Es wäre kein typischer Franziska-Preuß-Sommer gewesen, wenn diesmal alles glattgegangen wäre. Ein kleiner Ausrutscher nur, ein Sturz auf die Hand, der Bänder und Sehnen am Mittelfinger beschädigte. Eine Operation folgte, an Schießtraining war lange nicht zu denken. Die Biathletin kennt das, sie nahm es hin, machte das Beste daraus und legte andere Schwerpunkte in der Vorbereitung auf die olympische Saison – zum Beispiel auf das Krafttraining. „Ich fühle mich stark“, sagte sie vor dem Weltcup-Auftakt im November, und auch, wenn sie es nicht so deutlich aussprach, war es doch herauszuhören: Sie hat nicht nur an Stärke gewonnen, sondern auch an Resilienz. „Solche Niederschläge härten ab“, sagt sie, „man definiert sich nicht mehr nur als Sportlerin. Die Welt dreht sich weiter, auch wenn es mal nicht so läuft.“ Ihre Vorbereitung setzte sie trotz der Handverletzung unbeirrt fort, mit einem selbst gestalteten Trainingsplan, natürlich in Abstimmung mit ihrem Coach Kristian Mehringer, dem Bundestrainer der deutschen Biathletinnen. Der Vierundvierzigjährige vertraut seiner derzeit besten Athletin, er weiß: „In ihr steckt noch ganz viel Weltklasse.“ Ihre Erfolge der vergangenen Saison, der Gewinn des Gesamtweltcups, der Weltmeistertitel im Verfolgungsrennen, all das habe ihr eine neue Energie gegeben, sagt Preuß. Weil sie endlich einmal alles gleichzeitig abrufen konnte, ihr Talent, ihre Ausdauer auf den Langlauf-Ski und ihre Präzision am Schießstand: „Es war schön zu sehen, dass sich alles ausgezahlt hat, die ganze Professionalität und Disziplin, die man 24/7 reinsteckt. Das gibt mir Gelassenheit.“ Ihr nächstes Ziel, eine olympische Einzelmedaille, habe sie im Hinterkopf. Doch die neue Saison sei sie mit weniger Druck angegangen. Den für sie bedeutenderen Erfolg, den Gewinn des Gesamtweltcups, die Belohnung dafür, über eine ganze Saison hinweg erfolgreich gewesen zu sein, habe sie schließlich schon erreicht. „Da war nicht immer das schönste Erlebnis“ Franziska Preuß ist 31 Jahre alt, Ende November begann ihr dreizehntes Jahr im Biathlon-Weltcup. Schon 2012 gewann sie drei Goldmedaillen bei den Olympischen Jugendspielen, doch es vergingen danach 13 Jahre bis zu ihrem ersten WM-Titel. Es ist keine leere Floskel, sondern ihre Lebenserfahrung, wenn sie von der „ganzen Professionalität und Disziplin“ spricht, die sie in sich, in ihren Körper und Geist investieren musste, um die Allerbeste in ihrer Sportart zu werden. Medaillen hin, Gelbes Trikot her, vielleicht war es sogar ihre größte Leistung, in all den Jahren, in denen sie als eines der größten Talente im deutschen Biathlon galt, nicht aufzugeben. Auch dann nicht, wenn der Körper sie im Stich ließ, eine Infektion die nächste jagte, oder die Gedanken im Kopf so sehr ratterten, dass es sie erdrückte und Tränen liefen, wenn die Projektile nicht ins Schwarze trafen. So war es oft auch bei den Jahreshöhepunkten, mit denen sie nie so recht Freundschaft schloss. Dreimal startete sie bei Olympischen Winterspielen und reiste doch wieder enttäuscht ab. „Da war nicht immer das schönste Erlebnis“, sagt sie über diese Erfahrung, „ich habe mir das immer anders vorgestellt.“ Die Motivation, es trotzdem noch einmal zu schaffen, habe sie aber weiterhin: „Ich will mal Spiele ohne Nebenbaustellen erleben.“ Am Ende der vergangenen Saison, ihrer bisher erfolgreichsten, sprach sie oft von einer Last, die von ihr abgefallen sei, weil sie endlich all diese Erwartungen, die von anderen und ihre eigenen, erfüllen konnte. Schon beim ersten Weltcup eroberte sie das Gelbe Trikot der Führenden im Gesamtweltcup und musste es nur vor dem Saisonfinale noch einmal kurz an ihre Konkurrentin Lou Jeanmonnot abgeben. Mitte März in Oslo entfaltete sich im allerletzten Saisonrennen die ganze Dramaturgie des Weltcup-Jahres. Die Bayerin Franziska Preuß und die Französin Lou Jeanmonnot traten gemeinsam die finalen Kilometer Richtung Ziellinie an. Wer sie als Erste überschreiten sollte, würde den Gesamtweltcup gewinnen. Doch kurz vor der Zielgeraden stürzte Jeanmonnot in einer Kurve, Preuß gewann – doch statt im Ziel ihren größten Erfolg zu bejubeln, wartete sie auf die Konkurrentin, kniete sich neben sie in den Schnee und tröstete sie. Es war wahrscheinlich die bedeutendste Szene des vergangenen Biathlon-Winters. Franziska Preuß erfüllt Olympia-Norm Im Sommer trafen sich die beiden Athletinnen in Preuß‘ Heimat Ruhpolding für einen Termin bei einem gemeinsamen Sponsor. Jeanmonnot habe bei ihr übernachtet, sie hätten „geratscht statt trainiert“ und der Sport sei kein großes Thema gewesen. Er wurde es schnell genug wieder, denn in dieser Saison, die für beide so unterschiedlich verläuft, haben sie wieder ein gemeinsames Ziel: eine Einzelmedaille bei den Olympischen Spielen im Februar. Während die Französin vor einer Woche in Hochfilzen über ihren ersten Saisonsieg jubelte, musste Preuß schon wieder eine Pause einlegen. Corona und eine Influenza bremsten sie aus. Schon eine Woche später war sie zurück, belegte am vergangenen Sonntag Platz sechs im Massenstart und erfüllte die nationale Olympia-Norm. Schon wieder eine Last, die von ihr abfiel. Sie sei „sehr froh“, sagte sie später im ZDF-Interview, die Norm vor Weihnachten „abhaken zu können“. Am Abend war sie wieder im ZDF zu sehen, nicht mehr im grau-schwarzen Rennanzug, sondern mit funkelndem Oberteil, zugeschaltet aus dem Weltcup-Ort Le Grand-Bornand in Frankreich, der Heimat Lou Jeanmonnots. Die Siebenundzwanzigjährige hatte am Wochenende dort erstmals ein Rennen gewonnen, auch sie sprach von einem Gewicht, das auf ihr gelastet habe, die Erwartung, endlich einmal vor den heimischen Fans, der Familie, ganz oben auf dem Podium zu stehen. Am Abend hatte sie eine andere Last im Gepäck: eine goldene Figur für ihre Konkurrentin Franziska Preuß, die Trophäe für die „Sportlerin des Jahres“.
