Jonathan Burkardt ist an der Wade verletzt und fällt mindestens bis Weihnachten aus. Aber zwei Stürmer hat Eintracht-Trainer Dino Toppmöller ja noch. Einer heißt Elye Wahi und kostete einst 25 Millionen Euro. Das ist fast ein Jahr her, getroffen hat der Franzose seitdem in der Bundesliga nicht. Und trotzdem könnte er jetzt seine große Chance bekommen. Bisher hatte er nämlich ein paar der treffsichersten Angreifer der Liga vor der Nase: erst Hugo Ekitiké, seit dem Sommer Jonathan Burkardt. Zuletzt hieß es, Wahi könnte den Klub nach einem Jahr im Winter wieder verlassen, per Leihe in sein Heimatland Frankreich. Als der 22 Jahre alte Stürmer gegen Bergamo unter der Woche ins Spiel kam, pfiffen einige Zuschauer von der Tribüne. Das ist seit einer ganzen Weile nicht passiert, und es wirft einige Fragen auf. Eines jedoch ist sicher: Burkardts Verletzung ist Wahis letzte Chance in Frankfurt. Manch ein Spieler war schon abgeschrieben, da gelang ihm doch noch der Durchbruch. Stürmer zwei heißt Michy Batshuayi, seine Stärken liegen etwas woanders. Spielt Toppmöller also weiter mit einem Zielspieler vorne, so wie es Burkardt war, könnte er auf den Belgier zurückgreifen. Er ist kopfballstark, erfahren, aber nicht schnell. Und, wenn man ehrlich ist: Von seinen früheren Qualitäten hat Batshuayi in Frankfurt bisher wenig gezeigt. Alexander Staff setzte sich gegen Lennart Karl durch Auch er soll zuletzt einen neuen Verein gesucht haben. Batshuayi könnte, im Alter von 32 Jahren in den späteren Semestern seiner Stürmerlehre angekommen, nach dem Burkardt-Ausfall noch einmal eine wichtige Rolle bei einem großen Klub in einer großen Liga spielen – wie zuvor bei Chelsea oder Dortmund. Konterstürmer Wahi, Zielspieler Batshuayi – oder Rookie Staff? Der A-Jugendliche, ausgestattet mit dem klangvollen Stürmer-Vornamen Alexander, gewann zuletzt die Auszeichnung für den besten deutschen Nachwuchsspieler seiner Altersklasse. Das allein war schon eine bemerkenswerte Nachricht, schließlich ist das bei der Eintracht seit fast zehn Jahren keinem Spieler gelungen. Noch aufregender war es aber wegen des Zweitplatzierten: Staff setzte sich gegen einen gewissen Lennart Karl durch, der unter der Woche für die Herrenmannschaft des FC Bayern München im Champions-League-Spiel gegen Arsenal London ausglich. Staff schoss ein paar Stunden vorher drei Tore für die A-Jugend der Eintracht, die Bergamos Nachwuchs 3:2 schlug. Für Toppmöllers Herrenmannschaft durfte er noch nicht spielen. Vielleicht aber beginnen jetzt, nach Burkardts Verletzung, Staffs Erstsemesterwochen. Sollten weder Batshuayi noch Wahi in den Trainingseinheiten bis zum Anpfiff gegen Wolfsburg den Eindruck verbessern, den sie in den vergangenen Monaten hinterlassen haben, würde einer der Flügelflitzer in das Angriffszentrum rücken. Sowohl Knauff als auch Bahoya durften sich schon minutenweise in dieser Position versuchen, wenn Toppmöller Burkhardt vom Platz nahm, um ihn zu schonen. Beide fühlten sich nicht sonderlich wohl, beide wirkten ein wenig verloren, beide konnten ihre Stärken nicht einsetzen, beide sind keine Mittelstürmer im klassischen Sinne. Dazu sind sie schon körperlich zu wenig robust. Bahoya hat Waden wie Streichhölzer, Knauff ist athletischer, aber in harten Zweikämpfen, vor allem in Kopfballduellen, unbedarft. Eine der Hauptaufgaben einer Spitze, den Ball „festzumachen“, wie es im Fußball-Deutsch heißt, den Ball mit dem Gegner im Rücken anzunehmen, zu kontrollieren, zu behaupten und weiterzuspielen, erfüllen sie nicht. Bahoya kann sich physisch nicht durchsetzen, Knauff hat zusätzlich Defizite bei der Ballkontrolle. Auch als Strafraumstürmer, die, kleinste Lücken ausnutzend, mit einem Kontakt den Ball auf das Tor bugsieren, sind sie bisher noch nicht aufgefallen. Also könnte Toppmöller die Mittelstürmer-Rolle im Angriffszentrum anders definieren, einerlei, ob er Knauff oder Bahoya in die Startelf beruft. Viel in Bewegung würde der „falsche Neuner“ dann sein, auf die Flügel ausweichen, sich ins Mittelfeld zurückfallen lassen, dann versuchen, mit Anlauf in den Strafraum einzudringen. Knauff oder Bahoya würden weniger Zielpunkt der Angriffe sein, sondern eher Entwickler, die einerseits Räume für die Kollegen schaffen und ihnen andererseits den Ball zum Torschuss auflegen. Auch dieses Konzept kann zum Erfolg führen, es bedarf allerdings eines hohen Maßes an Automatismen und an Spielverständnis, um die Laufwege zu koordinieren. Ob das schon beim ersten Versuch gegen Wolfsburg am Sonntag (17.30 im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-Bundesliga und bei DAZN) gelingt? Für Knauff im Zentrum spricht dessen größeres Durchsetzungsvermögen, für Bahoya die bessere Ballbehandlung, die es ihm ermöglicht, auf engstem Raum zu agieren. Eine Idealbesetzung sind beide nicht; vielleicht werden sie es noch, wenn sie die Zeit bekommen, sich an die neue Rolle zu gewöhnen.
