Völker unterscheiden sich im Grad ihrer Fügsamkeit gegenüber der Obrigkeit. Man darf getrost Klischees bemühen und feststellen, dass unseren französischen Nachbarn das „liberté ou la mort“ aus den Zeiten der Revolution so heilig ist wie ein Glas Bordeaux oder ein Baguette. Dabei sind sie als Bürger durchaus bereit zur Konformität, wäre da nicht eine Art Gegenwille, gerade das nicht zu tun, was der Staat von ihnen verlangt. Zum Beispiel im Straßenverkehr. Für die Einen gelten Verkehrsregeln stets, für andere noch nicht oder nicht ganz oder vielleicht. Das Nichtbefolgen von Vorschriften ist die Kehrseite ihrer Geltungskraft, die dadurch nicht etwa geschwächt, sondern erhöht wird. Schließlich muss der Uneinsichtige, der sich nicht an Regeln hält, mit Strafe rechnen. Frankreich setzt, was den Straßenverkehr angeht, statt auf Einsicht auf schwarze Pädagogik, auf präventive Sanktion. Zu diesem Zweck werden aus Vorschriften Dinge gemacht, sie werden zu Hindernissen, und diese wirken, ehe der Fuß am Gaspedal von der Versuchung zum Ungehorsam gekitzelt wird. Regeln wie Dinge zu behandeln, auf diesen genialen Gedanken kam einst der französische Gelehrte Émile Durkheim. Seine Idee hat seit Langem den Rahmen erkenntnistheoretischer Debatten verlassen. Sie beflügelt die Phantasie der Bürgermeister, deren Autorität in Frankreich noch die des Staatspräsidenten übertrifft. Landauf, landab lassen sie auf den Straßen ihrer Gemeinden Tempo 30 in Beton gießen: „Ralentisseur“, Verlangsamer, genannt. Quer über die Straße gezogene steinerne Schwellen bilden das Dekor des französischen Straßennetzes. Alternativ, besonders in Gegenden, in denen Traktoren die Durchfahrt erleichtert werden soll, dienen abständig zueinander montierte quadratische Bremskissen aus Kunststoff demselben Zweck. Zehn Zentimeter Höhe sind zulässig Nun sind Geschwindigkeitskontrollen nicht nur üblich, sondern geradezu zwingend. Es gibt sie in allen Ländern der Welt. Straßen in Wohnvierteln werden mit Pollern und Blumenkübeln eingehegt, um zum Wohl der Fußgänger ein gedrosseltes Fahren anzumahnen. Die Art und Weise jedoch, in der unsere Nachbarn im städtischen Straßenverkehr der Vorschrift Nachdruck verleihen, ist ohne Beispiel. Wenigstens égalité soll gelten, damit die liberté nicht auf Kosten der fraternité geht. Ralentisseure verwandeln die Fahrt durch Städte und Dörfer in ein Abenteuer eigener Art. Zehn Zentimeter Höhe sind zulässig, wobei beflissene Bürgermeister es gern auf ein paar Zentimeter mehr ankommen lassen. Besonders zu Stoßzeiten wird das Fahren zu einem Hürdenlauf, schwungvoll bis schmerzhaft für die Insassen der Autos, ein Belastungstest für die Stoßdämpfer. Der Volksmund nennt die Erhöhung „schlafende Gendarmen“, eine Umschreibung, in welcher der leise Triumph über den Staat anklingt. Man hält sich an die Vorschrift, mokant, da von schlafenden Gendarmen nichts zu befürchten ist. Phantasievoll ist auch ein anderes Bild, „dos d’âne“, „Eselsrücken“, eine schmunzelnde Referenz des agrarischen Frankreich an die Vorgeschichte der PS. Mit dem Fahrzeug auf einem solchen steinernen Eselsrücken zu landen oder ihn gar zu übersehen kann einen von den Sitzen reißen. Fahrten in der Dunkelheit haben ihren besonderen Reiz. Bei ringsum blendenden Scheinwerfern ist man nicht mit Lichthupen entgegenkommender oder nachfolgender Fahrzeuge konfrontiert. Es sind die Verlangsamer, die zum Tanz der Karosserien aufspielen. Doch Schwellen gibt es in Frankreich nicht nur in den Städten. Wer statt mit dem Auto mit dem Rad unterwegs ist, muss auf dem quivive sein. Enthusiasten der Loire-Schlösser etwa, die im Land des Cyclisme in extra angelegten Spuren die Fahrt auf dem Deich vorziehen, müssen aufpassen, sich nicht beim Blick auf den Flusslauf zu verlieren. Der Rucksack verrutscht, Seitentaschen müssen gerichtet werden, wenn geschieht, was nicht geschehen sollte. Von Wohnmobilfahrern wird berichtet, die, vom Scheppern im Innenraum aufgeschreckt, an den Rand gefahren sind. Durch den Ritt auf der Schwelle zum Nachdenken gebracht, lüftet man ein weiteres Geheimnis um die Autokultur unserer Nachbarn. Frankreich huldigt mit dem Citroën DS einer Limousine, zu deren Ehren man Sonntagstouren unternimmt oder sich zu Oldtimertreffen versammelt. Warum? Dank ihrer legendären Hydraulik wäre die „Déesse“, die Göttin, ewiger automobiler Traum, jedem Hindernis gewachsen. Die Déesse hat der Himmel geschickt, sie fährt nicht, sie gleitet. Ihr aerodynamischer Zauber, dem vor Jahrzehnten der Philosoph Roland Barthes ein Denkmal gesetzt hat, transzendiert das Fahren zur reinen Utopie des Bei-sich-Seins: ein Eintauchen in einen „Strom, ohne nass zu werden“, wie David Riesman das Unterwegs-und-doch-zuhause des Autofahrens umschrieb. Die DS bleibt erhaben gegenüber Schwelle oder Kissen. Weder Regeln noch Dinge dringen während der Fahrt nach innen, ein sanftes Stupsen, wie ein à propos, Zeit für eine Pause, einen Schluck, den man hier „coup“ nennt.
