In seinem Büro im Amtspalast der französischen Premierminister, dem Hôtel Matignon, hat Sébastien Lecornu auf Fotos und andere persönliche Gegenstände verzichtet. Er sieht sich als Regierungschef auf Abruf. Das hat er nach seinem holprigen Start im Herbst mit Rücktritt und Wiederernennung immer betont. Aber nach dem beschlossenen Haushaltsplan für 2026 deutet alles darauf hin, dass der 39 Jahre alte Politiker die Geschicke Frankreichs bis zu den Präsidentenwahlen im Frühjahr 2027 führen wird. Die Sozialisten hat er mit einer Mischung aus Nachgiebigkeit und Selbstverleugnung auf seine Seite gezogen. Die Fraktion der rechtsbürgerlichen Republikaner (LR) hält ihm die Treue, auch wenn Parteichef Bruno Retailleau mit heftiger Kritik am Haushaltsplan nicht gespart hat. „Es gibt eine Mehrheit für Kompromissgesetzentwürfe“, sagte Lecornu in einem Interview mit Regionalzeitungen am Wochenende. Er beschreibt sich selbst als Mann des Möglichen und versagt sich großsprecherische Ankündigungen. Aber bei aller Vorsicht will er sich nicht mit dem Etikett des Durchhaltekünstlers zufriedengeben. Politik des kleinsten gemeinsamen Nenners Lecornu fand seinen Weg in die Politik über den Gaullismus. Ihn beseelt das gaullistische Projekt, Frankreichs und Europas Souveränität zu stärken. Er will insbesondere in den Bereichen Energie und Verteidigung nicht ruhen, auch wenn ihm eine Mehrheit im Parlament fehlt. Die Worte des rechtsbürgerlichen Präsidentschaftskandidaten Édouard Philippe – „bis zu den Präsidentenwahlen wird nichts Entscheidendes mehr in Frankreich passieren“ – sollen sich nicht bewahrheiten. Lecornu stellt dem eine Politik des kleinsten gemeinsamen Nenners entgegen. Sogar Marine Le Pen schätzt den Mann aus der Normandie, der stets bescheiden auftritt. Kürzlich lieferte sie sich in der Nationalversammlung ein humoristisches Geplänkel mit ihm. Inzwischen weiß alle Welt, dass Lecornu bei einem Abendessen mit ihr und Parteichef Jordan Bardella Kontakt pflegte. Das hindert Le Pen nicht daran, ihn öffentlich als Mann des Stillstands zu kritisieren. Nach fast zweieinhalb Jahren Blockade will der Premierminister noch diese Woche das Energierahmengesetz für die Zeit bis 2035 beschließen – per Verordnung. Die Linkspartei LFI empört sich bereits darüber, dass Lecornu am Parlament vorbeiregiert. Lecornu hingegen hat sich mit den Mitte-rechts-Kräften des Regierungsbündnisses sowie mit den Sozialisten auf einen Energiemix verständigt, der auf den zwei Säulen Ausbau der Atomkraft und der erneuerbaren Energien beruht. Treibt den Ausbau der Atomkraft voran Die Roadmap bis 2035 sieht vor, den Ausbau von Onshore-Windkraft zu verlangsamen und stattdessen verstärkt in Offshore-Windenergie, Photovoltaik und Geothermie zu investieren. Damit trägt Lecornu dem wachsenden Widerstand in der Bevölkerung gegen die Windanlagen Rechnung. Die Rechtspopulisten um Fraktionschefin Le Pen verlangen sogar einen Rückbau der Windenergie, denn die Anlagen würden die jahrhundertealten Kulturlandschaften Frankreichs verschandeln. Sie trösten sich allerdings damit, dass sie im Falle eines Wahlsieges 2027 das Rahmengesetz neu formulieren könnten. Noch wichtiger ist Lecornu allerdings, den Bau von sechs EPR-Atomkraftreaktoren in das Energierahmengesetz aufzunehmen sowie den Bau von acht weiteren als „Option“. Über die Notwendigkeit, in die Atomkraft zu investieren, herrscht in Frankreich ein parteiübergreifender Konsens, der nur von den Grünen und der Linkspartei infrage gestellt wird. Die Strompreise in Frankreich „werden nicht steigen“, verspricht Lecornu. In dem Interview mit der Regionalpresse schwieg er sich darüber aus, wie die Investitionen finanziert werden sollen. Die hohe Staatsverschuldung wurde nicht angesprochen. Als Ziel nannte er, 60 Prozent des französischen Energieverbrauchs über Elektrizität zu decken. Aufrüstung als „Imperativ“ Der ehemalige Verteidigungsminister hat sich zudem vorgenommen, die Militärausgaben bis 2027 vor Kürzungen zu schützen. Die Verdoppelung des Verteidigungshaushalts binnen zehn Jahren seit 2017 sei „ein Imperativ“ angesichts der Weltlage, sagt Lecornu. Er beklagt, „ein Teil der politischen Elite“ trage den veränderten geopolitischen Bedingungen noch immer nicht Rechnung. In seiner Amtszeit als Verteidigungsminister von Mai 2022 bis zu seiner Ernennung zum Premierminister im September 2025 hatte er selten das Scheinwerferlicht gesucht. Aber er baute ein enges, freundschaftliches Verhältnis zu Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) auf, der in Angers studiert hatte. Pistorius lud er in seinem Wahlkreis um das 25.000-Einwohner-Städtchen Vernon am Fluss Seine ein, wo Lecornu in der Nähe seiner Eltern weiterhin ein Wochenendhaus unterhält. Kürzlich erregte eine Fotoserie Aufsehen, auf der man Lecornu in dunklem Janker und brauner Cordhose auf dem Wochenmarkt von Vernon schlendern sah, einen Beutel mit Lauch unter dem Arm. So bodenständig kennen die Franzosen ihre Regierungschefs meist nicht, und Lecornu wurde sofort in den sozialen Netzwerken verspottet, er wolle sich wohl als Landpomeranze anbiedern. Dabei weiß auch Pistorius zu berichten, wie sehr Lecornu für seinen Wahlkreis fiebert. Vernon liegt in der Nähe des früheren Hauses und der Gärten des Malers Claude Monet in Giverny. Dort führte Lecornu Pistorius bei einer Privatvisite herum. Lecornu ist weiterhin Präsident des Verwaltungsrates des Impressionisten-Museums von Giverny und nutzt diese Rolle, um politische Freundschaften zu vertiefen. Er ist einer der wenigen Lokalpolitiker, die sich 2017 Präsident Macron angeschlossen haben, und weiß, wie die lokalen Notabeln ticken. Macrons Krisenmanager Das machte sich Macron gleich zu Beginn seiner Amtszeit zunutze, als er Lecornu beauftragte, den deutsch-französischen Dauerstreit um das Atomkraftwerk Fessenheim zu befrieden. Zwischen 2017 und 2018 leistete Lecornu ganze Arbeit: Er überzeugte die französische Seite davon, dass Fessenheim vom Netz gehen müsste, und handelte mit der deutschen Seite einen Deal zur Ansiedlung eines Industrieparks aus. Die energiepolitische Kehrtwende Macrons hatte er damals allerdings nicht vorhergesehen. Noch ein zweites Mal half Lecornu dem Präsidenten aus einer brenzligen Lage: Er organisierte ihm die erste der großen Bürgerdebatten, mit denen Macron die wochenlangen Gelbwestenproteste beendete – in Grand Bourgtheroulde, einer Ortschaft in Lecornus Departement Eure. Sein Selbstverständnis hat Lecornu einmal als das eines Mönch-Soldaten bezeichnet. Damit spielte er darauf an, dass er in jungen Jahren überlegte, ins Kloster zu gehen. Zugleich schätzt er soldatische Tugenden sehr. Obwohl sein Jahrgang nicht mehr zur Wehrpflicht eingezogen wurde, engagierte er sich freiwillig als Reserveoffizier. Sein Privatleben schirmt Lecornu von der Öffentlichkeit ab. Ein Parteifreund sagte einmal, er sei „mit der Politik verheiratet“. Wer ihn in seinem Amtspalast besucht, der muss darauf gefasst sein, von einer hereinstürmenden Hündin beschnuppert zu werden. Die Ungarische Vorstehhündin Tiga gilt als Lecornus treueste Begleiterin. Sie wird auch gern angeführt, wenn Lecornus Eignung als Präsident erörtert wird. Präsidenten zeigen sich in Frankreich gern mit ihren Hunden im Élysée-Palast. Lecornu aber bestreitet, dass er Präsidententräume hegt. Er muss jetzt zunächst die Regierung umbilden, die flamboyante Kulturministerin Rachida Dati sowie zwei weniger bekannte Kabinettsmitglieder müssen aufgrund ihrer Kandidatur bei den Kommunalwahlen ihren Platz räumen. Lecornu selbst lässt es sich nicht nehmen, sich auf dem dritten Listenplatz in seiner Heimat in Vernon aufstellen zu lassen.
