Der große Umbruch beginnt im Kleinen. Als sich in der Jahrhunderthalle zum ersten Mal an diesem Abend ein Eintracht-Mitglied meldet, ist mit einigem zu rechnen: Wird das die erste Ansage der organisierten Fanszene? Oder wehren sich andere Mitglieder, die die Ultras und ihre Gruppen kritisch sehen? Darum sollte es schließlich gehen bei dieser Eintracht-Versammlung, bei der auch Ultra-Vertreter für Ämter kandidierten. Der Mann mit dem schwarzen Mikro atmet durch. Dann beginnt er seinen Satz, bedacht. Wieso denn, fragt er, niemand überlegt habe, Pascal Groß von Borussia Dortmund zu verpflichten? Einige im Saal lachen, antworten will niemand. Die Frage aber setzt den Ton: Das Thema, das vor der Versammlung über allem schwebte – die angebliche/drohende Machtübernahme der Eintracht-Ultras – ist keines. Und zwar, weil es kaum jemand debattiert. „Keiner von uns hat gedacht, dass wir Bayern-Jäger sind“ Axel Hellmann, den die Ultras in ihrem Magazin am Wochenende kritisiert hatten („ganz schön viele Zufälle“), äußerte sich lieber zum Sport, zur Bundesliga. An der einen oder anderen Stelle hätten sie den Kader falsch eingeschätzt, sagte Hellmann. Die Erwartungshaltung sei verkehrt gewesen: „Nicht einer von uns hat annähernd gedacht, dass wir Bayern-Jäger sind.“ Davon ist die Eintracht auf Platz acht weit entfernt, sie rutscht weiter ab – „eine Negativentwicklung, die wir stoppen müssen“, sagte er. Deshalb suchen die Frankfurter seit einer Woche einen Trainer. „Wir sind auf der Zielgerade“, sagte Hellmann. Und dass er den Namen erst verraten wolle, wenn er vier Bier getrunken habe. Dazu kam es am Montagabend, nach sechs Stunden voller Reden und Beschlüsse, nicht mehr. Vieles spricht für Jacob Neestrup, 37 Jahre alt. Er trainiert aktuell den FC Kopenhagen. Hellmann sagte, nur er und Kollege Markus Krösche wüssten, wer der Neue ist. Ob die beiden schon Dänisch gelernt haben? Der Vorstandssprecher lachte nur. Aber zurück zum Thema: zurück zu den großen Eintracht-Linien, weg von der Bundesliga-Gegenwart. Neben Hellmann stand auch Präsident Mathias Beck im Blickpunkt. Auch über ihn hatten die Ultras geschrieben. Unter anderem forderte die aktive Fanszene, im Verein stärker beteiligt zu sein. Schließlich sei sie es, die bleibe. Die Fans klagten: „Wenn es um die Belange der AG geht, hält man uns von gewissen Informationen fern und behütet diese wie Onkel Dagobert seinen Geldspeicher.“ Deshalb kandidierten Vertreter aus der Szene für Vereinsämter. Konkret: für den Verwaltungsrat, den Ehrenrat, die Revisoren und den Wahlausschuss – das klingt dröge. Diese Ämter sind aber mit großer Verantwortung verbunden, weil der Verein den größten Anteil an der AG hält. Jene AG, die in den vergangenen Jahren rasant gewachsen ist, mit der viel Geld verdient wird. Ein Mitglied schämt sich für den „Klopperklub Eintracht“ Bei einem Verein mit fast 160.000 Mitgliedern gibt es auch Menschen, die das mit den Ultras in den Ämtern für keine gute Idee halten. Sie sagen: Die Ereignisse der vergangenen Jahre – Sachbeschädigungen, Schlägereien, Fanausschlüsse – sprechen für sich. Ein Mitglied versuchte sich an dieser Debatte. Er seufzte: Man müsse sich nach vielen guten Jahren wieder für den „Klopperklub“ Eintracht schämen. Das blieb, obendrein in butterweichem hessisch vorgetragen, hängen. Im Publikum wurde gejohlt. Spätestens da war klar: Die aktive Fanszene hat die Oberhand. Von den 160.000 Mitgliedern der Eintracht waren 2000 erwartet worden. Es kamen 1500. Das sind weniger als ein Prozent. Der Schnee, die Kälte, und überhaupt, Montagabend – Gründe dafür gab es viele. Bei den Ultras war die Quote offenbar bedeutend höher. Bei jeder Abstimmung schickten die aktiven Fans einen der Ihren ins Rennen. Und machten gleichzeitig einen Kandidaten aus, den sie kritisierten – das hatte sich schon in ihrem Schreiben vom Wochenende angekündigt. Mit Erfolg: Ihre Vertreter wurden allesamt gewählt. Die Kandidaten, die sie kritisiert hatten, nicht. Unter ihnen auch Carlos Gómez-Sáez, Geschäftsführer eines Finanzdienstleisters. Mehrfach warf ihm ein Vertreter der aktiven Fanszene Interessenkonflikte vor, weil Gómez-Sáez' Unternehmen auch mit anderen Bundesligaklubs zusammenarbeite. Der Unternehmer widersprach deutlich. Sein Arbeitgeber sponsert die Frankfurter Eintracht jährlich mit einem Betrag in Millionenhöhe. Bei der Wahl in den Verwaltungsrat landete Gómez-Sáez auf dem letzten Platz. Mathias Beck: „Ich sehe diese Konflikte nicht“ Hat sich die aktive Fanszene also in einem Konflikt durchgesetzt? Präsident Beck sagte kurz vor Mitternacht versöhnlich: „Ich sehe diese Konflikte nicht. Alle Mitglieder hatten die Chance, zu kommen und abzustimmen.“ Man könnte auch sagen: Für einen Konflikt braucht es zwei Seiten. Wenn die eine aber nicht erscheint und die andere es bestens koordiniert tut, entsteht keine Debatte. Zumindest keine, die einen 160.000-Mitglieder-Verein repräsentiert. Beck bemühte dann noch das Bild von der „Eintracht-Familie“. Nicht immer war sie zu spüren. Als ein anderer der unliebsamen Kandidaten sich minutenlang wehrte, weil die Fanszene ihm ein Vergehen vorwarf, das fast zwei Jahrzehnte her sein soll, verweigerte der Kritiker den Handschlag. „Das ist schwach, das ist keine Eintracht“, sagte der Kritisierte. Die beiden gaben sich doch noch die Hand. Von den Profi-Mannschaften waren zu diesem Zeitpunkt fast alle Spieler und Spielerinnen verschwunden. Timothy Chandler und Jonathan Burkardt saßen noch in der zweiten Reihe und hörten gespannt zu. Hinter ihnen sah man, wenn ein Fan aus der Tiefe der Jahrhunderthalle das Mikro ergriff, den Zopf von Alex Meier wackeln. Später sagten andere von der Eintracht mit vorgehaltener Hand: Das sind tektonische Verschiebungen im Verein. Für die aktive Fanszene war der Abend ein Erfolg. Ein erster von vielen? Es gäbe jedenfalls noch ein paar andere Posten zu besetzen: „Wir sind der Ansicht“, schrieben die Ultras am Wochenende, „dass die Zusammensetzung im Aufsichtsrat der Fußball-AG nicht optimal ist.“
