FAZ 05.02.2026
07:20 Uhr

FreihandelsVertrag: Afrikaner handeln zu wenig miteinander


Afrika handel zu wenig mit sich selbst

FreihandelsVertrag: Afrikaner handeln zu wenig miteinander

Fünf Jahre nach dem Startschuss bietet sich Anlass zu einer ersten Zwischenbilanz von Afrikas wohl größter wirtschaftspolitischer Reform der vergangenen Jahrzehnte, der afrikanischen Freihandelszone (African Continental Free Trade Area, AfCFTA). Die Vision ist ebenso überzeugend wie ambitioniert: ein gemeinsamer afrikanischer Markt, der Handel fördert, Industrialisierung ermöglicht und den Kontinent wirtschaftlich enger zusammenführt. Die AfCFTA, die 54 afrikanische Staaten unterzeichnet haben, soll flächendeckendes Wachstum fördern. Bislang gelingt dies nur mäßig. Der Kontinent verfügt schon über acht regionale Wirtschaftsgemeinschaften sowie zahlreiche, teils deckungsgleiche, teils sich überschneidende Freihandelszonen. So existiert die Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft (Economic Community of West African States, ECOWAS) seit fast vier Jahrzehnten, während der Gemeinsame Markt für das Östliche und Südliche Afrika (Common Market for Eastern and Sothern Africa, COMESA) heute 21 Länder vom Kap der Guten Hoffnung bis zum Suezkanal verbindet. Dennoch bleibt der innerafrikanische Handel schwach und macht nur einen geringen Teil des gesamten Außenhandels aus, auch wenn offizielle Statistiken den tatsächlichen Handel, insbesondere bei Nahrungsmitteln, deutlich unterschätzen. Keine andere Weltregion handelt so wenig mit sich selbst wie Afrika. Die Ursachen sind weitestgehend bekannt: begrenzte Produktionskapazitäten, unzureichende Verkehrs- und Energieinfrastruktur, politische Interessen, die nichttarifäre Handelshemmnisse begünstigen, sowie eine mangelhafte Abstimmung zwischen regionalen Wirtschaftsgemeinschaften. Dieses institutionelle „Spaghetti-Bowl“-Phänomen sorgt dafür, dass selbst erfahrene Exporteure oft nicht wissen, welche Handelsregeln tatsächlich gelten. Die AfCFTA sollte genau hier ansetzen: bestehende Initiativen bündeln, Regeln vereinheitlichen und regionale Wertschöpfungsketten fördern. Im Zentrum standen bislang zunächst Zollverhandlungen, die bis 2035 eine weitgehende Zollfreiheit vorsehen, sowie einheitliche Ursprungsregeln, bei denen die Interessen von Rohstoffexporteuren und verarbeitender Industrie austariert werden müssen. Ein holpriger Start in die Praxis Fünf Jahre später verharrt der innerafrikanische Handel jedoch weiterhin auf niedrigem Niveau – mit wenigen sektoralen Ausnahmen. Die Corona-Pandemie, die in die Frühphase der AfCFTA fiel, verzögerte den Start erheblich. Vor diesem Hintergrund begann die praktische Umsetzung erst im Oktober 2022 mit der sogenannten Guided Trade Initiative als Pilotphase. Acht Staaten, darunter Ghana, Kenia und Tunesien, testeten den Handel ausgewählter Produkte. Voraussetzung war die Erfüllung handelspolitischer Vorgaben sowie der Aufbau institutioneller Prozesse. Bis zum Ende der Pilotphase im Frühjahr 2025 schlossen sich weitere Länder, darunter Nigeria und Südafrika, an. In der öffentlichen Wahrnehmung blieb es jedoch vielfach bei symbolträchtigen Einzelgeschäften, etwa kenianischem Tee für Ghana, die den Anspruch „Value Added in Africa“ illustrieren sollten. Das tatsächliche Handelsvolumen blieb begrenzt, nicht zuletzt weil nur eine kleine Produktliste zollfrei handelbar war und für zentrale Sektoren wie Textilien oder Automobile lange keine Einigung über die konkreten Regeln erzielt wurde. Zwar ist zuletzt wieder mehr politisches Momentum zu beobachten – möglicherweise auch als Reaktion auf Trumps handelspolitischen Kurs und das Auslaufen der US-Zollpräferenzen im Rahmen des African Growth and Opportunity Act (AGOA), die vielen afrikanischen Ländern einen erleichterten Zugang zum US-Markt ermöglichten. Die praktische Umsetzung der AfCFTA bleibt jedoch äußerst ungleich. Bis heute erfüllt nur etwa die Hälfte der Mitgliedstaaten die Voraussetzungen für den Handel im Rahmen des Abkommens. Die Kluft zwischen politischer Vision und praktischer Umsetzbarkeit ist weiterhin groß. Ein „Game Changer“ ist die AfCFTA bislang nicht. Zollabbau allein reicht nicht Ein zentrales Hindernis für eine konsequente Umsetzung bleibt die ungleiche Verteilung potentieller Handelsgewinne. Schon heute wird der innerafrikanische Handel von wenigen wirtschaftlichen Schwergewichten dominiert, allen voran Südafrika. Da sich die AfCFTA bislang vor allem auf den Abbau von Zöllen konzentriert, droht dieser Vorsprung weiter verfestigt zu werden, insbesondere im verarbeitenden Gewerbe. Empirische Studien zeigen zudem, dass die größten Handels- und Wohlfahrtseffekte weniger durch Zollsenkungen als durch den Abbau nichttarifärer Handelshemmnisse sowie durch Investitionen in Handelsinfrastruktur entstehen. Bürokratie, unterschiedliche Standards, ineffiziente Grenzabfertigung, informelle Praktiken und hohe Transportkosten treiben die effektiven Handelskosten massiv in die Höhe, teils auf ein Vielfaches des Warenwerts. Zum Vergleich: Zölle erhöhen die Kosten des innerafrikanischen Handels meist nur um etwa 20 bis 30 Prozent. Solange nichttarifäre Kosten derart hoch bleiben, entstehen kaum neue Handelsströme – und entsprechend geringe Wohlfahrtsgewinne. Hinzu kommt, dass rund 80 Prozent des innerafrikanischen Handels bereits heute innerhalb bestehender regionaler Wirtschaftsgemeinschaften stattfinden. Die AfCFTA muss daher vor allem dort ansetzen, wo diese Integrationsräume an ihre Grenzen stoßen, kann aber zugleich einen wichtigen Beitrag zur Formalisierung des Handels leisten. Ökonomische Bedeutung für Europa begrenzt Kurz- bis mittelfristig wird die AfCFTA den Handel zwischen Afrika und der EU kaum verändern. Die Handelsstrukturen unterscheiden sich nach wie vor erheblich: Afrika exportiert vor allem Rohstoffe und unverarbeitete Agrarprodukte nach Europa, während europäische Exporte überwiegend aus verarbeiteten Industrie- und Konsumgütern bestehen. Gleichwohl nährt die AfCFTA die Hoffnung, dass afrikanische Länder ihre Position in globalen Wertschöpfungsketten schrittweise aufwerten können. Für Europa ergeben sich daraus auch Chancen, denn der afrikanische Markt wird in den kommenden Jahren stark wachsen und zusätzliche Exportpotentiale eröffnen. Die vom früheren EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker einst ins Spiel gebrachte Idee eines umfassenden EU-AU-Freihandelsabkommens wäre zwar wünschenswert, erscheint politisch jedoch wenig realistisch. Als Freihandelszone regelt die AfCFTA die außerafrikanischen Handelsbeziehungen nicht zentral. Zudem ist fraglich, ob auf afrikanischer Seite überhaupt Interesse an einer reziproken Liberalisierung besteht. Die bislang zurückhaltende Haltung vieler Staaten gegenüber den Wirtschaftspartnerschaftsabkommen spricht eher dagegen. Hinzu kommt, dass zahlreiche Länder bereits weitgehend zollfreien Zugang zum EU-Markt über Instrumente wie dem Allgemeinen Präferenzsystem (Generalized System of Preferences, GSP) oder „Everything But Arms“ genießen, die jüngst um weitere zehn Jahre verlängert wurden, ein Fingerzeig im geopolitischen Wettbewerb um Einfluss in Afrika. Aus diesem Blickwinkel ist die deutsche und europäische Unterstützung der AfCFTA durchaus von strategischer Bedeutung. Langfristig wird die AfCFTA nur dann Wirkung entfalten, wenn sie Teil eines ganzheitlichen Integrationsansatzes ist. Dazu gehören massive Investitionen in Infrastruktur, der Aufbau von Produktions- und Verarbeitungskapazitäten sowie eine glaubwürdige Industriepolitik. Viele afrikanische Staaten sind damit jedoch strukturell überfordert. Externe Partner wie China oder die EU investieren zwar, häufig jedoch primär aus eigenem strategischem Interesse. Der Aufbau regionaler Wertschöpfungsketten erfordert vor allem private ausländische Direktinvestitionen – und damit Vertrauen in stabile wirtschaftliche Rahmenbedingungen. Genau hier zeigt sich ein klassisches Henne-Ei-Problem: Ohne Investitionen bleibt wirtschaftliche Entwicklung aus, ohne wirtschaftliche Entwicklung entstehen jedoch kaum attraktive Investitionsbedingungen. Politökonomische Widerstände gegen den Abbau nichttarifärer Handelshemmnisse lassen sich letztlich nur durch koordinierte regionale Strategien überwinden. Bislang bleiben entsprechende Initiativen jedoch vielfach pro forma.