Die Musik dröhnt aus den Lautsprechern, bunte Lichter flackern durch den Saal, die Besucher singen lautstark mit, die Arme in die Luft gehoben. Es fließen Tränen. Was sich in einer Halle um 11 Uhr an einem Sonntag abspielt, mag wie ein Konzert aussehen, ist aber ein Gottesdienst oder, wie das ICF Frankfurt es selbst nennt: eine „Celebration“. Nach dem Auftritt der Liveband tritt Hauptpastor Björn Schäfer ins Rampenlicht. Die Predigt – oder die „Message“, wie sie im Slang des International Christian Fellowship (ICF) genannt wird – unterscheidet sich grundlegend von einer Kanzelansprache in einer traditionellen Kirche. Dafür fehlt in der Halle nicht nur die Kanzel. Es gibt auch keinen Altar. Stattdessen dominiert ein multimediales Set-up: Zwei Bildschirme und eine große Leinwand begleiten Schäfers Worte. In seinen Predigten spricht er die Besucher per Du an, nutzt Jugendsprache und zahlreiche Anglizismen. Viele der regelmäßigen Besucher kennt er namentlich. Die Atmosphäre in der Halle wirkt sehr vertraut: Die meisten kommen früh in die Halle, viele bleiben auch nach dem Gottesdienst noch, um sich auszutauschen. Kaffee, Chai und andere Getränke gibt es kostenlos vor Ort. Neue Besucher werden offen empfangen. Dafür gibt es ein eigens eingerichtetes „Welcome Team“: Menschen, die Neuankömmlinge begrüßen und sie in die Gemeinschaft einführen. Insgesamt nehmen an den Gottesdiensten im ICF Frankfurt etwa 50 bis 80 Personen teil, bei besonderen Anlässen bis zu 100. Gleichzeitig wird der Gottesdienst live auf Youtube übertragen; für nichtdeutschsprachige Besucher gibt es eine simultane Übersetzung ins Englische. Ein zentrales Element des Gemeindelebens sind die zahlreichen Kleingruppen, beim ICF heißen sie „small groups“. Es gibt Angebote für Frauen, Männer, Jugendliche, ebenso wie englischsprachige Gruppen für internationale Gäste. Die meisten regelmäßigen Gottesdienstbesucher nehmen zusätzlich an einer solchen Kleingruppe teil. Dort solle vertieft werden, was im großen Rahmen des Gottesdienstes beginnt: eine persönliche Beziehung zu Gott und zu Jesus. Inspiration ziehe das ICF aus den Anfängen des Christentums, sagt Schäfer, als sich Gläubige in Hauskreisen trafen, gemeinsam beteten, über ihren Glauben sprachen und Zeit mit Gleichgesinnten verbrachten. Jesus zwischen Message und Worship finden Schäfer ist hauptberuflich beim ICF angestellt, jedoch weder Theologe noch Pfarrer oder Priester im Sinne der etablierten Kirchen. Das ICF ist eine Freikirche und gehört keiner Konfession an. In Frankfurt gibt es mehrere Freikirchen mit jeweils eigener Ausrichtung. Das ICF zählt dabei zu den größeren Netzwerken: Es betreibt mehr als 70 Standorte, vor allem im deutschsprachigen Raum, darüber hinaus auch in anderen europäischen Ländern sowie in Kambodscha, Brasilien und Israel. Ursprünglich kommt das ICF aus Zürich, wo es in den Neunzigerjahren von Heinz Strupler gegründet wurde. Inspirieren ließ er sich dabei von den „Jesus-People“, einer christlichen Hippie-Bewegung aus den USA, in der er selbst aktiv war. Charakteristisch für das ICF ist eine neocharismatisch-evangelikale Ausrichtung. Neocharismatisch beschreibt dabei vor allem den Stil der Gottesdienste: Sie sind emotional, geprägt von Livemusik, gemeinsamem Singen und modernen Liedern, häufig auf Englisch. „Solche Eventgottesdienste sind typisch für neocharismatische Kirchen“, sagt Anna Kira Hippert. „Es ist ein bisschen wie ein Konzert, bei dem man selbst ziemlich mitgeht.“ „Worship“ nennt sich das. Hippert ist Religionswissenschaftlerin am Centrum für Religionswissenschaftliche Studien (CERES) in Bochum, wo sie zu christlichen Freikirchen promoviert. Zugleich sei das ICF klar evangelikal geprägt, erklärt sie. Das bedeutet: Die Bibel steht im Zentrum. In den Gottesdiensten werden Bibelstellen vorgelesen, in den Kleingruppen gemeinsam Texte gelesen und ausgelegt. Die Teilnehmer werden zudem ermutigt, die Bibel auch eigenständig zu studieren. Viele sind in der Lage, längere Passagen aus dem Gedächtnis zu zitieren. Für Außenstehende wirke diese Form der Religionsausübung zunächst befremdlich, sagt Hippert. Hinzu komme, dass viele Freikirchen nur wenig Kontakt zur evangelischen oder katholischen Kirche pflegten, wie Schäfer bestätigt. An den Gottesdiensten nähmen nur selten Menschen teil, die sich zugleich als Mitglieder einer der großen Kirchen verstünden. Das verstärke das Gefühl von Fremdheit. Hippert spricht in diesem Zusammenhang von „Nischenevangelikalismus“: einer Aufsplitterung des Christentums in zahlreiche Unterkirchen, die jeweils in bestimmten Milieus missionierten – häufig unter den Menschen, die vom traditionellen Christentum nicht erreicht werden. „Im Rhein-Main-Gebiet gibt es auffällig viele Freikirchen“, sagt Hippert. Die meisten davon befänden sich in Frankfurt. Das ICF zähle zu den erfolgreichsten in der Region, daneben gebe es zahlreiche weitere Angebote wie die Move Church, VIVE, FCG, oder Ecclesia, um nur die größten zu nennen. Für die Popularität von Freikirchen gebe es unterschiedliche Gründe: Erstens sei Frankfurt sehr zentral gelegen. Zudem sei die Metropole ein Zuzugsort für viele junge, karriereorientierte Menschen, die am Puls der Zeit lebten, sagt Hippert. „In Frankfurt, wo alles ein bisschen schnelllebiger und hipper ist, hat das ICF eine große Zielgruppe gefunden, die sie ansprechen können.“ „Du übertreibst es doch mit Jesus“ Zu den regelmäßigen Besuchern der Gottesdienste gehört Marko Verkic. Er fällt auf: groß, sportlich und meist in den vorderen Reihen. Er trägt Kleidung, die ihn als gläubigen Christen erkennen lässt – Hoodies mit Bibelzitaten oder christlicher Symbolik. Sein Arm ist vollständig tätowiert, viele Motive greifen biblische Geschichten auf. Auf dem Papier ist Verkic katholisch, seine Familie stammt aus Kroatien. „Dort ist man eben katholisch“, sagt er. Als Kind und Jugendlicher habe er regelmäßig Gottesdienste besucht, gläubig sei er immer gewesen. An der Kirche, wie er sie kannte, habe ihn jedoch immer etwas gestört. Er habe den Eindruck gehabt, viele Menschen gingen aus Pflichtgefühl in die Kirche, nicht aus Überzeugung oder aus Liebe zu Jesus. „Das ist beim ICF anders“, sagt Verkic. Besonders schätze er, dass dort „Jesus im Mittelpunkt“ stehe und die Gottesdienste so bibelzentriert seien. Der Fünfunddreißigjährige arbeitet als Luxusimmobilienmakler und führt ein eigenes Unternehmen. „Primodeus“ hat er seine Firma genannt – „Gott zuerst“. Im Kontakt mit Kunden und auf Instagram geht er offen mit seinem Glauben um. In seinem Podcast „Allein aus Gnade“ spricht er gemeinsam mit seinem Anwaltskollegen Josip Kuvac wöchentlich über Arbeit, Gott, Jesus und sein Leben als Familienvater. Die Reaktionen auf seinen offenen Umgang mit dem Glauben seien überwiegend positiv, sagt Verkic. Manchmal stoße er aber auch auf Kritik – dann heiße es, er übertreibe es mit Jesus. Dass das ICF mit seinen konzertartigen Gottesdiensten, den Hauskreisen, der starken Bibelzentriertheit, und dem eigenen, englischlastigen Slang anecken kann, weiß auch Schäfer. Bei Menschen, die damit nicht vertraut sind, könne das Unbehagen auslösen. „Uns wird als ICF-Bewegung immer wieder ein Sektencharakter vorgeworfen“, sagt er. „Natürlich macht uns das was aus, aber alle, die in unser ICF in Frankfurt kommen, wissen, dass wir eben nicht so sind.“ Die ICF-Bewegung geriet in Medien bereits mehrfach negativ in die Schlagzeilen – als homophob und konservativ. Auch der Zürcher Hauptpastor Leo Bigger fiel damit auf. Im ICF Frankfurt reagieren Teilnehmer auf die Frage nach Homosexualität zurückhaltend oder offen. „Wenn jemand so leben will, stört mich das nicht“, sagt eine Teilnehmerin. Schäfer selbst nennt Homosexualität Sünde. So stehe es in der Bibel. Er wolle aber nicht jemanden für seine sexuelle Orientierung verurteilen. „Wir sind alle Sünder“, sagt er. In Predigten wird Homosexualität nicht thematisiert. Viele Teilnehmer ordnen sich politisch links ein. „Die AfD zu wählen, ist für mich unmöglich“, sagt ein junger Mann, der in der Gemeinde aktiv mithilft. Schäfer betont: ICF-Kirchen können sich je nach Ort und Leitung deutlich in ihren Haltungen unterscheiden. Sind Freikirchen Sekten? Die Religionswissenschaftlerin Hippert plädiert für eine differenzierte Betrachtung. Freikirchen würden oft über einen Kamm geschoren, sagt sie, weil es ein vereinfachtes Bild von der christlichen Landschaft in Deutschland gebe: evangelische Kirche, katholische Kirche – und „die Freikirche“. Tatsächlich seien aber die meisten Freikirchen weder organisatorisch noch personell miteinander verbunden. Auch gebe es keine einheitliche Theologie oder feste Strukturen; Ausrichtung und Praxis können sich von Gemeinde zu Gemeinde deutlich unterscheiden. Nicht jede Freikirche sei evangelikal oder (neo-)charismatisch. „Wenn man von Sekte spricht, meint man aus religionswissenschaftlicher Sicht eine stark abgeschlossene Gruppe mit einem exklusiven Wahrheitsanspruch und einer klaren Abgrenzung nach außen“, sagt Hippert. Evangelikale Freikirchen pauschal als sektenhaft zu bezeichnen, halte sie daher für zu kurz gegriffen. „Es gibt in manchen Freikirchen sicherlich problematische Sozialdynamiken“, sagt Hippert, „Etwa sozialen Druck, starke Gemeinschaftsnormen oder Leitungsstrukturen, die den Ausstieg erschweren können.“ Gefahren entstünden überall dort, wo Menschen aufeinandertreffen und Hierarchien existierten. Das sei kein ausschließlich religiöses Phänomen, und auch keines, das nur evangelikale Freikirchen betreffe. Problematisch werde es, wenn Machtstrukturen ausgenutzt würden, um anderen Menschen körperlich oder psychisch zu schaden oder wenn rechtsextremes oder demokratiefeindliches Gedankengut verbreitet werde. Das könne in Freikirchen passieren, sagt Hippert, aber auch in Gemeinden der etablierten Kirchen und in nichtreligiösen Gruppen. Die Angst vor neocharismatischen Freikirchen wie dem ICF rührt laut Hippert auch von den Beobachtungen aus den USA. Dort dominieren Megachurches das Bild: Eventgottesdienste in riesigen Arenen, stark inszenierte Predigten. Diese Form von Christentum werde mit der MAGA-Bewegung assoziiert. Daraus entstehe die Befürchtung, dass Gottesdienste, die nur ansatzweise an amerikanische Megachurches erinnern, automatisch eine demokratiefeindliche und exklusivistische Ausrichtung hätten. „Sobald Menschen ‚evangelikal‘ oder ‚neocharismatisch‘ hören, gehen bei vielen deshalb die Alarmglocken im Kopf los“, sagt Hippert. In Deutschland übernehmen Freikirchen zwar einzelne Elemente aus den USA – etwa den Eventcharakter der Gottesdienste oder die starke Präsenz in Social Media –, doch die Religionslandschaft sei in den Vereinigten Staaten grundlegend anders: „Dort gibt es viele konkurrierende Kirchen, keine Kirche hat ein Monopol oder wird durch Steuern finanziert. Das ist ein sehr junges Land, mit einer komplett anderen Religionslandschaft als Deutschland“, so Hippert. Hierzulande hätten die katholische und die evangelische Kirche nach wie vor Deutungshoheit und großen politischen Einfluss. Freikirchen seien in Deutschland bislang eine Randerscheinung. Regional möge es so wirken, als gebe es einen Boom – etwa im Rhein-Main-Gebiet, wo viele Gemeinden vertreten sind und eine starke Onlinepräsenz pflegen. Doch die meisten Freikirchen führten keine festen Mitgliederlisten, sodass schwer zu sagen sei, wie viele Menschen wirklich regelmäßig teilnähmen, so Hippert. Beim ICF besuchen bis zu 100 Menschen die Gottesdienste, andere kleine Gemeinden haben vielleicht nur zehn Teilnehmer, sagt die Wissenschaftlerin. Von einem generellen Boom zu sprechen, hält die Expertin daher für übertrieben, besonders außerhalb urbaner Zentren. Auf die Frage, ob Freikirchen das Christentum wieder „cool“ und gesellschaftsfähig machen könnten und eine Antwort auf die schwindenden Mitgliederzahlen der etablierten Kirchen seien, reagiert Hippert zurückhaltend: Sie fingen die großen Abgänge nicht auf und stellten kaum Konkurrenz dar. Ein Besucher des ICF kommentiert die Frage mit einem Schulterzucken: „Ich weiß es nicht. Für mich war Jesus schon immer cool.“
