FAZ 25.11.2025
11:09 Uhr

Frauen als Handballprofis: „Wofür tust du dir das an?“


Handball-WM 2025: Die Deutsche Alina Grijseels und die Niederländerin Lois Abbingh im Interview über Kind und Karriere sowie die Lohnlücke zu Männern.

Frauen als Handballprofis: „Wofür tust du dir das an?“

Als niederländische Fahnenträgerin bei der Eröffnung der Olympischen Spiele von Paris gab Lois Abbingh eine ebenso gute Figur ab wie als elegante Rückraumspielerin von Borussia Dortmund. Im Januar wechselte die 33-Jährige nach der Insolvenz des norwegischen Spitzenklubs Vipers Kristiansand zum BVB und spielt dort mit Alina Grijseels zusammen. Nach Stationen in Frankreich und Rumänien ist die 29 Jahre alte ­Regisseurin der deutschen Nationalmannschaft zurück in der heimischen Liga. Bei der am 26. November beginnenden Weltmeisterschaft in Stuttgart, Dortmund, Trier, Rotterdam und s’Hertogenbosch gehen sich Abbingh und Grijseels zunächst aus dem Weg: Erst im Halbfinale könnte es zum Duell kommen. Sie beide starten in dieser Woche mit Deutschland und den Niederlanden in eine Weltmeisterschaft, die mit „Hands up for more“ überschrieben ist und den ganzen Frauenhandball bewegen soll. Was bedeutet Ihnen das? Alina Grijseels: Ich finde die Bewegung super. Als uns der Plan erstmals vorgestellt wurde, haben wir alle gedacht: Das ist cool – und zwar nicht nur jetzt, sondern hoffentlich auch in der Zukunft. Nicht nur: Jetzt einmal Heim-WM, und danach schläft alles wieder ein. Sondern Frauenhandball soll auf Jahre, Jahrzehnte in der Wahrnehmung bleiben. Klar, es wird automatisch viel über nichtsportliche Themen gesprochen, die wichtig sind, jahrelang aber nur unterschwellig mitgelaufen sind. Ab einem gewissen Punkt müssen wir uns allerdings auf den Sport konzentrieren und nicht mehr über das Drumherumsprechen. Viele Fragen zu gesellschaftlichen Themen werden kommen. Fühlen Sie sich darauf vorbereitet? Lois Abbingh: Es ist gut, darüber zu sprechen. Es geht nicht nur um Geld, es geht um die gesamte Organisation des Frauenhandballs. Es geht um alles. Im Frauenhandball heißt es nicht, dass alles perfekt im Umfeld und immer gut organisiert ist, nur weil man für einen Champions-League-Verein spielt. Grijseels: Ich bin den Fragen gegenüber offen, was wir überhaupt meinen, was die einzelnen Probleme sind. Trotzdem: Je näher es ans Turnier geht, desto weniger möchte ich damit zu tun haben. Welche drei Dinge würden Sie gern verändern? Grijseels: Erstens die Professionalisierung, was den Stab angeht. Dass jeder Verein alle Positionen in Vollzeit besetzen kann. Dann zweitens die Hallen-In­frastruktur in der Bundesliga. Und drittens die Aufmerksamkeit – dass bei Männern und Frauen gleich viel investiert und berichtet wird. Welche Rolle spielen Begriffe wie Gender-Pay-Gap in Ihrem Leben, also die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen? Abbingh: Ich hätte es ohne finanzielle Unterstützung meiner Eltern nicht hierher geschafft. Nebenbei studieren ist etwas Schönes und Sinnvolles, denn nach dem Handball müssen wir sofort arbeiten. Aber es ist schon hart, wenn man wie ich auch noch eine Familie hat. Unser Sohn ist vier. Wo Männer im Fußball Frau und Kinder einfach mitnehmen und sagen, es ist egal, wir gehen alle dahin, haben wir eine Situation, in der ich auch daran denken muss, dass mein Mann dort Arbeit findet, wo ich Handball spiele. Grijseels: Ich beschäftige mich viel damit. Damit, dass wir finanzielle Stabilität brauchen, dass man nicht nebenbei arbeiten muss oder darüber nachdenkt, genug Geld für den nächsten Einkauf zu haben. Das war in meinen Anfangsjahren präsent. Ohne meine Eltern wäre ich auch nicht hier. Jetzt muss ich mich zum Glück darum nicht kümmern. Aber die Themen bleiben. Sind die Verhältnisse in den Niederlanden im Frauen- und Männersport ähnlich wie in Deutschland? Abbingh: Das Standing des Frauensports ist besser. Die Gesellschaft ist in Sachen Gleichberechtigung weiter. Da ist nicht so viel nachzuholen. Das Logistikunternehmen DHL ist bei uns ein starker Sponsor für mehrere Frauensportarten. Seit 2022 haben wir eine Zusammenarbeit mit Volleyball, Hockey und Fußball. Wir haben als Frauen im Sport den gleichen Traum. Wir gucken nicht in Richtung Männer und deren Bezahlung, sondern wir unterstützen uns als Sportlerinnen. Wir gehen häufig gleichzeitig zu Events in den Sportarten und werben dort in gemeinsamen Kampagnen. Welchen Schub hat der WM-Titel von 2019 in den Niederlanden gebracht? Abbingh: Wir haben Handball populär gemacht. Vorher spielte man Handball, wenn jemand aus der Familie Handball spielte. Jetzt spielen viele junge Mädels durch uns. Es gibt durch die großen Erfolge Ende der Zehnerjahre eine klare Bewegung nach oben. Wir hatten an der Akademie in Papendaal zwei sehr gute Jahrgänge, die gute Spielerinnen hervorgebracht und Zusammenhalt in die A-Nationalmannschaft gebracht haben. Wie ist es organisiert? Abbingh: Ich war mit 15 Jahren dort. Wir lebten und trainierten von montags bis freitags dort. Am Wochenende spielten wir dann beim Verein. Wir waren 21 Mädels dort. 2019 waren acht davon Weltmeisterinnen. Ist die Talententwicklung der größte Unterschied zwischen den Niederlanden und Deutschland? Abbingh: Wir sind als Land sehr viel kleiner und haben alle das gleiche Training gehabt. Ihr habt in Deutschland mehr regionale Schwerpunkte und kommt später zusammen. Für uns ist die Akademie ein großer Teil unseres Erfolgs, weil wir nicht so viele Leute haben, die Handball spielen. Warum ist die niederländische Liga nicht so gut? Abbingh: Das ist wirklich schade. Sie war noch nie professionell. Es gibt kein Geld, es läuft nicht im Fernsehen. Ich war selbst 17 Jahre, als ich nach Oldenburg ging – alle machen das: Wir wachsen zu Hause auf und gehen dann als Profi ins Ausland. Gehören Auslandsstationen dazu, um eine Karriere als Frau im Handball hinzubekommen? Grijseels: Dazu gehört eine Menge Mut. Die Niederländerinnen wissen das vorher. Bei uns ist es noch nicht so krass, weil unsere Liga zwar nicht die beste der Welt ist, aber sie ist schon auch gut. Aber bei uns kommt es immer mehr auf, zu sagen: Hey, ich will diesen Schritt gehen, um mich persönlich weiterzuentwickeln. Raus aus der Komfortzone gehen, etwas Neues kennenlernen. Es beeindruckt mich, wie intensiv Frauenhandball in anderen Ländern gelebt wird. Sie waren addiert in acht Ländern als Profi unterwegs. Wo fühlten Sie sich am wohlsten? Abbingh: Deutschland ist für mich wie Holland. Ich bin hier total entspannt, ich kann die Sprache. Aber ich habe den Schritt auch gemacht, um im Handball den nächsten Schritt zu machen – es geht um Handball, deswegen bin ich da. Nicht, weil es schön für mich sein muss. In Russland war es nicht leicht, weit weg von zu Hause. Aber wenn ich auf den Sport schaue, war es die beste Zeit meiner Karriere. Grijseels: In Bukarest habe ich schon gedacht, wofür tust du dir das an. Aber dann ist es so, wie Lois sagt, dass ich dort nicht meine Zukunft plante – Bukarest war begrenzt auf eine Zeit meiner Karriere. Ich will im Handball so erfolgreich wie möglich sein. Da nimmt man in Kauf, dass es privat vielleicht nicht perfekt ist. Die Vereine helfen viel. Aber trotzdem fühlt man sich manchmal allein. Wann? Grijseels: Ich hatte in Bukarest eine Autopanne, stand da und wusste nicht weiter. An solch banalen Dingen merkte ich, ich bin in einer völlig fremden Umgebung und habe keine Ahnung, wie die Dinge dort laufen. Im Sport waren wir in Rumänien aber sehr privilegiert – den Alltag habe ich ansonsten gar nicht so mitbekommen. Für Sie beide ist es eine Heim-WM mit großen Erwartungen, erzeugt das Rücken- oder Gegenwind? Grijseels: Ich bereite mich schon die vergangenen Monate darauf vor, in einer ausverkauften Westfalenhalle ein Viertelfinale zu spielen. Welche Gedanken habe ich vorher? Was sind Störmomente? Wie kann ich das positiv für mich nutzen, dass 11.000 Leute hinter mir stehen? Was brauche ich, damit ich das ummünzen kann? Dass ich nicht den Druck verspüre, etwas leisten zu müssen. Abbingh: Ich sehe das als eine positive Sache. In Rotterdam werden die Menschen bei der Endrunde hinter uns stehen. Ich selbst muss gut vorbereitet sein, dann helfe ich der Mannschaft. Gefühle wie Nervosität sind erlaubt. Es ist okay, dass sie da sind. Die Images sind unterschiedlich, hier die Deutschen, die das Halbfinale seit 2008 verpassen, da die erfolgsverwöhnten Niederländerinnen ... Grijseels: Das zu lesen, ist nicht schön, es macht auch etwas mit uns. Wir versuchen, das im Team so zu sehen, dass die Medien das ruhig schreiben können, wir es aber nicht glauben dürfen. Wir müssen überzeugt sein, die Qualität zu haben, ins Halbfinale zu kommen. Vielleicht hilft uns der Heimvorteil. Trotzdem ist die Gefahr da, gedanklich schon im Viertelfinale zu sein. Abbingh: Bei uns sieht man, dass sich die Mannschaft sehr verändert hat und es uns seit 2019 nicht gelungen ist, den Schritt ins Halbfinale zu machen. Wir denken seitdem in jedem Viertelfinale, es zu schaffen. Aber dann kommen starke Gegner wie Norwegen, Frankreich oder Dänemark. Bei uns fehlt momentan auch der letzte Schritt, einen Großen zu schlagen – dann wird es leichter. Es glaubt vielleicht niemand, aber es ist etwas ganz anderes, ein K.-o.-Spiel zu spielen als ein Quali-Spiel oder ein Gruppenspiel. Wann wäre es eine gute WM, Alina Grijseels? Grijseels: Für mich persönlich, wenn ich mein Maximum in dieses Turnier gelegt habe – und es genießen konnte. Als Mannschaft ist da die reine Platzierung. Mit einer Medaille heimzufahren, ist ein großer Traum. Wenn wir aber das Viertelfinale mit maximaler Leistung verlieren, wäre es trotzdem erfolgreich. Und für Sie, Lois Abbingh? Abbingh: Persönlich ist es ein Traum, in das Finalwochenende zu kommen. Ich möchte jedes Spiel in Rotterdam genießen – wir spielen nicht oft in Holland vor so vielen Leuten. Ich hoffe, dass das Turnier einen Boost gibt – und wir irgendwann eine gute Liga haben, weil viele Leute denken: Handball ist eine geile Sportart.