Grelles Licht flutet den Raum. Draußen fährt eine Straßenbahn vorbei, irgendwo hupt ein Auto. In der Luft liegt der Geruch von Waschmittel, Weichspüler und muffiger Feuchtigkeit. Es ist früher Abend in einem Frankfurter Waschsalon. Mehrere Waschmaschinen drehen sich, nur das gedämpfte Poltern der Wäsche in den Trocknern ist in dem etwa zehn mal zehn Meter großen Raum zu hören. Musik läuft keine. Gesprochen wird wenig. Angestellte gibt es nicht. Stattdessen beobachten mehrere Kameras den Raum. Das soll einerseits Wäschediebe abhalten und andererseits verhindern, dass jemand seine Wäsche färbt — das ist hier nämlich strengstens verboten. Ein verblasstes Schild weist darauf hin. Angelehnt an die kalte Scheibe, sitzt ein Ehepaar auf einer breiten Fensterbank. „Ich hoffe, es ist das erste und letzte Mal, dass ich das hier mache“, durchbricht Özlem, die ihren Nachnamen nicht nennen will, die Stille und zieht ihre Jacke enger um sich. Ihr Ehemann Bülent blickt von seinem Handy auf. „Seit zwei Stunden sitzen wir hier.“ Die beiden seien mit dem Auto aus Ginnheim gekommen, um mehrere voll bepackte Taschen Wäsche zu waschen. Zweieinhalb Wochen hätten sie sie gesammelt, über Weihnachten und Neujahr. In einer Familie komme da einiges zusammen. „Wir haben einen Wasserschaden in der Wohnung“, erzählt Özlem. „Deswegen können wir unsere eigene Waschmaschine gerade nicht benutzen. Also sind wir hergekommen.“ Der riesige Trockner, in dem ihre Wäsche liegt, piept. Der Durchgang ist vorbei. Özlem öffnet die Tür und fühlt in die Trommel. „Immer noch nass“, sagt sie und seufzt müde. Sie geht zum Bezahlautomaten und wirft weitere zwei Euro ein. So viel kostet das achtminütige Trocknen. „Das ist jetzt das dritte Mal.“ Im Hintergrund faltet ein junger Mann seine Wäsche und legt sie ordentlich in einen lilafarbenen Koffer, mit dem er sie nach Hause transportieren will. „Insgesamt haben wir jetzt 28 Euro gezahlt“, sagt Özlem. Eine kleine Waschmaschine kostet fünf Euro, eine mittlere zehn, eine XL-Waschmaschine 19,50 Euro. Eigentlich müsste ihr Hauseigentümer die Kosten übernehmen, weil der Wasserschaden nicht selbst verschuldet sei. Doch dafür bräuchten sie eine Quittung. Der Automat gibt aber keine aus. Also zahlen sie selbst. In der Küche ihrer Wohnung seien Waschmaschine und Trockner unbenutzbar, der Herd ebenfalls. Kochen könnten sie derzeit nicht. Warmes Essen müssten sie bestellen, das zahle der Vermieter. Bülent zeigt durch das Fenster auf die Straße und lächelt. „Wir haben uns hier durch die Restaurants durchprobiert.“ Noch fünf Minuten läuft der Trockner. Die beiden setzen sich wieder auf die Bank und warten. Özlem starrt auf die stellenweise abgesplitterten grauen Bodenfliesen. Bülent nimmt sein Handy wieder in die Hand. Hinter ihnen versucht der junge Mann, seinen Koffer zu schließen. Er ist so voll, dass sich der Reißverschluss trotz Drücken und Fluchen nicht bewegen will. „Nächste Woche haben wir wieder unsere eigene Waschmaschine“, sagt Özlem. Als der Trockner erneut piept, steht sie auf und öffnet die Tür. Mit einem Griff in die Trommel stellt sie fest: „Trocken.“ Gemeinsam mit ihrem Ehemann faltet sie die saubere Kleidung und packt sie zurück in die Taschen. „Es sollte hier eine Kaffeemaschine geben“, sagt Bülent. „Eine Toilette gibt es auch nicht. Wenn man hier so lange sitzt, braucht man doch eine.“ Während des 45 Minuten währenden Waschgangs seien sie hinausgegangen, um eine Runde zu spazieren, in einem Café einen Kaffee zu trinken und dort die Toilette zu benutzen. „Einladend ist es hier nicht“, sagt Özlem und legt ein paar weiße Socken zusammen. Der junge Mann hat seinen Koffer inzwischen zubekommen, auch wenn er sich unter dem Druck der Wäsche sichtbar nach außen wölbt. Er zieht seinen Koffer durch den Raum und lässt ihn beim Verlassen des Waschsalons die sechs Stufen hinter sich her springen. Klack. Klack. Klack. „Weder an Weihnachten noch an Silvester konnten wir kochen oder Wäsche machen“, sagt Bülent. Einen Tannenbaum hätten sie trotzdem gehabt. Ihre Tochter wollte einen. Also hätten sie versucht, das Beste aus der Situation zu machen. Die gewaschene, getrocknete und gefaltete Wäsche tragen sie in einem Gang zu dem E-Auto, das direkt vor dem Waschsalon steht. Endlich gehe es nach Hause, sagt Özlem. Mehrere Waschmaschinen drehen sich immer noch, waschen die Kleidung der Kundschaft. Den frei gewordenen Platz auf der grauen Bank am kalten Fenster nimmt ein älterer Mann ein. So geht es weiter. Endloses Waschen. Endloses Warten.
