FAZ 13.01.2026
16:06 Uhr

Frankfurter Defensive: „Es muss auch mal scheppern“


Das Jahr beginnt für die Eintracht-Defensive, wie das alte aufgehört hat: mit mehreren Gegentoren. Diesmal sind Brown und Kristensen nicht auf der Höhe. Gegen Stuttgart soll ein neuer Ansatz helfen.

Frankfurter Defensive: „Es muss auch mal scheppern“

Von den Zahlen her ist in Frankfurt im neuen Jahr alles beim Alten geblieben. Im Heimduell mit Borussia Dortmund schoss die Eintracht zwar drei Tore, sie beklagte aber auch drei Gegentore. Fußball-Business as usual in der Bankenstadt. So handelte es sich bereits um das zehnte Pflichtspiel der Hessen in dieser Spielzeit mit drei oder mehr Gegentreffern. In der Bundesliga waren das am 16. Spieltag die Gegentore 31 bis 33. Unter den Top-10-Vereinen ist das der Spitzenwert, der zweitschlechteste Vertreter Freiburg kommt auf 27 Gegentore, der beste, Bayern München, lediglich auf zwölf. In der Gesamtbetrachtung stehen nur der VfL Wolfsburg und Heidenheim (jeweils 36) schlechter da als Frankfurt. An diesem Dienstag (18.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga und bei Sky) tritt die Eintracht, die selbst 33 Tore – der drittbeste Wert hinter Bayern München (63) und Leverkusen (34) – erzielt hat und auf Rang sieben positioniert ist, zum ersten Auswärtsspiel des Jahres gegen den Tabellenfünften Stuttgart an. Der VfB weist bisher 29 Tore vor; das bedeutet die fünftbeste Ausbeute im Ligavergleich. Nach dem 4:1-Auftakterfolg in Leverkusen scheinen die Schwaben 2026 gut in Schuss zu sein. Auf Frankfurts anfällige Abwehr könnte Schwerstarbeit zukommen. Im Hinblick auf alle drei Wettbewerbe (Champions League, im DFB-Pokal ist die Eintracht ausgeschieden) stehen in Frankfurts Bilanz aktuell unter dem Strich 50 Gegentreffer. Davon 16 in der Königsklasse und einer im nationalen Pokalwettbewerb. Normalerweise weisen Abstiegskandidaten ein solches Abschneiden auf. Zu null hat die Mannschaft von Trainer Dino Toppmöller mit wechselnden Torhütern (Michael Zetterer und Kaua Santos) fünfmal in 24 Pflichtspielen gespielt. „Mit einer gewissen Männlichkeit Fußball gespielt“ Was hervorsticht: Über Tore freuen sich Frankfurts Gegner vermehrt in den ersten 15 und in den letzten 15 Spielminuten. Und: Von allen Erstligateams kassieren die Hessen die meisten Gegentreffer von außerhalb des Strafraums. Das 1:2 des Dortmunders Felix Nmecha – sein Distanzschuss wurde von Eintracht-Profi Hugo Larsson abgefälscht – war schon der achte. Also Alarmstimmung beim abermaligen Anwärter auf die Champions League (auf den Vierten Leverkusen hat die Eintracht drei Punkte Rückstand)? Nein. Natürlich sei es „ärgerlich, wenn du drei Tore zu Hause bekommst. Aber letztlich war es wichtig, dass wir diese Intensität auf den Platz bekommen haben gegen einen sehr guten Gegner“, sagte Sportvorstand Markus Krösche nach dem torreichen Remis gegen den Zweiten Dortmund. Anders als teilweise in den Wochen vor der Winterpause boten die Frankfurter, frisch gestärkt, überwiegend einen kraftvollen Auftritt, der in puncto Energie und Leidenschaft kaum Wünsche übrig ließ. Toppmöller fasste die Willensleistung in diese Worte: „Wir haben mit einer gewissen Männlichkeit Fußball gespielt.“ Wenn nötig, zeigten die Profis Behauptungswillen und Durchsetzungsstärke, das bekamen die Dortmunder in den Zweikämpfen zu spüren. Die Eintracht setzte Zeichen beim Sich-wehren-Wollen. „Es muss auch mal scheppern“, findet Toppmöller. Warum? „Dann kannst du ein Stadion anzünden.“ Diesmal mangelte es im Rund des Waldstadions, das mit 59.500 Zuschauern voll besetzt war, nicht an großen Emotionen. Nicht jeder Spieler hatte aber seinen besten Tag. Besonders zwei, die sonst oft zu den Besten zählen: Rasmus Kristensen und Nathaniel Brown. 22 Flanken in den Frankfurter Strafraum führte die Statistik insgesamt auf. Das beschwor oft Gefahr herauf. Jungnationalspieler Brown, dem bisweilen die Entschlossenheit fehlte, hatte seine liebe Mühe mit dem angriffslustigen Julian Ryerson. Zwei BVB-Treffern gingen Seitenverlagerungen der Westfalen voraus, zweimal war vor allem Brown nicht auf der Höhe. „Das ist manchmal nicht einfach zu verteidigen“, nahm Krösche die Spieler verbal in Schutz. Brown und Kristensen hatten nicht den besten Tag Auch Kristensen hinterließ bei aller Einsatzfreude nicht immer einen souveränen Eindruck. Was jedoch in die Rubrik der positiven Erkenntnisse gehört: Seit längerer Zeit sahen sich Toppmöller und sein Team nicht mehr mit gefährlichen Kontern des Gegners konfrontiert. In ihrer Bewertung der Frankfurter Leistungen in den zurückliegenden Monaten war die sportliche Führung zu dem Ergebnis gekommen, bei der Umsetzung die Dinge auch mal simpel halten zu müssen, wenn dafür ein Anlass besteht. Das heißt konkret, nicht jedes Mal von hinten herausspielen zu wollen. Denn das brachte der Eintracht zu ihrem Leidwesen zu viele Gegentore ein. Nun gibt es situationsbedingt auch mal lang geschlagene Bälle. „Manchmal müssen wir weniger Risiko nehmen und eine gute Mischung finden“, sagte Toppmöller am vergangenen Freitag. Für Michael Zetterer war zum Jahresauftakt Kaua Santos ins Tor zurückgekehrt. Der Brasilianer lieferte bei seinem Comeback eine ordentliche Vorstellung ab und scheint auf dem Weg zu alter Stärke zu sein. Bei hohen Bällen war er auf dem Posten, bei seiner Strafraumbeherrschung ließ er keine nennenswerten Schwächen erkennen. Aus Sicht von Krösche machte Santos ein „sehr gutes Spiel, war mutig“. Toppmöller gefiel, dass sein Torwart „einiges entschärft“ habe. „Kaua war sehr präsent bei der Flankenverteidigung. Genau das, was wir wollen“, urteilte der Trainer. Toppmöller gab im Rückblick zu, „dass es vielleicht nicht der beste Zeitpunkt“ gewesen sei, „den wir mit Kaua gemeinsam gewählt haben, um ihn gegen Union Berlin ins Tor zu stellen“. Ende September 2025 stand Santos nach langer Verletzungspause wieder auf dem Platz, bevor er einen Monat später aus Leistungsgründen wieder zurück auf die Bank musste. „Jetzt ist er in einem ganz anderen körperlichen und mentalen Zustand“, freute sich Toppmöller. „Er hat das Vertrauen zurückgezahlt.“ In Stuttgart wird es auch auf einen leistungsstarken Kaua Santos ankommen. Aus den Duellen mit den Top 6 der Liga ging die Eintracht bisher nur einmal als Sieger (3:1 gegen Hoffenheim) hervor. Eine Niederlage beim VfB sollte sich Frankfurt nicht leisten. In diesem Fall hätte Stuttgart sechs Punkte Vorsprung. Eine Zahl, die die Perspektiven der Eintracht im Kampf um die internationalen Plätze deutlich verschlechtern würde.