Als Franziska Preuß an der letzten Station ihres Interview-Marathons angelangt war, bedeckte Schnee ihre Mütze und die Schultern. Die Flocken rieselten unaufhörlich vom Himmel über der Südtirol-Arena, als legte sich eine weiße Decke über die letzte Szene der olympischen Biathlon-Wettkämpfe. Gedämpft drangen die Après-Ski-Hits aus dem Partyzelt, in dem die Fans schon lange feierten, und gedämpft waren die Worte, die Deutschlands erfolgreichste Biathletin der jüngeren Vergangenheit in die Mikrofone sprach. Ihr Abschied aus dem Biathlon, dem Sport, den sie seit ihrem 16. Lebensjahr betrieben hatte, war anders verlaufen, als sie es sich vor den Spielen erhofft hatte. Ohne Einzelmedaille, mit sieben Schießfehlern im finalen Massenstart, Platz 28 von 30 Starterinnen – und doch mit schönen Momenten –, endete ihre Karriere. Im Ziel bereiteten Familie, Teammitglieder, Weggefährtinnen Franziska Preuß einen fröhlichen Abschied und setzten ihr ein Krönchen auf. „Ich bin froh“, sagte sie, „dass das Kapitel geschafft ist. Ich konnte es jetzt irgendwie kaum erwarten, dass es rum ist.“ „Im Biathlon braucht man 100 Prozent Passion“ Sie habe schon seit Längerem bemerkt, dass die „vollkommene Überzeugung nicht mehr so da ist“. Die Olympischen Spiele in den Alpen, nicht weit von ihrer Heimat Ruhpolding in Bayern entfernt, hätten sie noch einmal motiviert. „Aber Biathlon verdient mehr“, betonte sie, „da braucht man 100 Prozent Passion. Wenn das nicht mehr so ist, muss man konsequent sein.“ Doch auch in ihrem letzten Rennen, selbst nach vier Schießfehlern im ersten Liegendanschlag, steckte sie nicht auf, drehte ihre vier Strafrunden und lief weiter. „Ab dem Vierer dachte ich: Bring‘s einfach nur hinter dich. Auf der letzten Runde ging mir nicht mehr viel durch den Kopf. Ich wusste, ich brauche mich nicht mehr zu stressen und habe schon ein bisschen mit den Zuschauern gefeiert.“ Währenddessen lief Océane Michelon zu ihrem ersten Olympiasieg und gewann die sechste Goldmedaille für das französische Team bei den Biathlon-Wettbewerben von Antholz. Die Ehrung der Siegerin – Michelons Landsfrau Julia Simon wurde Zweite vor der Tschechin Tereza Vobornikova – verzögerte sich, weil nicht nur Franziska Preuß verabschiedet wurde, sondern auch Dorothea Wierer. Die kleine Feier für die 35 Jahre alte Südtirolerin war schon länger geplant gewesen, sie hatte vor den Spielen angekündigt, ihre Karriere in ihrer Heimat beenden zu wollen. Auch Franziska Preuß hatte vor Kurzem gesagt, dass die aktuelle ihre letzte Saison sein solle, aber offengelassen, welcher Wettkampf ihr finaler sein werde. Am Freitagabend dann veröffentlichte sie auf Instagram den Entschluss, in Antholz „ciao“ zu sagen. Dort war sie eigentlich mit dem Ziel angetreten, wenigstens einmal in ihrer Karriere „schöne Spiele“ zu erleben. Mit einem Erfolgserlebnis, der Bronzemedaille in der Mixed-Staffel, begannen die Wettkämpfe zwar vor zwei Wochen. Doch in den Einzelrennen unterliefen ihr zu viele Fehler, immer wieder im letzten Schießen, unter dem Druck, es in die Medaillenränge schaffen zu können. Die Winterspiele von Antholz waren bereits ihre vierten, doch wirklich versöhnen konnte sie sich nicht damit: „Die letzten Wochen hier in Antholz bei Olympia sind definitiv nicht so verlaufen, wie ich es mir vorgestellt hatte und wofür ich nach dem Gewinn des Gesamtweltcups noch einmal so hart gearbeitet habe.“ Ein wahrer „Psychoterror“ sei das gewesen, was sie in den vergangenen Tagen habe ertragen müssen. „Wenn jeder sagt: Schau nicht in Social Media, ist das krass“, berichtete Preuß. „Man ist ja immer noch ein Mensch, es ist einfach nur Sport. Ich habe weder irgendwas Kriminelles gemacht noch irgendwen umgebracht.“ All das sei die ersehnte Medaille nicht wert gewesen, und auch nicht, „sich die coole Zeit vermiesen zu lassen von Menschen, die gar keine Ahnung haben, wie schwer das ist. Deswegen hat es jetzt genauso gepasst.“ Die Versöhnung mit den Olympischen Spielen, auf die sie gehofft hatte, blieb dann schon in gewisser Weise aus. 2014 in Sotschi – es waren die ersten Olympischen Spiele nach der erfolgreichen Ära von Magdalena Neuner – wurde Franziska Preuß, damals 19 Jahre jung, ins eiskalte Wasser der größten Biathlon-Bühne geworfen. In der Staffel stürzte sie als Startläuferin und kämpfte am Schießstand mit Schnee, der ihr die Sicht auf die Zielscheiben verwehrte. Im Einzel nahmen die Trainer sie nach fünf Schießfehlern aus dem Rennen. Auch die folgenden Spiele in Pyeongchang und Peking wurden nicht Preuß' Spiele, Goldmedaillen gewannen ihre Teamkolleginnen Laura Dahlmeier und Denise Herrmann-Wick. Doch die Erlebnisse brachen sie nicht. Gleich im Jahr nach Sotschi, bei den Weltmeisterschaften in Kontiolahti, gewann Preuß die Goldmedaille mit der Staffel und Silber im Massenstart. Immer wieder zwangen sie Infekte oder Verletzungen zu Wettkampfpausen. Ihre erfolgreichste Saison zwischen November 2024 und März 2025 war auch diejenige, in der sie erstmals seit vielen Jahren gesund blieb. Eine Operation der Stirnhöhle habe ihr geholfen, einen ständigen Entzündungsherd loszuwerden, erzählte sie. In der Schweiz wurde sie vor einem Jahr Weltmeisterin in der Verfolgung, danach verteidigte sie das Gelbe Trikot der Führenden im Gesamtweltcup bis zum Finale in Oslo erfolgreich. „Ich muss ehrlich sagen“, so lautet ihr Resümee, „wenn ich heute auf meine Karriere zurückblicke, dann fühlt sich das einfach nur unglaublich an. Als ich damals mit Biathlon angefangen habe, hätte ich mir vieles von dem, was ich erleben und erreichen durfte, wirklich nicht erträumt.“ Viele Dinge, wie die Auseinandersetzung mit den sozialen Medien, die vielen Interviews, die ständige Angst vor Infektionen, werde sie nicht vermissen, sagte Preuß nach ihrem letzten Rennen. Dafür aber ihr Team, die Freundschaften, die sie geschlossen habe, das Gefühl, schwierige Situationen gemeistert zu haben. Und einen Moment, den sie unzählige Male erlebt hat: „Wenn man über die Ziellinie fährt. Das ist immer schön, egal ob es ein Scheißrennen oder ein gutes war.“
