FAZ 11.01.2026
10:59 Uhr

Frauen bei der Bundeswehr: „Man soll sehen, dass ich diene“


Autorität, Zusammengehörigkeit, Einheitlichkeit – dafür steht die Bundeswehruniform. Aber kann sie auch weiblich sein? Wie fühlen sich Frauen darin?

Frauen bei der Bundeswehr: „Man soll sehen, dass ich diene“

Leonor von Spanien trägt sie, Prinzessin Ingrid Alexandra von Norwegen und Prinzessin Victoria von Schweden auch: militärische Uniform. Die sonst so oft in Samt und Seide gewandeten Aristo­kratinnen ziehen als Repräsentantinnen ihrer nationalen Streitkräfte wie auch Prinzessin Catharina-Amalia der Niederlande selbstverständlich Flecktarn, Kampf­stiefel und soldatische Ausgehanzüge an – und lassen sich bewusst darin fotografieren. Vor zwei Wochen machte Leonor Furore, weil sie nach Stationen bei Heer und Marine bei der Luftwaffe ihren ersten Flug am Steuer absolvierte. Noch sind im deutschen Alltag Frauen in Bundeswehruniformen eher wenig sichtbar. Nur ab und zu erscheinen in diesen Tagen, in denen über eine Wehrpflicht auch für Frauen diskutiert wird, Bilder von deutschen Soldatinnen in ihrer Dienstkleidung. Das liegt auch daran, dass Frauen in den deutschen Streitkräften im Vergleich zur Bevölkerung unterrepräsentiert sind. Der Teil der Solda­tinnen in der Truppe liegt mit gut 25.000 (davon knapp 6000 Berufssoldatinnen) bei nur 13 Prozent. In Israel hingegen beträgt der Anteil der weiblichen Wehrdienstleistenden 40 Prozent, in Norwegen 32,3 Prozent, und in Schweden 16,2 Prozent. Dass sich in der Bundeswehr jedoch gerade etwas verändert, symbolisiert unter anderem die Ernennung von Generaloberstabsarzt Nicole Schilling als erste Frau im Rang eines Dreisternegenerals zur Stellvertreterin des Generalinspekteurs der Bundeswehr vor einigen Monaten. Mode für den Ernstfall Wie fühlt es sich eigentlich an, als Frau in eine Uniform zu schlüpfen und die Haare unter ein Dienstbarett zu stopfen? Wie ist die Mode für den Ernstfall konzipiert, die ja mehr als Schutz vor Wind und Wetter ist? Die auch Leib und Leben schützen muss und über das Schicksal eines Landes entscheiden kann? „Meine Körperhaltung ist anders, wenn ich Uniform trage, weil ich stolz darauf bin, zu zeigen, was man tut“, sagt Charlotte von Schintling-Horny, die im Jahr 2022 nach ihrem Abitur als freiwillige Wehrdienstlerin für zehn Monate eine Grundausbildung im Fachbereich Sanitätsdienst machte und nun Reservistin ist. „Die Kleidung zeigt, dass ich hier für mein Land stehe und nicht irgendeinen Job mache.“ Sie hat das Gefühl, dass ihr Dienst als Frau – den sie in Rennerod in der Nähe von Gießen und im Bundeswehrkrankenhaus in Hamburg abgeleistet hat – für ihre eigene Generation viel selbstverständlicher ist als für die der Eltern. Sie erinnert sich noch genau an den Moment, als sie das erste Mal in Uniform Zug fuhr. „Nach den ersten zwei Wochen Ausbildung, in denen wir noch keine Militärkleidung außerhalb des Dienstes tragen durften, habe ich gespürt, dass ich ganz anders angeguckt wurde“, sagt sie. Vorbildlich und aufmerksam beim Tragen der Uniform Das Leben in Uniform war für die modebewusste junge Frau mit damals 18 Jahren eine neue Erfahrung. „Uns wurde gelehrt, dass wir uns beim Tragen der Uniform immer vorbildlich verhalten müssen und aufmerksam zu sein haben, wenn jemand Hilfe braucht“, erklärt sie. Neu waren für sie die klaren Ansagen der Vorgesetzten im Hinblick auf „kleine Höflichkeiten“: keine Hände in den Hosentaschen, Mütze in Innenräumen abnehmen, Mütze im Freien sofort aufsetzen, nicht auf Gras herumlaufen, wenn es Wege gibt. Dazu gehört auch, in der Öffentlichkeit in Uniform keine Kopfhörer zu tragen, weil Bundeswehrangehörige immer ansprechbar sein sollten. Ihre Grundausstattung war über­sichtlich: ein Dutzend khakifarbener T-Shirts, zwei Khakihosen aus Baumwolle und zwei Westen, dazu Hemden und Jacken. Im Winter gab es noch zwei Rollkragenpullover und weitere dünne Pullover. Auf dem Kopf: Khakimütze mit kleinem Schirm. „Als geschlossener Zug mussten wir immer einheitliche Klamotten tragen – also falls einem Soldaten etwa im Winter kalt war, mussten dann alle eine Jacke tragen, wenn der Vorgesetzte entschieden hatte, dass es kühl genug war“, erzählt von Schintling-Horny. Ihre formelle Ausgehuniform – grauer Anzug mit großem Gürtel, dazu hellblaues Hemd und dunkelgraue Krawatte, dunkelblaues Barett – trug sie zum ersten Mal beim Gelöbnis. Die Uniform als Statement Wie fühlte sie sich, die sich für Mode begeistert und heute Psychologie studiert, darin? „Sehr unwohl teilweise“, sagt sie. „In der Öffentlichkeit war es überhaupt kein Problem, aber als ich das erste Mal bei einer Familienfeier die Ausgehuniform trug, störten mich die vorn gebundenen Dienstschuhe mit dickem kleinem Absatz.“ Die Uniform sollte es aber schon sein – auch als Statement. Aber warum zog sie nicht einfach eigene Schuhe an? „Es wird nicht gern gesehen, zum Ausgehanzug private Schuhe zu tragen“, sagt von Schintling-Horny. Mit dem Ausgehanzug selbst ist es auch sonst so eine Sache. „Ich fühle mich darin schon sehr männlich, man verliert etwas von der Weiblichkeit, die man ja im pri­vaten Rahmen leben möchte.“ Deshalb entschied sie sich vor Kurzem bei einem Bundeswehrball in Lüneburg dagegen, wie die anwesenden Herren Uniform zu tragen, und zog stattdessen ein langes Kleid an. Das ist möglich. „Ich hatte keine Freude an der Idee, auf einem Ball mit 400 Leuten eine graue Männeruniform mit hässlichen Schuhen zu tragen, denn mit einem Frauenkörper fühle ich mich einfach wohler in einem schönen Kleid.“ Von den Uni­formde­signern würde sie sich zur Ausgehuniform samt Krawatte eine Variante mit Rock und Strumpfhose wünschen. „Es hat ja nichts damit zu tun, dass Frauen nicht genauso hart im Nehmen sein können und sich nicht durchsetzen, nur weil sie einen Rock tragen.“ Unterschiedliche Bedürfnisse sind eine Herausforderung Fregattenkapitän Tanja Merkl, gerade in Elternzeit, sieht es als Herausfor­derung, die unterschiedlichen Bedürfnisse der Soldatinnen in den Teilstreitkräften Heer, Marine, Luftwaffe und Cyber- und Informationsraum zu befriedigen und dabei für Einheitlichkeit und Ar­beitsschutz zu sorgen. Sie selbst tritt auf ihrem Instagram-Kanal in ganz unterschiedlichen Kleidungsvarianten ihres Alltags auf. Man sieht sie in dem für Seemanöver konzipierten Bord- und Gefechtsanzug oder im Dienstanzug mit dunkler Jacke, weißem Hemd, Krawatte und schwarzen höheren Schuhen. Dann wieder erscheint sie im olivgrünen T-Shirt mit Flecktarn-Basecap und Tauchanzug mit Flossen. Vielleicht für manche Follower erstaunlich: Merkl tritt auch im langen blauen Ballrock mit blauem Galasakko und weißer Schluppenbluse auf. „Ich als Marineuniformträgerin habe es ja gut erwischt“, sagt die Soldatin und freut sich, dass ihre blauen Uniformen als besonders schick angesehen werden. „Uniform ist Ausdruck von Autorität, Zusammengehörigkeit und Einheitlichkeit, das Wir steht vor dem Ich“, sagt sie. Schmuck ablegen oder abkleben Zudem gehe es in ihrem Alltag auch um Schutz an Bord. Konkret bedeutet das in der Marine, dass Kleider für Wind und Wetter aus schwer entflammbarem Material gefertigt sein sollten, da die Soldatinnen und Soldaten oft nah an Hitzequellen wie Schiffsmotoren stehen und Schiffe eng sind. „Bei unseren Manövern in der Seefahrt, wenn wir in Gefechtsübungen sind und mit Feuerlöschern hantieren, werden auch Ketten und Ohrringe abgelegt oder Piercings abgeklebt, damit sich niemand verletzt“, sagt Merkl. Die mit einem Soldaten lebende Offizierin, die auch eine der Vorsitzenden des CDU-nahen Vereins „Charlie-Delta-Uniform – Mit Sicherheit Union e.V.“ ist, engagiert sich für eine Erhöhung der Akzeptanz der Bundeswehr in der Gesellschaft. Sie ist zudem eine der wenigen Frauen, die zwei Schwangerschaften modisch in Uniformen erlebt hat. Dabei wechselte sie zuerst in größere Männerhosen und forderte dann eine Umstandsuniform von Hosen mit weichem Bund, einer unten gerafften Bluse und Strickpullover an. „Es gibt auch die Möglichkeit, vom Tragen der Uniform freigestellt zu werden und gepflegtes Zivil anzuziehen“, sagt sie. Darf man denn Uniformen ein wenig umstylen? Nicht wirklich. Zudem gilt der sogenannte Haar- und Barterlass, in dem etwa geregelt ist, wie viele Ohrringe Angehörige des Militärs tragen dürfen. Und: „Bei der Einstellung wird schon geguckt, wo jemand Tätowierungen hat, denn als Soldat ist man Repräsentant des Landes, der das Hoheitsabzeichen trägt, und damit auch Verantwortung.“ An den Uniformen kann man nicht nur den Rang, sondern auch Karrierestationen und Ehrungen ablesen; Einsatzabzeichen und Sonderabzeichen sprechen eine eigene Sprache. Merkl, die als Admiralstabsdienstoffizierin die höchste Ausbildung absolviert hat, trägt als vierte Frau in der Geschichte der Bundeswehr den Kommandantenstern der Marine. „Diesen Stern zu tragen, ist mir wichtig, weil er für eine einzigartige Führungsposition mit viel Verantwortung für Mensch und Material in See steht“, sagt sie. „Es ist ja nicht irgendein Job“ Dieser Kommandantenstern wird nahe ans Herz geheftet, wenn eine Person die Verantwortung für ein Boot oder Schiff und das dazugehörige Personal übernimmt. „Es ist ja nicht irgendein Job, sondern man ist 24/7 verantwortlich“, erklärt Merkl. Wirklich schön – so Merkl – sei, dass immer mehr Frauen in der Bundeswehr in Führungspositionen aufsteigen und mittlerweile einige Soldatinnen der Marine diesen Stern an ihrer Uniform tragen. Das Besorgen von Bundeswehrkleidung geht grundsätzlich über zwei Wege. Im Dienstgrad Offizier werden zwar alle Kleidungsstücke geliefert, die man in den Servicezentren der sogenannten Bundeswehrbekleidungsgesellschaft anprobieren und mitnehmen kann. Doch ab dem Rang Leutnant kann man schickere Kleider auch selbst beschaffen und die Dienstanzüge von Schneidern anfertigen lassen. Als sogenannte Selbsteinkleider erhalten die Soldatinnen und Soldaten pro Monat dafür einen kleinen Geld­betrag als Zuschuss. So hat auch Tanja Merkl ihre Galauniform beim auf Uniformen spezialisierten Kunstkostümschneider und Herrenschneider Torsten Föh in Kiel anfertigen lassen – statt den dienstlich gelieferten langen Rock mit Samtweste und Schluppenbluse zu tragen. Unter Föhs Kunden sind 25 Prozent Frauen. Die Hose drückt, egal wie schlank die Frau ist Die aktuellen Damenschnitte der Bundeswehruniformen sind für den Maßhandwerker aus dem Norden eher ein Grauen. „Mir scheint, die Leute, die die Damenmode der Bundeswehr nach dem Outsourcing vor rund zwei Jahrzehnten entwickelt haben, mochten keine Frauen“, sagt er. „Es gibt nur eine hoch geschnittene Damenhose, die auf Bauchnabelhöhe sitzt und oft drückt, egal wie schlank eine Frau ist.“ Zudem sieht er ein Problem: „Ein größerer Po braucht eine schmalere Schnittkonstruktion, und man kann an den Beinen viel machen, dass es gut aussieht.“ Zudem sei im Bundeswehrrock oben ein Gummi eingearbeitet, das auf der Hüfte auftrage und Knubbel an der Seite verursache. Föh begann seine Schneiderkarriere 1980 am Opernhaus in Kiel, war zehn Jahre am Schauspielhaus als Gewandmeistervertreter und stieg 1990 bei der Bundeswehr als Schneider ein. Mit den Jahren baute die Bundeswehr die einst großen Schneiderabteilungen ab. Wo früher mit ihm 16 Schneider in Kiel arbei­teten, ist er heute im Team von nur noch zwei Halbtagskräften im Bundeswehrdienstleistungszentrum in Teilzeit beschäftigt und führt seit 13 Jahren mit seiner Frau Silvia nebenbei seinen eigenen Schneiderladen. Bei ihm wird nichts vom Computer gezeichnet und automatisch gestanzt; er arbeitet mit seinen eigenen Formeln, Kurvenwinkeln und Kreide. Eine Wiener Naht „sieht schneidig aus“ „Das Gesicht der Uniform ist bei allen drei Waffengattungen vorgegeben, da kann man nichts Modisches machen“, sagt er. Höhe der Knöpfe, Sitz der Brusttaschen und Pattentaschen, die Länge des Revers – genau vorgeschrieben. Aber vor allem bei den Hosen kann er die Weiten verändern und auch die Länge der Jacken anpassen. „Bei Damenjacken mache ich immer eine sogenannte Wiener Naht, eine bogenförmige Teilungsnaht, damit kann man Busen und Taille super ausarbeiten, das sieht schneidig aus“, erklärt er. Damenröcke schneidert er als schmale Bleistiftröcke auf die Taille. „Allerdings muss der Stoff eine Handbreit unter dem Knie enden“, sagt er. So die Bestimmungen. Bei den Stoffen schwört Föh auf 100 Prozent Schurwolle. „Ich bin altes Fossil und hasse Elasthangewebe, die wie Kaugummi sind.“ Die Vorgabe der Bundeswehr ist laut Föh, zwei Uniformen zu besitzen. Seiner Erfahrung nach hält eine gute Uniform rund zehn Jahre. „Ich empfehle immer, sich eine zweite Hose zu bestellen, weil man dann nicht so schnell eine Abnutzung hat und die eine in die Reinigung geben kann.“ Und was kostet das Ganze? Der Basisdienstanzug schlägt mit rund 870 Euro für Jacke und Hose zu Buche, eine Galauniform mit 940 Euro, hinzu kommen dann noch die teurer werdenden Ausstattungen für die Dienstgrade. Da gibt es etwa bei der Marine Dienstgradklappen mit handbestickten Sternen oder Äskulapstab, zudem hochwertige, sieben-Gramm-vergoldete Tressen um den Ärmel. Bei der Damen-Galauniform werden die Samtschulterklappen in die Schulternaht der Samtjacke eingenäht und mit einem Drehknopf befestigt. „Wir bezahlen im Einkauf schon für einen Meter Admiralstresse 60 Euro und arbeiten noch eine Versteifung ein, damit der Ärmel schön rund am Arm sitzt und die Tresse schwer aufliegt“, sagt Torsten Föh. Im Alltag hat Fregattenkapitän Tanja Merkl beobachtet: „Als Soldatinnen und Soldaten sind wir im Gegensatz zu Postboten, Polizisten und Bauarbeitern auch in Jugendbüchern nicht sichtbar.“ Die Uniform ist für sie auch ein Weg, mit Kindern ins Gespräch zu kommen. „Ich trage wahnsinnig gern Uniform, auch wenn ich meine Tochter in die Schule bringe, denn man soll sehen, dass ich diene.“