FAZ 04.01.2026
14:18 Uhr

Frankfurt vor 100 Jahren: Der erste Flughafen und Pläne für eine Autobahn


Unter dem tatkräftigen Frankfurter Oberbürgermeister Ludwig Landmann war 1926 ein Jahr des Aufbruchs. Damals wurden die Grundlagen für das heutige Drehkreuz des Luftverkehrs gelegt.

Frankfurt vor 100 Jahren: Der erste Flughafen und Pläne für eine Autobahn

Womöglich war 1926 ein besseres Jahr als das uns nun bevorstehende. Der Neujahrsmorgen jedenfalls war damals aufgeräumter gewesen. Im Sinne des Wortes. Am 1. Januar jenes für Frankfurt denkwürdigen Jahres des Aufbruchs in die Moderne unter Oberbürgermeister Ludwig Landmann und Stadtrat Ernst May lagen auf den Straßen und Plätzen nicht überall Reste einer stadtübergreifenden Silvesterparty herum. Zwischen Hauptwache und Bahnhof sei das Verkehrsaufkommen und das Treiben auf der Straße nicht intensiver gewesen als in normalen Nächten, berichtete die Polizei. Die Frankfurter hätten den Wechsel vom alten ins neue Jahr nicht draußen, sondern drinnen gefeiert. Wenn überhaupt. Viele hatten einfach nicht das Geld für Schampus und Feuerwerk. Dann war da noch die Hochwasserkatastrophe, die vielerorts in Westeuropa den Bewohnern an den Flussläufen zum Jahreswechsel das Leben schwer machte. In Frankfurt war der Main über seine Ufer getreten und hatte einen Teil der Altstadt unter Wasser gesetzt. Die hölzerne Notbrücke hinauf zum Eisernen Steg, den die Stadt kurz vor Jahresende hatte errichten lassen, musste schon am 2. Januar wegen drohender Einsturzgefahr wieder gesperrt werden. Den Höhepunkt erreichte das Hochwasser am 3. Januar, es handelte sich um die höchste Flut seit 142 Jahren. Reger Wohnungsbau in den Stadtteilen Heute würde ein solches Jahrhunderthochwasser auf die Klimaveränderung zurückgeführt werden. Damals gab es vermutlich auf der ganzen Welt keinen Menschen, der sich vorstellen konnte, dass das Aufheizen der Atmosphäre das Wetter 100 Jahre später völlig durcheinanderbringen würde. Doch das Kohlendioxid, das diesen Effekt bewirkt, wurde natürlich auch schon damals durch die Schornsteine entsorgt. Wie sah Frankfurts Zukunft aus, nachdem die Kurve des Aufstiegs durch den Ersten Weltkrieg und die Inflation jäh abgebogen war? Oberbürgermeister Landmann kündigte fundamentale Änderungen als unabdingbar an. Große Wandlungen stünden im Städtebau an, ließ er die Frankfurter wissen. Damit meinte er vor allem den Wohnungsbau, den Stadtrat Ernst May in Gang brachte. Die ersten Baugruben wurden an der oberen Saalburgallee in Bornheim und in Niederrad ausgehoben. An der dortigen Bruchfeldstraße entstand eine Siedlung mit dem Spitznamen Zickzackhausen, weil die Fronten der Wohnblöcke sägeförmig abschlossen. 160 neue Wohnungen entstanden auf dem 15.000 Quadratmeter großen Areal, wovon nur 5000 dem Wohnungsbau und sage und schreibe 10.000 für Gartenflächen genutzt wurden. „Luft und Licht“ lautete die Parole von Stadtrat May, der für die geplanten neuen Siedlungen die Verantwortung trug. 1200 Wohnungen wollte die Stadt im neuen Jahr bauen, insgesamt sollten innerhalb eines Jahrzehnts 12.000 Wohnungen entstehen. Zickzackhausen war nur der Anfang: 1926 begannen die Arbeiten an den neuen Siedlungen Praunheim und Bornheim, danach folgten 1927 die Römerstadt und die Heimatsiedlung in Sachsenhausen, 1929 Westhausen und die Hellerhofsiedlung. Insgesamt entstanden dank des rationalisierten und standardisierten Bauens in sechs Jahren 8000 Wohnungen. Die Nationalsozialisten beendeten dann nach ihrer Machtübernahme 1933 die Weiterführung des Programms mit den in ihren Augen undeutschen Flachdächer-Bauten. Die damalige Wohnungsnot setzte 1926 ungeahnte Kräfte in der Stadt frei. Die große Frage ist, ob das heutige Frankfurt auch zu einem vergleichbaren Kraftakt fähig ist. Denn wie damals wächst die Einwohnerzahl rasant, leider jedoch nicht die Zahl der Wohnungen. Immerhin hat sich vor wenigen Wochen in der Stadtverordnetenversammlung eine breite Mehrheit für den sogenannten Stadtteil der Quartiere im Nordwesten Frankfurts gefunden. 6000 bis 7000 Wohnungen sollen dort entstehen, allerdings wird die Verwirklichung des Vorhabens mehr als 15 Jahre dauern. Zu einem derart schnellen Tempo beim Bauen wie damals beim „Neuen Frankfurt“ unter Landmann und May ist die überbürokratisierte Planung und Verwaltung heute nicht mehr in der Lage. Vier Dörfer eingemeindet Wie damals benötigt die Mainmetropole auch heute Entwicklungsflächen für den Wohnungsbau und die Industrie. Oberbürgermeister Landmann kündigte seinerzeit Eingemeindungen an, die „den natürlichen Wachstumstendenzen der Stadt freies Feld“ gäben. Mit vier Gemeinden stand Frankfurt 1926 in Verhandlungen. Schwanheim, Griesheim und Sossenheim waren bereit, sich Frankfurt anzuschließen, Fechenheim zögerte und stellte Bedingungen: Frankfurt müsse eine Busverbindung sowie eine Straßenbahnlinie dorthin versprechen sowie jedes Jahr 40 neue Wohnungen im Stadtteil bauen. Ende des Jahres waren alle vier Dörfer eingemeindet – und Frankfurt besaß nun große Erweiterungsflächen. Heutzutage ist offenbar an Eingemeindungen nicht mehr zu denken, obwohl jeder weiß, dass Kommunen wie Eschborn nur deshalb wirtschaftlich prosperieren, weil sie die Frankfurter Infrastruktur nutzen können. Der Widerstand gegen eine Vereinnahmung durch Frankfurt scheint in den Umlandgemeinden so groß zu sein, dass keiner das heiße Eisen anzufassen wagt. Ein Groß-Frankfurt, das so viele Vorteile für das Rhein-Main-Gebiet hätte, bleibt ein Traum. Ein dritter Punkt auf Landmanns Prioritätenliste bildete der Verkehr. Frankfurt dürfe sich nicht auf seinem Status als Knotenpunkt des Eisenbahnverkehrs ausruhen, mahnte der Oberbürgermeister. Es bedürfe Autostraßen mit freier Fahrbahn, sprich: Autobahnen. Außerdem bedürfe es eines Schnellbahnverkehrs mit den Städten im Umkreis – womit Landmann gedanklich die heutige S-Bahn vorwegnahm. Tatsächlich gründeten Vertreter Frankfurts und anderer Städte im November 1926 den Verein „Hafraba“, der den Bau einer Autobahn von Hamburg über Frankfurt nach Basel vorbereiten sollte. Hitler konnte sein Projekt einer Reichsautobahn nur deshalb in Gang setzen, weil er nach seiner Machtübernahme die Pläne der „Hafraba“ fertig in der Schublade fand. Ein Problem blieb 1926 die hohe Erwerbslosigkeit Erfolgreicher war Landmann mit seiner Förderung des Luftverkehrs. Die Opfer, die Frankfurt bringe, um im Flugwesen eine dominierende Rolle zu gewinnen, seien Anlagekapital für die Zukunft, schrieb er. Tatsächlich gab es laut „Frankfurter Zeitung“ Anfang 1926 einen heftigen Streit unter den großen Städten Südwestdeutschlands darüber, welche Kommune die Betriebsleitung West der in Gründung befindlichen Lufthansa beheimaten solle, sprich: wo der Zentralflughafen für Südwestdeutschland aufgebaut würde. Frankfurt gewann im Wettbewerb mit Essen, Köln, Mainz, Karlsruhe und Stuttgart den Zuschlag. Am 13. August wurde der Frankfurter Flughafen am Rebstock eröffnet. Ohne diesen Erfolg gäbe es den heutigen Frankfurter Flughafen als internationales Drehkreuz nicht, der als Motor die Wirtschaft im Rhein-Main-Gebiet aufblühen ließ und lässt. Ein Problem blieb 1926 die hohe Erwerbslosigkeit. „In Frankfurt sind 20.000 Familien aus der Arbeit gestoßen“, schrieb der „Generalanzeiger“ Ende Januar 1926. Vor dem Krieg hatten vor allem wohltätige Stiftungen die Soziallasten für Arbeitslose, Arme oder Erwerbsunfähige getragen. Doch diese hatten in der Inflation ihre Vermögen eingebüßt, weshalb nun die Kommune ihre Aufgaben übernehmen musste. „Wir werden’s schaffen“, sagte Oberbürgermeister Landmann Ende Februar bei seiner Etatrede in der Stadtverordnetenversammlung, aber äußerste Sparsamkeit sei vonnöten. Tatsächlich konnte der Magistrat einen ausgeglichenen Haushalt präsentieren. Das ist 2026 nicht mehr der Fall. Bis heute nicht geändert hat sich die prekäre Finanzsituation der Kommunen. „Die deutschen Großstädte stehen unter zwangsläufigen Ausgabenotwendigkeiten, deren sie auf Dauer nicht Herr zu werden vermögen“, beschrieb der Oberbürgermeister die Situation. Im Kampf um den Finanzausgleich zwischen dem Reich, den Ländern und den Gemeinden seien die Städte unterlegen. Immer neue Millionenlasten hätten die Gemeinden zu tragen. Sein Klagelied stimmt haargenau mit dem der heutigen Stadtoberhäupter und Kämmerer überein. Der Bund bürde den Kommunen finanzielle Lasten auf, die sie nicht tragen könnten, heißt es überall in den hoch verschuldeten Kommunen. Frankfurt ist im Augenblick insofern eine Ausnahme, als dass die Steuereinnahmen wegen der prosperierenden Finanz- und Bankenwirtschaft weiter hoch sind. Damals wie heute drehen klamme Kommunen gerne am Rädchen der Abgaben. Frankfurt zum Beispiel erhöhte 1926 die Hundesteuer von 30 auf 40 Reichsmark. Die Hundehalter protestierten. Noch ein anderes Thema bewegte die Frankfurter Seele Anfang 1926. „Gebt den Rauchern einen Anhänger bei der Tram“, forderten die Nikotinsüchtigen. „Man muss gegen die schlechten Zeiten rauchen“, argumentierte ein Raucher. Ein anderer Bürger fragte: „Ist es wirklich ein so großes Unglück, wenn ein Raucher mal fünf Minuten am Tag nicht rauchen kann?“ Eine solche Diskussion wäre 2026 völlig absurd. Eines der freudigsten Ereignisse des Jahres 1926 war in Frankfurt die Eröffnung der Alten Brücke. Der neuen Alten Brücke. Denn der Vorgängerbau war 1914 abgerissen worden, weil er den modernen Verkehrsbedürfnissen nicht mehr genügte. Wegen des Ersten Weltkriegs verzögerte sich der Neubau. Jetzt, im August 1926, war das Werk endlich vollendet. Am 14. August, dem Tag der Eröffnung, waren die Ufer des Mains übersät mit Menschen, die jubelten und Tücher schwenkten, als Oberbürgermeister Landmann das Band zerschnitt. Karl Ettlinger dichtete: „Die ahl’, die war dem Strom sei Mutter / die neu is bloß e Stiefmama!“ Grundstock für die neue Messe „Frankfurt hat das Zeug zur Messestadt“, ließ Oberbürgermeister Landmann die Bürger wissen. Er leitete 1926 eine Umformung der Messen und Ausstellungen ein, die zu einem Neuaufbau der traditionsreichen Frankfurter Messe führen sollte, die seit dem Krieg nicht mehr existent war. Die Frühjahrsmesse verzeichnete ein Defizit, das die Stadt ausglich, die Herbstmesse lief etwas besser, doch von einem großen Erfolg konnte noch nicht die Rede sein. Immerhin wurde damals der Grundstock gelegt für eine neue Messe, die dann nach dem Zweiten Weltkrieg bis heute von Erfolg zu Erfolg eilt. „Wie sieht Frankfurt in 100 Jahren aus?“ Diese Frage versuchte Stadtrat Ernst May in einem Beitrag für den „Generalanzeiger“ Ende Mai 1926 zu beantworten. Auf einem imaginären Flug über die Mainmetropole und das Rhein-Main-Gebiet sah er einen Niddapark und moderne neue Siedlungen bis zum Taunusrand. Der Traum vom Niddapark hat sich erfüllt, der von einem Groß-Frankfurt mit 1,5 Millionen Einwohnern bis zum Taunusgebirge ist bis heute ein solcher geblieben. Im Übermaß dagegen existieren heute die Schnellverkehrsbahnen, vulgo Autobahnen, die May imaginierte, auch die Geschäftshochhäuser in Bahnhofsnähe sowie die Großmarkthalle, die er 1926 voraussagte. Seine Idee von einer U-Bahn vom Osthafen zum Hauptbahnhof wird von der heutigen Wirklichkeit weit übertroffen. Auch die von May vorausgesagte Hochhausgarage in der Innenstadt verwirklichte sich gleich vielfach. Erfüllt hat sich seine Vision einer weitgehend abgerissenen Altstadt, deren Areal nun von modernen Wohnblocks bebaut ist. Bekanntlich ist die Altstadt tatsächlich verschwunden, aber nicht auf planerischem Weg, sondern durch die Bomben der alliierten Flugzeuge im Zweiten Weltkrieg. Billiger Grund und Boden und vollkommene Mechanisierung hätten in 100 Jahren die Baupreise so herabgesetzt, dass sich jeder Arbeiter ein eigenes Haus leisten könne, sagte May voraus. Hier hat sich der große Visionär des „Neuen Frankfurt“ gründlich geirrt. Die Boden- und Baupreise sind 2026 so hoch, dass nicht einmal mehr die Mittelschicht ein Eigenheim bezahlen kann – geschweige denn die Arbeiter, Busfahrer oder Pfleger. Am 31. Dezember 1926 bereiteten sich die Frankfurter auf ein neues Jahr vor. Der „Generalanzeiger“ gab ihnen einen guten Rat: „Zanken Sie sich nicht beim Essen. Das schadet Ihrem Appetit!“ Diese Weisheit gilt nach wie vor. Prost Neujahr und guten Appetit!