FAZ 20.01.2026
19:35 Uhr

Frankfurts Straßenambulanz: Krankheit hat kein Zuhause


Die Straßenambulanz der Caritas in Frankfurt hilft Menschen ohne Versicherung mit kostenloser medizinischer Betreuung.

Frankfurts Straßenambulanz: Krankheit hat kein Zuhause

Noch versperrt ein Rollladen die Eingangstür der Elisabeth-Straßenambulanz, doch vor der Tür warten bereits Menschen. „Einen Moment noch“, ruft eine Mitarbeiterin, als ein Mann ungeduldig klopft. Drinnen läuft noch die morgendliche Teambesprechung. Kurz wird noch über Belangloses gescherzt. „So, jetzt aber mal genug geplaudert“, sagt Maria Goetzens, Leiterin der Straßenambulanz, die von allen ESA genannt wird. „Wie geht es denn unserem Herrn Schneider?“ Leider gehe es Herrn Schneider schlechter, sagt Krankenpflegerin Martina Caldenhoven. Seine geplante Operation scheiterte an einer ungültigen Krankenkassenkarte, dabei sei er wieder versichert. Nun müsse das Team der ESA eine Lösung für ihn finden. Herr Schneider, der eigentlich anders heißt, ist einer von rund 4000 wohnungslosen Menschen in Hessen. Viele von ihnen seien chronisch krank, psychisch belastet und medizinisch unterversorgt, teilt die Diakonie Hessen mit. In der ESA, die von der Caritas betrieben und von Spenden finanziert wird, bekommen Frauen und Männer in der Situation wie Herr Schneider medizinische Hilfe. Viele Obdachlose haben keine Krankenversicherung Pünktlich um neun Uhr ist die Besprechung vorbei, dann wird der Rollladen hochgezogen. Am Eingang werden die Patienten von einer Mitarbeiterin in Empfang genommen. Nicht alle, die in der ESA um Hilfe bitten, sprechen Deutsch, manchmal verständigen sich die Mitarbeiter mit Händen und Füßen, manchmal sprechen sie auch eine gemeinsame Sprache wie Serbisch oder Arabisch. Noch an der Tür wird geklärt, was die Menschen an diesem Tag brauchen: einen Facharzt, neue Medikamente oder einen Verband? Oder bloß ein warmes Getränk und nette Worte? Dass die Patienten noch an der Tür vor dem eigentlichen Empfang vorsortiert werden, ist nötig. Denn viele von ihnen haben komplizierte Clearingverläufe hinsichtlich ihrer Krankenversicherung, heißt es im aktuellen Jahresbericht von 2024 der ESA. Denn nicht jeder, der obdach- oder wohnungslos ist, ist automatisch nicht mehr krankenversichert – auch wenn mehr als 70 Prozent der Patienten keinen Versicherungsschutz haben. Das könne verschiedene Gründe haben, erklärt Caldenhoven. Manche der Patienten kämen etwa aus dem Ausland und seien dort schon nicht in einer Krankenversicherung Mitglied gewesen. Anderen hätte die Kasse beispielsweise wegen fehlender Beitragszahlungen gekündigt. Manche seien krankenversichert, weil sie Leistungen wie Arbeitslosengeld bezögen. Ein junger Mann klagt über juckende und brennende Punkte an seinen Beinen. Statt einer Hose hat er sich einen Schlafsack um die Beine gewickelt. Er hat die vergangenen Nächte in einer Notunterkunft geschlafen. Nach einer Dusche und der Versorgung der Punkte an den Beinen bekommt der Mann frische Kleidung. Seine alte muss er wegwerfen – er hat Läuse. Behandlungen wie diese sind in der ESA keine Seltenheit. Laut dem Jahresbericht ESA wurden 2024 250 Parasitenbehandlungen durchgeführt, das sind etwa 100 mehr als noch 2023. Mehr als 1200 Menschen haben die Ärzte und Pfleger in der ESA 2024 behandelt, etwa 22 Prozent davon waren Frauen. Das deckt sich auch mit den Zahlen der Diakonie Hessen, wonach insgesamt etwa 27 Prozent der Wohnungslosen Frauen sind. Doch nicht jeder Mensch ohne Wohnung ist auch obdachlos, erklärt Katharina Alborea vom Referat Wohnungslosenhilfe der Diakonie Frankfurt. Wer auf der Straße lebt, ist zwar obdachlos, kann aber unter Umständen noch eine Wohnung haben, sie aber zum Beispiel wegen einer akuten psychischen Erkrankung nicht mehr betreten wollen. Als wohnungslos gelten Menschen, die über keinen Wohnraum verfügen, der durch Eigentum oder einen Mietvertrag abgesichert ist. Manche Menschen leben laut Alborea verdeckt wohnungslos, das heißt, sie haben keinen eigenen Wohnraum, kommen aber beispielsweise bei Bekannten unter. Das sei bei Frauen oft der Fall. Mehr Männer als Frauen obdachlos Maria Goetzens hat noch eine andere Vermutung, warum mehr Männer obdachlos sind: Viele Männer kommen etwa aus Osteuropa nach Deutschland in der Hoffnung, hier Geld für ihre Familien zu verdienen, ohne offizielle Papiere oder einen Arbeitsvertrag. Wenn dann ihre Arbeitskraft nicht mehr gebraucht werde oder sie krank würden, bekämen sie auch kein Geld mehr – und landeten im schlimmsten Fall auf der Straße. Viele von ihnen schämten sich oder trauten sich nicht, in ihr Heimatland zurückzukehren; Hilfen in Deutschland zu beantragen sei oft nicht möglich, weil sie nicht leistungsberechtigt seien. Manchmal bestehe aber ein Versicherungsschutz im Heimatland, sagt Goetzens. Das versuchten die Mitarbeiter der ESA herauszufinden. „Wir sehen uns auch als Brückenbauer“, sagt die Ärztin. Denn die zwölf hauptamtlichen Mitarbeiter versorgen an fünf Tagen in der Woche gemeinsam mit 40 Ehrenamtlichen nicht nur Parasitenbefälle, Wunden, Zähne, Infektionen und die Psyche der Patienten in der ESA. Sie vermitteln sie auch an andere Hilfsstellen weiter und versuchen, die Menschen wieder in die medizinische Regelversorgung und das Sozialsystem einzugliedern. Dafür arbeitet die ESA unter anderem mit der Kassenärztlichen Vereinigung oder dem Sozialamt der Stadt Frankfurt zusammen.  In den Behandlungen kämen die Ärzte und Pfleger mit den Patienten ins Gespräch und bauten langsam, aber sicher eine Beziehung und somit auch Vertrauen auf, sagt Goetzens. So auch bei einem Mann, der über Schmerzen an den Füßen klagt. Zwar spricht die Ärztin Carolin Austermann-Grofer kein Rumänisch, ins Gespräch kommt sie dennoch mit ihm: über das Triaphon, eine gemeinnützige medizinische Dolmetsch-Hotline. So kann Austermann-Grofer ihm erklären, dass er Fußpilz hat. Sie gibt ihm eine Tube mit einer Creme mit, die er zweimal am Tag auftragen soll. Außerdem bekommt er eine frische Hose, neue Socken und ein neues Paar Schuhe. Viele der Medikamente wie die Salbe bekommt die Straßenambulanz von Apotheken gespendet. Für Patienten, die regelmäßig Medikamente brauchen, bewahrt die ESA diese sicher auf und verteilt sie dann etwa in Wochendosen an die Patienten. Soziale Not und schlechte Gesundheit bedingen sich gegenseitig Viele der Patienten haben Probleme mit den Füßen, erklärt Austermann-Grofer. Oft könnten sie ihre Schuhe nicht ausziehen oder wechseln. Außerdem schliefen die meisten im Sitzen, weil sie so weniger angreifbar und schneller wieder auf den Beinen seien, sagt die Ärztin. Die Folge seien oft dicke Beine und Füße. „Dann geben die Gefäße irgendwann nach.“ Soziale Notlagen wie Armut und eine schlechte Gesundheit bedingten sich gegenseitig, erklärt Maria Goetzens. Deshalb sei es wichtig, Bekämpfung von Armut und Wohnungslosigkeit ganzheitlich zu betrachten. In der ESA können Medizinstudenten und Auszubildende ein Pflegepraktikum absolvieren. „Das stimmt mich hoffnungsfroh, so vielleicht das System zu sensibilisieren“, sagt Goetzens. Nicht allen Besuchern der ESA kann direkt geholfen werden. Manche seien schwer erkrankt wie an Krebs – deren teure Therapie oft nicht von hiesigen Krankenhäusern übernommen werden könne –, andere seien suchtkrank. Das mache die Behandlung schwer, erklärt Goetzens. Denn diese Patienten hätten oft keine Leistungsanspruch und somit „keine Chance“ auf eine Entgiftung. Ein Teufelskreis: Die Patienten seien zu betrunken für Sozialberatung. „Wir können da nur den Mangel verwalten“, sagt die Ärztin. Oft stecke mehr hinter einer Sucht, die meisten Menschen eine das Schicksal, nirgends richtig angedockt zu sein, erklärt Goetzens. Am häufigsten diagnostizieren die Ärzte der ESA Verhaltensstörungen durch Alkohol, Verhaltensstörungen durch Tabak und Bluthochdruck. Mehr als 70 Prozent der Patienten leiden laut Goetzens an einer psychischen Erkrankung. Nicht immer sei das eine Psychose. Goetzens erinnert sich an einen schwer depressiven Mann. Er habe zu ihr gesagt: „Es wird Morgen, und es wird Abend, und ich sitze nur.“ Solche Fälle seien so einprägsam, dass sie Goetzens antreiben, immer weiterzumachen. Bevor um ein Uhr die ESA für diesen Tag die Türen zu den Behandlungszimmern schließt, versorgt Krankenpflegerin Martina Caldenhoven gemeinsam mit dem Pfleger Mihaly, der seinen Nachnamen nicht nennen möchte, einen Mann, der einen Termin zum Verbandswechsel hat. Er hat nicht nur eine offene Wunde am Arm, sondern auch an seinen Füßen. Doch Caldenhoven ist zufrieden. „Das sieht schon richtig gut aus, das machen wir weiter so!“ Auf die Frage von Martina, warum denn seine Socken feucht seien, antwortet der Mann, der lieber anonym bleiben möchte: „Ich dusche doch immer, bevor ich herkomme!“ Das sei bei vielen anderen Patienten nicht so, sagt Michaly. Mihaly und Caldenhoven kennen den Mann, vor einiger Zeit zog er sich eine Blutvergiftung am Finger zu und musste operiert werden. „Das war echt knapp“, erzählt er. Ihm wurden Teile der Finger amputiert. Kürzlich ist er in eine Einrichtung gezogen, in der er eine kleine Küche „und eine saubere Umgebung“ hat. „Und wenn ich aus dem Fenster gucke, sehe ich einen Park“, erzählt er, nicht ohne stolz zu klingen. Er habe auch Familie, sagt er. „Drei Töchter, die sind super!“ Er sei auf einem guten Weg, habe aber auch noch vieles zu erledigen. Es sind Patienten wie diese, derentwegen Maria Goetzens ihre Arbeit als „sehr segensreich“ bezeichnet oder Carolin Austermann-Grofer sagt, der Job tue ihr so gut wie den Patienten. Denn zu sehen, wie es jemandem besser geht, nicht nur gesundheitlich, sondern auch in der Lebenssituation, mache sie glücklich, sagt Austermann-Grofer. Natürlich sei die Arbeit auch manchmal frustrierend, ernüchternd und anstrengend, sagt Goetzens. Nicht immer nähmen die Patienten die Hilfen an. Das hindere sie aber nie daran, ihren Beruf mit Freude auszuführen, sagt sie. „Denn jeder Mensch hat ein Recht auf Gesundheit und in Würde zu leben.“