Für Bruno ist es ein besonderer Tag. Als er noch alles gesammelt hat, kam er mit Kastanien nach Hause. Eine steckte er in einen Blumentopf, um zu schauen, was passiert – und nun hat Bruno an einem Samstag vor Weihnachten seine inzwischen gut 30 Zentimeter große Kastanie auf dem Walther-von-Cronberg-Platz in Sachsenhausen ausgepflanzt. Vom Balkon aus und auf dem Weg zur Schule wird er beobachten können, wie aus seiner kleinen Pflanze langsam ein großer, schattenspendender Baum wird. Brunos Kastanie ist nicht das einzige Gehölz, das an diesem Tag am Rand des zentralen Platzes des Deutschherrnviertels in den entsiegelten Boden gepflanzt wird. Faulbaum, Feldahorn, Buchen, Eichen, Weißdorn und Eschen, aber auch Holunder und Stachelbeeren liegen bereit, damit aus der rund 250 Quadratmeter großen Fläche Frankfurts jüngsten Miniwald wird. Zahlreiche Bürger, darunter viele Familien, die sich für das Projekt engagieren, sind gekommen, um den Wald nach der Miyawaki-Methode zu bepflanzen: Der japanischen Forstwissenschaftler rät entgegen geltenden Regeln, die verschiedenen Gehölze dicht und auf sehr nährstoffreichem Substrat, das Wasser besonders gut speichert, zu pflanzen. Und zwar nach Größe geordnet: die kleinen Pflanzen am Rand, zur Mitte hin jene, die groß werden können und sollen. Rund 1000 Bäumchen liegen bereit. Bis zu 20 heimische Arten umfasst das Spektrum, darunter sind auch die als Klimabäume deklarierten Arten, die Hitze und Trockenheit gut vertragen. Ziel ist es, eine schnell wachsende, intensive Begrünung und Biotope in der Großstadt zu schaffen. „Das ist wilde Unordnung, und soll es auch sein“, sagt Mane Stelzer von der Initiative „Mainwäldchen“. Die Initiative ist gleich beim ersten „Ideenwettbewerb Biodiversität Frankfurt“ als Sieger ausgezeichnet worden. Doch die Stadt Frankfurt tat sich zunächst schwer, Flächen für einen Miniwald bereitzustellen. Ende 2023 entstand der erste im Grünzug Gederner Straße in Eckenheim. In diesem Jahr folgte ein weiterer an der Bertramswiese im Stadtteil Dornbusch und nun der dritte auf dem Walther-von-Cronberg-Platz in Sachsenhausen, der auch noch aus einer weiteren kleinen Fläche besteht, so dass mit ein wenig gutem Willen durchaus von vier städtischen Frankfurter Miniwäldern die Rede sein kann. Einen weiteren Miniwald hat die Goethe-Uni im Wissenschaftsgarten auf dem Riedberg angelegt. Insgesamt umfassen die fünf Wäldchen rund 1000 Quadratmeter Fläche. Weitere Miniforste sollen nach dem Willen der Stadt folgen, zum Beispiel im Europagarten. Frankfurts Klima- und Umweltdezernentin Tina Zapf-Rodriguez (Die Grünen) ist überzeugt, dass jeder noch so kleine Miniwald zählt, „wenn wir Frankfurt zu einer Stadt machen wollen, in der Menschen gesund bleiben und sich wohl fühlen“. Der Walther-von-Cronberg-Platz, der zusammen mit dem Deutschherrnviertel vor gut 25 Jahren auf dem ehemaligen Frankfurter Schlachthofgelände am südlichen Mainufer entstand, ist seinerzeit noch als ausschließlich gepflasterter Platz mit einer Tiefgarage darunter angelegt worden. Er sei der „einzige unmöblierte Stadtplatz in Frankfurt“, schreibt die Stadt auf ihrer Internetseite, der Platz biete freie Blick- und Wegebeziehungen. Ein in den Boden eingelassener großer Fontänenbrunnen verschafft zwar an heißen Tagen, wenn das Thermometer wie in diesem Sommer in Frankfurt die 40-Grad-Marke erreicht, vor allem Kindern Abkühlung. Doch den Anwohnern, dem Sachsenhäuser Ortsbeirat und den lokalen Klima-Initiativen genügte das nicht. Sie drängten die Stadt, an dieser Stelle zu handeln. Frankfurts Mobilitätsdezernent Wolfgang Siefert (Die Grünen) spricht inzwischen von einem „Kernanliegen“, gemeinsam mit den Ämtern versiegelte Flächen zu identifizieren, die begrünt werden können. Die Mitarbeiter hätten inzwischen einen „besonders geschärften Blick dafür entwickelt“. Für ihn zeigt der Miniwald auf dem Walther-von-Cronberg-Platz, „wohin wir uns in Frankfurt entwickeln“: Verwaltung, Initiativen und engagierte Menschen aus dem Quartier arbeiteten Hand in Hand, um konkrete Ergebnisse zu erzielen. Mitunter würden sich auch erst mit einem Projekt weitere Möglichkeiten ergeben. Zusammen mit Zapf-Rodriguez verweist Siefert darauf, dass außer dem Miniwald noch eine ebenso große Fläche des Sachsenhäuser Platzes vom Grünflächenamt mit einem kleinen Birkenhain, ergänzt von Ginster-Sträuchern, angelegt wurde. Praktisch als Referenzfläche zum Miniwald. Brunos Vater hätte sich auch noch mehr Grün für den im Sommer immer sehr heißen Walther-von-Cronberg-Platz vorstellen können. Doch er weiß, dass wegen der Tiefgarage die Pflanzfläche begrenzt ist. Der Miniwald mit der Kastanie seines Sohnes gedeiht nur, wenn die Wurzeln sich ausreichend entwickeln können.
