FAZ 02.03.2026
18:16 Uhr

Frankfurter Mittelfeldspieler: Farès Chaïbi ist der Ninja für die Eintracht


In seinem dritten Jahr in Frankfurt steigt Farès Chaïbi vom Trainerliebling zum Unverzichtbaren auf. Nur drei Spieler bereiteten in der Bundesliga mehr Tore vor. Das erinnert an ein Vorbild aus der Comicwelt.

Frankfurter Mittelfeldspieler: Farès Chaïbi ist der Ninja für die Eintracht

In einem Dorf, versteckt unter Blättern, japanisch Konoha, geht der junge Ninja Naruto zur Schule. Keiner glaubt so recht an ihn, weil er der schlechteste Schüler der Klasse ist und auch außerhalb der Schule Unsinn anstellt. Naruto aber kämpft sich langsam, aber sicher an die Spitze. Diese Geschichte, gezeichnet als Manga, ist bis heute mehr als 200 Millionen Mal auf der Welt verkauft worden. Eines Tages fiel sie auch in die Hände zweier Jungs in Frankreich: Jean-Mattéo Bahoya und Farès Chaïbi. Und weil beide seitdem Fans der Manga-Figuren sind, jubeln sie in deren Posen. Als sie am Sonntag gegen Freiburg die beiden Tore für die Frankfurter Eintracht schossen, stellten sich Bahoya und Chaïbi vor die Kameras und hielten sich den Zeigefinger an den Kopf. Das sollte an Narutos Glauben an sich selbst erinnern, an seinen Fokus auf dem Weg an die Spitze – egal, was die anderen sagen. Das gilt einerseits für Bahoya, jenen Außenspieler, dem die Eintracht im Sommer ein Preisschild von 70 Millionen Euro umhängte und der danach Woche für Woche auf Toppmöllers Bank saß. Aber vor allem gilt es für Chaïbi, der schon vor drei Jahren in Frankreich der beste Jugendspieler der Liga war, bevor er zur Eintracht kam. Auch dort spielte er gut, aber nie so spektakulär wie seine berühmten Mitspieler, die später nach England wechseln sollten. In seinem bislang stärksten Jahr in Frankfurt, der Saison 2024/2025, war Chaïbi auf dem Cover des Fußballmagazins „11 Freunde“ zu sehen. Er stand zwischen Hugo Ekitiké und Omar Marmoush, hielt die Handykamera für ein Selfie auf sich und die beiden Kollegen gerichtet, die gerade den nahezu perfekt orchestrierten VfB Stuttgart ausgekontert hatten. Das stand sinnbildlich für Chaïbis Rolle: Er setzte die anderen beiden in Szene, das Thema aber waren sie, Marmoush und Ekitiké. Auch weil Chaïbi nicht so recht zur Konter-Eintracht passte. Er war der Spieler, den der ehemalige Trainer Dino Toppmöller unbedingt verpflichten wollte. Die Eintracht zahlte also zehn Millionen Euro an Toulouse. Aber wenn sie schnell konterte, war Chaïbi der Spieler, der als Letzter im Strafraum ankam. Passte das? Toppmöller jedenfalls verteidigte Chaïbi nach jedem Spiel, das nicht so lief wie erhofft – vor den Kameras und auch, wenn sie schon ausgeschaltet waren. Chaïbi machte immer wieder ordentliche Spiele, aber in einem entscheidenden Moment hatte auch er seine Mitschuld am Aus seines ehemaligen Trainers. Als Toppmöller in Bremen schon schwer unter Druck geraten war, dribbelte der eingewechselte Chaïbi allein auf den Torwart zu. Die Eintracht lag zu diesem Zeitpunkt 2:1 vorne; sie hätte das Spiel wohl gewonnen, hätte Toppmöllers Lieblingsspieler getroffen. Er verzog. Toppmöller musste zwei Tage später gehen. Neu gekommen ist Albert Riera. Seit vier Wochen trainiert der Spanier nun die Frankfurter. Sein Fußball setzt stärker auf Kontrolle. Die Eintracht hat häufig den Ball. Sie will den Gegner dominieren, nicht auskontern. Das kommt Chaïbi entgegen, der am stärksten ist, wenn er in Ruhe passen und das Spiel sortieren darf – so, wie er es gegen Freiburg tat. 43 Sekunden nach seiner Einwechslung schoss er das wichtige 1:0, eine Viertelstunde später lupfte er auf Bahoya, der zum 2:0 traf. Es war eines der schönsten Tore dieser Eintracht-Saison. Und eines der wichtigsten – auch für Chaïbi. Sein Trainer sagte danach: Der Algerier durfte die Trophäen einheimsen, deren Gewinn andere vorbereitet hatten. „Er bekam das Karamellbonbon“, nämlich die von Mario Götze und Oscar Højlund müde gelaufene Freiburger Zentrale. Das klang noch nicht so recht nach Lieblingsspieler. Aber das scheint ohnehin eine der Stärken Rieras zu sein: Er hat (noch) keine Lieblinge, er setzt auf alle Spieler. Nach dem Sieg gegen Freiburg fasste der Trainer seine Idee so zusammen: Er entscheide nicht, wer spielt. Das täten die Spieler, weil sie so gut trainierten, dass er, der Trainer, nicht an ihnen vorbeikäme. Wie gut Chaïbi trainiert, ist schwer zu beurteilen. Er spielte aber so gut, dass es dem Trainer künftig schwerfallen dürfte, ihn nicht aufzustellen. Chaïbi lief, nachdem er nach einer Stunde auf den Platz kam, einfach durch die Freiburger Reihen. „Es war das erste Mal in meiner Karriere, dass ich so früh nach einer Einwechslung getroffen habe“, sagte Chaïbi später. Seine Ideen brachten der Eintracht den Sieg. Abseits der großen Aufmerksamkeit, so wie Naruto in den Anime-Reihen, ist Chaïbi zu einem der wichtigsten Spieler der Frankfurter geworden. Er hat in dieser Saison zwei Tore in der Bundesliga erzielt, acht hat er vorbereitet. Nur die Bayern-Spieler Luis Díaz und Michael Olise sowie der Dortmunder Ryerson sind effektivere Vorlagengeber. All das zeigt: Nach drei Jahren in Frankfurt hat Chaïbi seinen Platz gefunden. Riera sei ein Trainer, der viele Spieler in vielen Positionen einsetze, sagte der algerische Nationalspieler. Nicht aber ihn: „Mich setzt er immer als Nummer 10 ein, das passt sehr gut.“ In Zukunft wolle er aber wieder von Anfang an spielen. „Jeder weiß, dass ich ein sehr ambitionierter Spieler bin, der viel arbeitet.“ Spätestens seit den beiden Szenen gegen Freiburg, spätestens seit dem Jubel danach. Bis Naruto es vom Außenseiter an die Spitze schafft, dauert es etwa fünf Jahre. Ein bisschen Zeit hat Chaïbi also noch.