte) „Traumdeutung“ als „entscheidendes Gründungsmoment“ der Psychoanalyse, die ihm als zentrale Referenz dient; denn die dort veröffentlichte Selbstanalyse eigener Träume gilt Freud als Grundlage seiner Theorien und Methode. Weg von der biographischen Illusion Ist also die ganze Psychoanalyse eine verträumte Illusion? Freuds Bemühen, diesen Verdacht zu eliminieren, ist ablesbar an der Textgeschichte der „Traumdeutung“ in ihren Neuauflagen über zwei Jahrzehnte hin. Eine, vielleicht die entscheidende Veränderung ist die Einführung des „Ödipuskomplexes“ als fortan Konstante seiner Theorie, die Freud aber erst 1910 doktrinär formuliert. Denn „das als universell gesetzte und umstrittene Postulat des ,Ödipuskomplexes‘“ geht „nicht schlüssig aus dem in der Erstausgabe von 1900 mitgeteilten selbstanalytischen Material hervor“. Mayer postuliert, dass entsprechend auch die Biographik zu Freuds Person den Gesetzen des Ödipuskomplexes seither unterliegt. Eine Abwendung von der biographischen Illusion kann aber nur gelingen in historischer Auseinandersetzung. Er zeigt an einschlägigen Beispielen, dass die „Traumdeutung“ zum „Hauptschauplatz“ der theoretischen Kontroversen wird, die in den Spaltungen der frühen Bewegung kulminieren, dem konfligierenden Unterfangen, die Psychoanalyse als kompaktes Theoriegebäude zu institutionalisieren. Dazu gehört wesentlich die „Hochphase der Heroisierung Freuds“ nach dem Zweiten Weltkrieg, als Ernest Jones seine dreibändige Biographie „The Life and Work of Sigmund Freud“ veröffentlicht und gemeinsam mit Kurt R. Eissler „den Mythos von Freud als Entdecker des Unbewussten und des Ödipuskomplexes in der Selbstanalyse“ erschafft. Gegen diese Hagiographie regt sich schon früh scharfe Kritik. Im Kapitel über „Traumbücher als Wissensmedien“ folgt Mayer, ausgehend von der „Oneirokritika“ des antiken griechischen Traumdeuters Artemidor von Daldis, Freuds Lektüren zur Deutung von Träumen. Wirklich muss es zunächst als ein Widerspruch erscheinen, dass er sein Buch „Die Traumdeutung“ betitelt und zugleich den wissenschaftlichen Anspruch der Psychoanalyse formuliert. Entsprechend interessieren Mayer die für Freuds Artemidor-Rezeption wichtigen Übersetzungen der „Oneirokritika“ wie die Einlassungen erster Anhänger zur „Traumdeutung“. Alle Träume sind jetzt ausdeutbar Der Autor konstatiert jedoch eine grundlegende Differenz: „In Abgrenzung zur ,Oneirokritika‘ verlässt die ,Traumdeutung‘ die Unterscheidung von zu deutenden und nicht zu deutenden Träumen“; denn „es ist einer der distinktiven Züge der Freud’schen Theorie, alle Träume als Wunscherfüllungen aufzufassen“, bis hin zu sexuellen Begierden. Dass Letztere im Traum nicht einfach dargestellt werden, haben Freud seine Selbstanalysen (die in der Niederschrift nicht frei von Selbstzensur sind) gezeigt. Mit ihnen weicht Freud von der Annahme einer universellen Traum-Symbolik (wie der Artemidors) ab. Ins Zentrum seiner Traumtheorie rückt die „Zensur“ mit ihren Mechanismen zur Auslöschung solcher Inhalte: „Erst die Spuren der Zensurarbeit machen die psychoanalytische Deutungsarbeit möglich und führen zur Aufdeckung des skandalösen Inhalts.“ Mit der Ödipus-Doktrin verschiebt sich der Akzent der behaupteten Wunscherfüllung vollends auf die erotischen und inzestuösen Traumwünsche. Es kommt zu dissidenten Lesarten früher Anhänger. Mayer erkennt plausibel in Freuds Präsentation des Traumbuchs als Vorläufer der psychoanalytischen Deutungsmethode eine rhetorische Strategie zur Legitimierung seiner neuen Technik. In sechs Kapiteln ist der Einfluss von Freuds Lektüren auf dessen Theoriegebäude verfolgt. Es geht um die „Mischphotographien“ des britischen Wissenschaftlers Francis Galton und deren Beziehung zu Freuds Traumfiguren, in denen sich Merkmale mehrerer Personen übereinanderlegen; um „Träumende Körper“ und deren äußere Beeinflussungen; endlich um die Probleme der Übersetzung oder Übertragung der selbst analysierten Träume Freuds, deren Verständnis, etwa in englischer Sprache, nicht eins zu eins funktionieren kann. Erforschung zwischen Kunst, Literatur und Wissenschaft Ein weiterer Text ist der „Gradiva rediviva“ gewidmet. Die Psychoanalyse als „Archäologie der Seele“ ist ein viel bemühter Topos. Mayer begibt sich mit Freud aufs (längst weidlich beackerte) Feld der Literatur, nämlich Wilhelm Jensens Erzählung „Gradiva. Ein pompejanisches Phantasiestück“, das vier Jahre vor Freuds Essay „Der Wahn und die Träume in W. Jensens ,Gradiva‘“ von 1907 erschien. Er folgt der Figur jener „Gradiva“ geheißenen Schreitenden, eigentlich Teilkopie eines antiken Relieffragments in den Vatikanischen Museen. Die Gradiva als Kopie hing auch im Studierzimmer Norbert Hanolds, Protagonist von Jensens Novelle. Ihr – als revenante – meint der junge Archäologe begegnet zu sein bei einer Reise nach Pompeji, fasziniert von der Besonderheit ihres anmutigen Gangs. (Hier sei vorausgeschickt, dass Hanold am Ende die Gradiva rediviva findet in seiner Kindheitsfreundin Zoë Bertgang, deren Name zudem der antiken „Vorgeherin“ entspricht.) Freud notiert am Textrand der Novelle, weiß Mayer: „sexuelles Interesse hinter archäologischem versteckt“. Mayers Recherche gilt zunächst der Erforschung menschlicher Gangarten in Kunst, Literatur und Wissenschaft. Er erwähnt Balzac, Charcots neurologische Forschung oder das bekannte Motiv der anonymen Passantin. Mayer zeigt, dass Freuds eigentliches Erkenntnisziel mit archäologischer Expertise wenig zu tun hat. Denn Freud will, dass für Hanold der Gradiva-Figur die unbewusste Erinnerung an eine früh verstorbene kleine Schwester zugrunde gelegen hat, die „mit Spitzfuß gehinkt“ hatte, was „von der verschönenden Phantasie ausgeschlossen sein“ (Freud) müsse. Damit „war die ,Gradiva‘ als neuer Triumph der wunscherfüllenden Phantasie fertig“. Was Mayer dann glatt als „bizarren coup“ bezeichnet: Freud befindet, dass Jensen „in der Heilung Hanolds durch die ,Gradiva rediviva‘ Zoë mit literarischen Mitteln sogar ,eine volle Übereinstimmung im Wesen‘ mit der psychoanalytischen Behandlungsmethode erreicht“ hätte. Wie das? Mayer identifiziert im „Gradiva“-Essay Freuds überhaupt erste Anmerkung zur Bedeutung der „Übertragungsliebe“ in der psychoanalytischen Technik: „Die Gradiva kann die aus dem Unbewußten zum Bewußtsein durchdringende Liebe erwidern, der Arzt kann es nicht.“ Ist die Gradiva in Gestalt der Zoë damit Vorläuferin des Psychoanalytikers, allerdings mit einem Heilungserfolg, den das reale klassische Setting verbietet? Eine Kopie der Gradiva hängt wenig später in Freuds Wiener Behandlungszimmer, neben der Couch. Dort will sie Mayer – eine kleine Sentimentalität? – „nicht als Platzhalterin Freuds“ sehen, „sondern als Schwellenfigur zwischen Traum und Wirklichkeit, Leben und Tod, bewegter und erstarrter Form“. Ja doch, der anmutig Schreitenden eignet bis heute, was sich stardom nennen lässt. Übrigens hat es einen gewissen Charme, dass die Gradiva ausgerechnet über eine (kleine) Reproduktion von Ingres’ „Ödipus und die Sphinx“ hinweg auf die Couch herabschaut, womöglich auch den Psychoanalytiker im Blick. In dem Band ist das Vorhaben einer „anderen Analyse der epistemischen und therapeutischen Praktiken der Psychoanalyse“ konsequent umgesetzt. Dafür kann der Autor auf umfassende Kenntnis der vorhandenen Literatur und nicht zuletzt auf seine eigenen Publikationen zurückgreifen. Er denunziert Freud nicht, spricht ihm nicht den Rang als „Diskursivitätsbegründer“ (Michel Foucault) ab. Andreas Mayers souveräne Argumentation ist weltenfern gekünstelter Hermeneutik. Andreas Mayer: „Freud gegen den Strich“. Eine andere Geschichte der Psychoanalyse. Matthes & Seitz, Berlin 2026. 222 S., geb., 26,– €.