Wenn Eileen Gu vor einer Kamera steht, nickt sie, lächelt, jeder Satz sitzt. Häufig sagt sie den Reportern davor kurz: „Oh, good question“, gute Frage, obwohl sie wieder und wieder die gleichen Fragen gestellt bekommt. Eileen Gu ist ein Profi, sie legt den Kopf leicht schräg und redet weiter. Ihre Mimik wirkt durchorchestriert. Nicht nur wenn sie mit Skiern durch die Luft fliegt, ist sie ziemlich beeindruckend, auch vor der Kamera macht sie einen perfekten Eindruck. Gu ist nicht nur die erfolgreichste Freestyle-Skifahrerin der Geschichte – in Peking hat sie zwei Goldmedaillen und eine Silberne gewonnen, bei den Spielen in Italien bislang zwei Mal Silber –, sie ist auch Stanford-Studentin, Model, Influencerin, wirbt für Marken wie Tiffany, Louis Vuitton, Gucci, Red Bull, Porsche und chinesische Unternehmen wie Anta. Eileen Gu ist nicht nur Sportlerin, sie ist ein Marketing-Traum und hat sich dafür das perfekte Umfeld geschaffen. Obwohl sie in einer vergleichsweise jungen olympischen Sportart startet, liegt sie laut „Forbes“ mit einem Jahresverdienst von 23,1 Millionen US-Dollar (etwa 19,3 Millionen Euro) – das ist mehr, als die Eishockeystars in der NHL bekommen – auf dem vierten Platz der weltweit bestverdienenden Sportlerinnen. Wie hat sie das geschafft? Gu kann gleich zwei Märkte bedienen. Gu ist nicht in China aufgewachsen, sondern in den USA. Geboren in San Francisco, Tochter einer chinesischen Mutter und eines amerikanischen Vaters. Bis 2019 startete sie für die Vereinigten Staaten. Im Juni 2019 gab Gu auf Instagram bekannt, dass sie bei den Winterspielen 2022 unter chinesischer Flagge starten werde. Sie habe die einmalige Gelegenheit, „Millionen junger Leute im Geburtsland meiner Mutter zu inspirieren“, schrieb sie damals. Bis heute geht Gu Fragen aus dem Weg, ob sie auch die amerikanische Staatsbürgerschaft noch habe. China erlaubt eigentlich keine doppelte Staatsbürgerschaft. Auch politische Fragen zur Menschenrechtslage in China beantwortet sie nicht. In Livigno rufen ihre chinesischen Fans „Ailing, Ailing“. Die Reporter machen ab und zu eine Pause, deuten hinüber. Dann winkt Gu ihren Fans zu. Sie werden noch lange nach dem Wettkampf auf den Moment warten, in dem Gu durch den Schnee zu ihnen läuft, sie umarmt und für Fotos posiert. Davor hat sie wieder einmal davon gesprochen, wie glücklich es sie mache, wenn sie auch nur ein Mädchen von ihrem Sport begeistern könne. Das ist ihre Dauerbotschaft. Sie erzählt, dass ihr Ski-Team nur aus Männern bestand. „Ich wollte wirklich ein Junge sein, um Freunde zu haben“, sagt sie. Gu in ihrer „reinsten Form“ Gu ist es gewohnt, im Mittelpunkt von Kontroversen zu stehen. In Livigno sagte sie, dass es sich manchmal so anfühle, als würde sie das Gewicht zweier Länder auf ihren Schultern tragen. Vor allem für den chinesischen Staat ist sie im doppelten Sinne Gold wert. Das „Wall Street Journal“ berichtete kürzlich, dass Gu und ihre ebenfalls in den USA geborene Eiskunstläuferkollegin Zhu Yi, die bei den Winterspielen 2022 für China antrat, im Jahr 2025 vom Sportamt der Stadt Peking insgesamt 6,6 Millionen Dollar (etwa 5,6 Millionen Euro) erhielten und in den letzten drei Jahren insgesamt 14 Millionen Dollar (etwa 11,9 Millionen Euro) für ihre Olympiavorbereitung gezahlt bekamen. Das zeigen Dokumente, die im Februar 2025 von der Stadtregierung in Peking veröffentlicht wurden. Die Namen der beiden wurden kurz nach der Veröffentlichung aus den Dokumenten gelöscht. Skifahren, sagt Gu, zeige sie in ihrer „reinsten Form“. Und das ist es, was sie in der Welt bekannt machte. In Livigno springt sie beim Slopestyle über die Rampen, rotiert mehrfach um ihren eigenen Körper. Sobald sie ihre Skibrille absetzt, lächelt sie. Beim Big Air zeigt sie im letzten Run einen schwierigen Sprung, den Leftside Double Cork 1260, und fasst sich dabei an die Ski. Im letzten Moment gewinnt sie dadurch Silber, weil sie im zweiten Run gestürzt war. In der Pressekonferenz danach sitzt Eileen Gu mit hochgesteckten Haaren, die zwei Strähnen, die auch immer aus ihrem Skihelm herauslugen, rahmen ihr Gesicht. Als ein Reporter ihr die Frage stellt, ob sie Gold gewonnen habe oder Silber verloren, fängt sie an zu lachen. Sie hält kurz inne und sagt dann: „Ich bin die meistdekorierte Skifahrerin in der Geschichte.“ Eine Medaille zu gewinnen, sei eine lebensverändernde Erfahrung. Das fünf Mal zu tun, sei jedes Mal genauso hart für sie. Die Perspektive des Reporters sei lächerlich. Sie zeige hier ihr bestes Skifahren, sie tue Dinge, die niemand vor ihr getan habe. Sie machte dabei sehr klar, wer hier oben auf dem Podest sitzt: Sie. Eileen Gu weiß, was Eileen Gu wert ist. Am Samstag (19.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zu Olympia 2026, in der ARD und Eurosport) hat sie noch einmal die Chance, Gold zu gewinnen. In der Halfpipe, ihrer stärksten Disziplin.
