Sie fährt einen Hang hinunter, macht sich klein wie ein Skispringer. Dann nimmt sie die Arme nach oben, die Schanze katapultiert sie in die Höhe. Dort dreht sie sich, schraubt ihren Körper durch die Luft. Die Ski rotieren Richtung Boden – und sie landet im Schnee. So wird es auch an diesem Dienstag (10.45 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zu Olympia 2026, in der ARD und bei Eurosport) sein, wenn sie in der Qualifikation startet. Frau Weiß, wie lange dauert es, einen Sprung zu üben? Am Anfang dauert es natürlich länger, weil du noch nicht so viel Erfahrung hast. Aber meist sagt man: 100 Wiederholungen auf der Wasserschanze, bevor man in den Schnee kann. Wenn es dann in den Schnee geht, haben Sie Respekt davor? Auf jeden Fall. Wir sind zwischen 12 und 15 Metern in der Höhe, wir fahren mit 55 Kilometer pro Stunde an. Wir landen danach auf hartem Schnee. Es wäre komisch, wenn man da keinen Respekt hätte. Wie fühlt sich diese Höhe an? Viel Zeit zum Nachdenken hat man gar nicht. Aber das Gefühl zu fliegen, fasziniert mich trotzdem, auch wenn ich in der Luft immer sehr viel zu tun habe. Wie schwierig ist es, am Ende zu landen? Wir können im Wasser sehr viel trainieren, was den Bewegungsablauf angeht. Aber die Landung im Schnee ist ganz anders. Im Wasser sinkst du direkt ein. Im Schnee haben wir einen steilen Landehang und du fährst direkt weiter. Du musst dich in dem Moment genau richtig ausrichten. Das ist eine ziemliche Timing-Geschichte. Außerdem musst du eine gewisse Stärke mitbringen, damit du das alles abfangen kannst. Da wirken ziemliche Kräfte. Wie wissen Sie, wo oben und unten ist? Am Anfang hat man in der Luft noch nicht die gleiche Orientierung wie nach 100 Wiederholungen. Bei mir ist es tatsächlich so, dass ich nicht 3D sehen kann. Das ist verrückt, weil wir uns am Boden orientieren. Eigentlich bin ich sehr gut darin, zu landen. Aber wenn ich eine neue Schanze ausprobiere, ist der erste Tag meist nicht so gut, weil mein Gehirn sich noch nicht orientiert hat. Ab Tag zwei geht es dann meist deutlich besser. Wie wird man koordinativ so gut wie Sie? Ich bin schon sehr früh sehr koordinativ aufgewachsen, weil mein Papa eine Ballettschule hat. Eigentlich bin ich im Ballettsaal aufgewachsen. In der tänzerischen Früherziehung geht es schon viel um Koordination. Später bin ich nach den Hausaufgaben direkt in den Ballettsaal gekommen und habe den Älteren zugeschaut. Mein Papa hat mir erzählt, dass ich ihm die richtigen Abfolgen der Großen dann nachgemacht habe. Obwohl ich technisch noch nicht so weit war. Emmas Vater Armin Weiß war früher Freestyler in den Disziplinen Skiballett, Buckelpiste und Skikunstspringen. Irgendwann spezialisierte er sich auf Skiballett. Um an der Ästhetik zu arbeiten, begann er mit klassischem Balletttraining. Heute betreut er nicht nur Athleten, sondern ist Ballettpädagoge. Seine Tochter sagt über ihn: „Mein Vater kann Körper lesen wie kaum ein anderer.“ Was hat Ihnen das frühe Training gebracht? Dadurch, dass ich schon so früh angefangen habe, konnte ich mir die Abfolgen immer mit Abstand am besten merken. Ich glaube, ich kenne niemanden, der koordinativ so fähig ist wie ich. Wie lange dauert es, bis etwas gut aussieht? Wenn man anfängt, Ballett zu machen, dauert es ewig, bis etwas gut aussieht. Du siehst erst einmal eine Ewigkeit kacke aus, bis es dann anfängt, einigermaßen gut auszusehen. Heute profitiere ich davon, dass der Papa schon sehr früh sehr penetrant war, was das Training angeht. Schon als Kind liebte Emma Weiß die Auftritte in der Ballettschule, sagt ihr Vater. Sie genieße diese öffentliche Rolle. Heute sei ihre Bühne der Schnee. Wie sind Sie zum Skifahren gekommen? Als ich gerade laufen konnte, hat mein Papa mich auf Skier gestellt. Er hat damals ein Buckelpiste-Team trainiert. Ich war immer mit der Trainingsgruppe unterwegs und da die Kleinste und Jüngste. Da habe ich echt teilweise richtig gelitten. Die fanden es mega lustig, mich zu ärgern. Und wie kamen Sie auf die Idee, Aerials auszuprobieren? Als ich dann 14 war, hat mich dann der Schweizer Nationaltrainer gefragt, ob ich zum Aerials wechseln will. Ich weiß noch genau, wie mein Papa gesagt hat: Emma, ob ich jetzt Buckelpiste finanziere oder Aerials ist mir eigentlich egal, du kannst machen, was dir lieber ist. Was war ausschlaggebend? Ich habe immer schon die Sprünge am meisten gemocht und mich einfach wohlgefühlt in der Luft. Deswegen habe ich mich dann entschieden zu wechseln. Wie entwickelt man dieses Luftgefühl? Neben dem Ballett mache ich sehr viel Trampolintraining. Es ist schon sehr anders als auf der Schanze, aber man kommt am ehesten ran. Außerdem arbeiten wir viel mit dem Bungee, um Sprünge zu üben. In der Ballettschule haben wir außerdem eine Airtrack-Bahn. Sie sind also gar nicht so viel im Schnee unterwegs? Ja, ich mache viel Trockentraining. Mein Papa und ich feilen sehr lange an Details. Das muss man lieben an unserem Sport. Wenn Emma Weiß ihrem Vater Videos aus dem Schnee schickt, überlegt er: „Was können wir verbessern? Wie gehen wir das an?“ Weil sie so lange zusammenarbeiten, können sie über Details anders sprechen. Sie haben eine Möglichkeit gefunden, das, was im Schnee passiert, in eine andere Sprache zu übersetzen. Wie entwickelt man ein Gefühl für den Körper in der Luft? Das kommt mit der Erfahrung. Aber am Anfang hat man die noch nicht. Deswegen ist der Trainer und das Vertrauen zu ihm sehr wichtig. Wenn etwas nicht ganz richtig ist, ruft er uns in der Luft zu. Wenn mein Vater zum Beispiel sieht, dass ich zu viel Rotation habe, dann ruft er mir: „Heben“ zu. Dann weiß ich, dass ich mich strecken muss und meine Arme nach oben nehmen muss. Das verlangsamt dann die Salto-Rotation. Wenn er umgekehrt sieht, dass ich beispielsweise zu wenig Speed habe, sagt er: „Ziehen“. Dann weiß ich, dass ich meine Beine leicht beugen muss und mehr arbeiten muss, damit ich am Schluss rumkomme und die Rotation ein bisschen beschleunigen kann. In Ihrer Sportart gibt es eine kleinere Einfachschanze und die größere Doppelschanze. Wann wechselt man von der einen zur anderen? Du bereitest das vor im Training, die Schanze ist ungefähr doppelt so hoch. Aber irgendwann gibt es eben den Tag, an dem der Trainer sagt: Heute ist der Tag. Dann fliegst du doppelt so hoch. Das musst du dann einfach machen. Erinnern Sie sich an das erste Mal? Natürlich sieht erst einmal alles total hoch aus. Ich weiß noch genau, wie ich in der Luft war und dachte, dass ich total viel Zeit habe. Am Anfang fliegst du total hoch, aber der Sinkflug geht dann deutlich schneller. Muss man für Ihre Sportart auch ein bisschen verrückt sein? Ich glaube nicht. Ein paar verrückte Typen gibt es in unserer Sportart schon, aber ich gehöre nicht dazu. Vor eineinhalb Jahren hatte ich eine Gottesbegegnung. Seitdem bin ich sehr gläubig. Das hat meine Sicht auf das Leben stark verändert. Und es gibt mir eine gewisse Sicherheit. Überträgt sich diese Sicherheit auch auf andere Bereiche Ihres Lebens? Ja, ich bekomme keinerlei finanzielle Unterstützung von Verbandsseite. Das heißt, ich finanziere mich komplett selbst. Ich bin nicht nur Athletin, ich bin auch Reiseplanerin, kümmere mich um Sponsoren und muss das alles unter einen Hut bekommen. Es ist faszinierend zu sehen, wie ich das alles hinbekomme.
