Markus Krösche ließ sich vielleicht etwas länger Zeit als sonst, bevor der Frankfurter Sportvorstand am Samstag in die Mixed-Zone im Waldstadion kam. Als Erster erschien dort der groß gewachsene Hoffenheimer Kopfballtorschütze zum 1:1, Max Moerstedt, der mit Freude den 3:1-Auswärtserfolg seiner aufstrebenden Mannschaft einordnete. Krösche, und das war gewiss kein leichter Gang in die Katakomben für den Fünfundvierzigjährigen, stellte sich dann als Sprachrohr des Krisenklubs ein paar Meter neben Moerstedt. Mit Geduld und ruhiger Stimme beantwortete der Sportvorstand alle Fragen der Medienvertreter. Er gab in der Not eine gute Figur ab. Eine seiner wichtigsten Aussagen lautete: „Das ist eine Situation, die ich so noch nicht oft erlebt habe.“ Krösche präzisierte sie noch: „Das ist in meinen viereinhalb Jahren bei der Eintracht vielleicht mit die schwierigste Phase.“ Problematischer könnte die Lage kaum sein, denn die Frankfurter finden ohne neuen Cheftrainer keinen Ausweg aus der Misere. Rückschlag auf Rückschlag – das ist der Negativtakt. Sportlich hat der Notstand erschreckende und zuvor kaum für möglich gehaltene Ausmaße angenommen. Aufs Neue offenbarte die sechste Saisonniederlage die momentane Hilflosigkeit der Hessen im Spielbetrieb. Selbst der Führungstreffer von Arnaud Kalimuendo zum 1:0 in der 18. Minute brachte der Eintracht im Duell mit der TSG keine Sicherheit. Die Hoffenheimer gaben der Begegnung in Spielhälfte zwei mit drei Toren in nur 13 Minuten (52., 60. und 65.) und dem weiteren Torschützen Ozan Kabak die Wende; hinzu kam ein Eigentor von Eintracht-Verteidiger Aurèle Amenda. Für die Konkurrenten sind die Frankfurter ein dankbarer Gegner, weil sie viel zu wenig Widerstandskraft aufbringen. Von Interimstrainer Dennis Schmitt bekam das Team zwar einen Plan mit auf den Weg. Nur umsetzen konnte die Mannschaft auch diesen nicht. Training, Analyse, Einzelgespräche und viele gute Worte geben den Spielern nicht den nötigen Halt. Unter diesen Umständen lässt sich das Team kaum führen und zurück zu alter Leistungsstärke bringen. Auf drastische Art ist es von der Situation überfordert. Die Patzer auf dem Platz reißen nicht ab. Die Mängelliste ist lang: Die völlig verunsicherte Mannschaft, deren Zusammenhalt buchstäblich in die Brüche gegangen ist, zeigt zu wenig Spielintelligenz, Zweikampfhärte und Laufbereitschaft. Die Zahlen bringen die Malaise auf den Punkt: Die vier Pflichtspiele in diesem Jahr in der Bundesliga schloss Frankfurt nur mit einer Ausbeute von zwei Punkten ab. Und in allen fünf Pflichtspielen musste die Mannschaft jeweils drei Gegentreffer, insgesamt 15, hinnehmen. In den europäischen Topligen steht die Eintracht mit ihrer Gegentorflut in der Gesamtheit am schlechtesten da. Die Frankfurter sind sportlich tief gesunken und damit weit von ihrem Anspruch entfernt. Nun wird der Druck immer größer, die Last auf den Schultern der Spieler immer schwerer. Ihre Ratlosigkeit spiegelt sich in ihren Worten wider, wie auch die Niedergeschlagenheit ihnen ins Gesicht geschrieben steht. Die Situation ist nach 19 Erstligaspieltagen völlig verfahren. Unter diesen Vorzeichen scheint das Erreichen eines internationalen Startplatzes am Saisonende nicht vorstellbar. Helfen, so erweckt es den Eindruck, könnte jetzt nur der neue Cheftrainer. Doch der lässt in der äußerst angespannten Situation – im Spiel gegen Hoffenheim wendeten sich die Eintracht-Anhänger zum ersten Mal demonstrativ von ihrer Mannschaft ab und reagierten mit Pfiffen und Schmähungen auf den Absturz ihres Teams – weiter auf sich warten. Auch im abschließenden Champions-League-Spiel an diesem Mittwoch von 21 Uhr an gegen Tottenham nimmt Schmitt die undankbare Rolle des Interimstrainers ein. Markus Krösche: „Nicht kleiner machen, als wir sind“ „Wir wollen und werden den richtigen Trainer auswählen. Und wenn es so weit ist, wollen wir es verkünden“, sagte Markus Krösche nur. Es zeichnet sich ab, dass die Frankfurter keinen Coach an sich binden werden, der aktuell arbeitslos ist. Es wird vielmehr einer sein, der noch einen Vertrag hat. Dementsprechend viele Gespräche und Verhandlungen muss der Sportvorstand in diesen Tagen führen. Neu unter Frankfurts Kandidaten ist der 37 Jahre alte Däne Jacob Neestrup, der den FC Kopenhagen betreut. Sorgen, dass ein Wunschkandidat aufgrund der Schwere der Aufgabe in Frankfurt Abstand von ihr nehmen könnte, macht sich Krösche nicht. „Wir dürfen uns nicht kleiner machen, als wir sind“, sagte er. „Wir haben als Klub in den vergangenen Jahren eine super Entwicklung genommen. Jetzt müssen wir gemeinsam durch die schwierige Phase.“ Vor dem Aufeinandertreffen mit Hoffenheim hatte der Sportvorstand im Fernsehen von einer großen Anziehungskraft der Frankfurter gesprochen und den Klub als „supersexy“ bezeichnet. Die Eintracht sei „ein extrem spannender und attraktiver Verein für jeden Spieler, für jeden Trainer“, sagte er. Momentan jedoch präsentiert sie sich von ihrer schlechtesten Seite. An Herausforderungen wird es dem neuen Cheftrainer bei ihrer Aufhübschung hin zu altem Glanz nicht mangeln. Er wird auf Spieler treffen, die gefangen in ihrer misslichen Situation sind. Die mental schwer belastet sind. „Wir waren 1:0 vorne, ich weiß nicht, was ich sagen soll. Wir müssen da wieder rauskommen“, meinte der Offensivspieler Can Uzun lapidar. Sein Teamkollege Robin Koch sagte, dass es „natürlich frustrierend“ sei, weil die Mannschaft „immer wieder die gleichen Fehler“ mache. Die Lösung? „Wir müssen dann auch mal ein Ergebnis liefern, ein dreckiges 1:0 heute. Wir müssen es kapieren“, fordert der Kapitän. Was ihm jetzt noch Mut macht? „Die Mannschaft und der Verein. Wenn jemand da zusammen rauskommt, dann wir.“ Das sei die „Herausforderung“, sagte Koch. Trotz der besorgniserregenden Lage sieht sein Vorgesetzter auch etwas Gutes in dieser Situation. „Wir hatten viele erfolgreiche Phasen, und gerade machen wir eine negative Phase durch. Aber auch da werden wir gemeinsam herauskommen“, sagte Markus Krösche. Etwas anderes bleibt den Frankfurtern auch nicht übrig. Im Augenblick bleibt ihnen nur die Hoffnung. „Es wird uns als Mannschaft und Klub wachsen lassen“, glaubt der Sportvorstand. An einer schnellen Entwicklung zum Positiven hin wird sich vor allem Krösche messen lassen müssen. Einen Fehlschuss bei der Auswahl des neuen Trainers darf er sich nicht erlauben. Ansonsten wird er in den Fokus der Kritik rücken.
