Die Frankfurter Silvesternacht hat eine hässliche Fratze gezeigt, und die nun vorliegende Bilanz der Polizei taugt zur weiteren Verunsicherung wie Empörung: 73 Festnahmen, Angriffe auf Rettungswagen, Pyrotechnik als Waffe gegen Beamte. Wer geglaubt hat, die Exzesse vergangener Jahre seien ein Ausreißer gewesen, sieht sich getäuscht. Die Respektlosigkeit gegenüber dem Gemeinwesen hat sich verfestigt. Der Blick auf die Statistik der Festgenommenen offenbart ein vielschichtiges Problem. Ja, die Gruppe der Tatverdächtigen ist so international wie Frankfurt selbst – 20 Nationalitäten, darunter Afghanen, Türken, Rumänen. Aber die größte einzelne Gruppe bilden deutsche Staatsangehörige. Das zeigt: Die Verrohung ist eben kein exklusives Problem in den konkreten Fällen wohl gescheiterter Integration, wenngleich diese ganz offensichtlich eine Rolle spielt. Sie ist aber vor allem ein grundsätzlicheres Problem fehlender Erziehung und mangelnden Respekts vor der körperlichen Unversehrtheit anderer, quer durch verschiedenste Milieus. Rund die Hälfte nicht aus Frankfurt Hinzu kommt: Rund die Hälfte der Randalierer kommt gar nicht aus Frankfurt oder hat keinen festen Wohnsitz. Frankfurt dient damit als Bühne für junge Männer aus dem Umland und darüber hinaus, die den Jahreswechsel als Freibrief für Krawall missverstehen. Die Stadt wird zur Arena für jene, die zu Hause vielleicht noch soziale Kontrolle fürchten müssten, sich hier aber in der Anonymität der Masse austoben können. Doch wer als Gast in diese Stadt kommt, um Rettungssanitäter anzugreifen, hat das Gastrecht verwirkt. Die Konsequenzen müssen – wie bei der Erziehung von Kindern ganz grundsätzlich – unmittelbar spürbar sein. Es reicht nicht, Jahr für Jahr Böllerverbotszonen zu diskutieren, die dann doch kaum flächendeckend durchsetzbar sind. Wer in der Silvesternacht Polizisten mit Raketen beschießt, darf nicht erst Monate später eine milde richterliche Ermahnung erhalten, über die noch auf den Fluren des Amtsgerichts gelacht wird. Schnelle Verfahren und empfindliche Strafen sind die einzige Sprache, die diese Klientel versteht. Zudem muss die Landespolitik prüfen, wie man Platzverweise für bekannte Gewalttäter aus dem Umland an solchen Tagen effektiver durchsetzen kann. Der Überfall auf die Besatzung eines Rettungswagens ist der moralische Tiefpunkt dieser Nacht. Wer jene angreift, die kommen, um zu helfen, stellt sich außerhalb unserer zivilisatorischen Standards. Frankfurt ist eine weltoffene, liberale Stadt. Aber Liberalität bedeutet eben nicht Wehrlosigkeit, es ist die Freiheit von Angst. Wenn wir nicht wollen, dass die Innenstadt an Feiertagen zur No-go-Area für friedliche Bürger wird, muss der Rechtsstaat mit seiner ganzen Macht sichtbar sein – für jeden Randalierer, unabhängig davon, welchen Pass er in der Tasche hat.
