Irgendwo muss die Stelle im Buch zu finden sein. Mit „Dior by Dior“ brachte Christian Dior kurz vor seinem Tod im Oktober 1957 eine Autobiographie auf Englisch heraus. Was sagte Monsieur Dior darin noch einmal über seine Rollen als Couturier und Parfümeur? Wie war der genaue Wortlaut? Passenderweise liegt das Buch in diesem Moment bereit, hier im lichtdurchfluteten Obergeschoss, über den Dächern von Paris, nicht weit entfernt von der Place de la Madeleine. Und zum Glück ist ein Assistent zugegen, der es sich in den nächsten 40 Minuten vornehmen kann. Francis Kurkdjian wendet sich also an seinen Mitarbeiter und bittet, die Textstelle zu suchen. So läuft das bei diesem Mann. Mindestens so aufschlussreich wie das, was eine Person in einem Interview ins Aufnahmegerät spricht, ist die Art, wie sie sich in einem Interview verhält. Die Szene lässt erahnen, dass Francis Kurkdjian es genau meinen könnte. Dass er ein Zitat nicht nur wiederholt, sondern auch den Beleg dafür vorweisen möchte. Vielleicht ist es das, was den Erfolg dieses Manns ausmacht. Als Parfümeur ist er gewissermaßen der Nach-Nachfolger von Christian Dior. Nach Diors Tod arbeitete das Haus lange mit hausfremden Parfümeuren. Erst mit François Demachy leistete sich die Marke 2006 wieder einen eigenen Verantwortlichen. Auf ihn folgte im Jahr 2021 Francis Kurkdjian. Heute ist er 56 Jahre alt. Wenn er gekonnt hätte, wäre er in jungen Jahren vielleicht auch Couturier geworden, wie Christian Dior, aber dazu später. Francis Kurkdjian ließ sich über Umwege von Parfum begeistern. Rückblickend ist das ein großes Glück, denn in Sachen Parfum hat er die Nase vorn. Er weiß, was in einem Bestseller stecken muss, ohne dass dieser droht, ins Gefällige abzurutschen. Wie stark seine größten Hits die Duftwelt prägen, ist zum Beispiel gerade im Düsseldorfer Museum Kunstpalast zu besichtigen. In der Ausstellung „Die geheime Macht der Düfte“ stehen die wichtigsten 21 Parfums der Geschichte, laut Kurator Robert Müller-Grünow. Los geht es im Jahr 1889. Von Francis Kurkdjian sind gleich zwei Flakons dabei, Le Mâle, das er für Jean Paul Gaultier 1995 mit gerade einmal 26 Jahren entworfen hat, bis heute ein Klassiker. Und Baccarat Rouge aus dem Jahr 2015, über das der Kurator Müller-Grünow sagt, er könne durch keinen Bahnhof oder Flughafen laufen, ohne diesen schweren, leicht süßlichen Duft zu riechen. Auch der Modemacher Elie Saab rühmte Kurkdjian im F.A.Z.-Magazin schon einmal: „Francis versteht es, persönliche Herkunft und Weltgewandtheit miteinander zu verbinden“ – in einem Duft wohlgemerkt. Die lange Geschichte des parfümierten Leders Seit etwas mehr als fünf Jahren arbeitet Kurkdjian nun bei Dior. Die Anstellung ist eine Ehre und eine Herausforderung. Selbst für ihn, dessen Düfte schon zu Lebzeiten in die Parfumgeschichte eingegangen sind. Denn in dieser Welt jagt längst eine Neuheit die nächste. Was also muss in einem Bestseller stecken, der bleibt? Der es irgendwann sogar unter die knapp zwei Dutzend wichtigsten Düfte schafft? Vielleicht Leder? Anlass des Gesprächs ist ein neuer Dior-Duft – Cuir Saddle. Ein Duft, der vom Leder inspiriert ist und in einer klaren Linie zu Dior steht. Die Saddle Bag gehört nicht umsonst zu den großen Klassikern dieses Hauses, obwohl nicht Christian Dior sie in den Fünfzigerjahren entworfen hat, sondern John Galliano 1999. „Ein Lederduft fehlte uns im Sortiment“, sagt Kurkdjian. „Aber es musste schon einer sein, der zu uns als Modemarke passt – mit einem Namen, der nicht nichtssagend ist, kein dummes Zeug. Cuir Impérial oder Cuir Rouge können doch von überall herkommen. Wir mussten einen Namen mit Aussage finden.“ Also Cuir Saddle. „Die Saddle Bag ist einzigartig“, sagt Kurkdjian. „Keine andere Marke hat sich jemals daran versucht, während zum Beispiel viele der Kelly Bag hinterhergejagt sind.“ Der berühmten Tasche von Hermès. Es ist bezeichnend für den Ernst, mit dem dieser Mann bei der Sache ist, dass er nicht nur die Duftgeschichte des Leders durchdeklinieren kann, sondern sie ein Stück weit mitbegleitet hat. Zur Geschichte: Der Geruch von Leder muss lange abscheulich gewesen sein. Die Gerbereien arbeiteten noch nach anderen Methoden als heute, zugleich umgaben sich besonders die Wohlhabenden viel selbstverständlicher mit Leder. Handschuhe waren üblich. „Deshalb parfümierten die Leute ihr Leder“, sagt Kurkdjian, „Je nachdem, wo die Handschuhe zum Einsatz kamen, gab es verschiedene Duftrichtungen. Ob zum Jagen, zum Mittagessen, zum Abendessen, für die Kirche.“ Marie-Antoinette betrieb besonders viel Schönheitsarbeit. Der Trend zum parfümierten Handschuh hielt sich aber bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. „In wohlhabenden Familien wurde das Outfit vier-, fünfmal am Tag gewechselt.“ Und damit auch die Handschuhe. Kurkdjian kennt sich auch deshalb so gut aus mit parfümiertem Leder, weil er selbst einmal Duft-Handschuhe gefertigt hat, im Zuge einer größeren Studie über Marie-Antoinette und ihre Düfte. „Es gibt nicht mehr viele traditionelle Handschuhmacher“, sagt der Parfümeur. „Ein paar sitzen in Italien, dann gibt es Agnelle in Frankreich.“ Roeckl aus Deutschland darf man in diesem Zusammenhang nicht vergessen. „Historisch gab es auch eine Verbindung zwischen Spanien und Österreich“, sagt Kurkdjian. „Spanische Haut und Innsbrucker Haut galten lange als führend.“ Kurkdjian führt das auf die Habsburger zurück, die vom 16. Jahrhundert an knapp 200 Jahre auf dem spanischen Thron saßen. „Man hatte auch schon früh Farbe für die Handschuhe zur Verfügung“, sagt Kurkdjian. „Blau, rot, grün. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wurde das Leder also zunächst mit einer fettigen Textur eingeschmiert, damit es auch ohne Haare geschmeidig blieb. In einem zweiten Schritt wurde das Leder parfümiert.“ Und auch das weiß Kurkdjian zu erzählen: „Es gab zwei Arten von Düften – einer war sehr komponiert, erhaben. Der andere bestand aus einzelnen Noten: Maiglöckchen, Narzisse, Jasmin, Iris.“ Hygienestandards verbesserten sich mit Beginn des 20. Jahrhunderts rasant Dann war es auf einmal vorbei mit der schönen Verbindung zwischen Ledermachern und Parfümeuren. Hygienestandards verbesserten sich mit Beginn des 20. Jahrhunderts rasant, die Haushalte verfügten über Wasserleitungen. Seife kam auf. Handschuhe waren nicht mehr nötig. Es zeigt, welche Bedeutung der parfümierte Handschuh in der Geschichte des Luxusmarkts hat. Denn nun lief Parfum separat vom Leder. Parfümeure hier, Handschuhmacher dort. Einiges, was in Sachen Mode als gesetzt galt, hat Kurkdjian vorbeiziehen sehen. Er erinnert sich zum Beispiel an den Look seiner Mutter, die wie sein Vater armenische Wurzeln hat. „Noch in den Fünfziger- und Sechzigerjahren trug sie Hut und Handschuhe. Als respektierte Frau konnte man nicht ohne auf die Straße treten.“ Sein Großvater mütterlicherseits arbeitete als Herrenschneider in seinem eigenen Zuhause, südöstlich von Paris. „Er nahm dann in seiner Wohnung in Vincennes Maß. Ich besitze immer noch Stücke, die er gefertigt hat, Mäntel und Hosen.“ Kurkdjians Großvater väterlicherseits war Pelzhändler. Auch dieser Beruf passt nicht mehr so recht zur Ästhetik von heute. Er wuchs protegiert auf Jede Zeit ist endlich, vielleicht sucht Kurkdjian deshalb so lange nach der Berechtigung für ein Vorhaben, nach Belegen, selbst wenn er dafür alte Bücher lesen muss. Er wuchs protegiert auf, im Pariser Vorort Gournay-sur-Marne, „ganz in der Nähe des heutigen Euro-Disneylands“, und muss früh ehrgeizig gewesen sein. Mit fünf, sechs Jahren begann er mit Klavier und Ballett – und strebte eine professionelle Karriere an. Bis zum Vortanzen an der Pariser Oper schaffte er es. Angenommen wurde er nicht. So kam er zur Mode. 14 Jahre war er damals, und man kann sich vorstellen, welche Anziehungskraft Paris auf einen Jungen in dem Alter gehabt haben muss. „Die U-Bahn wurde gerade verlängert, auf einmal kam ich in 20 Minuten in die Stadt. Zuvor hat es ein, zwei Stunden gedauert. Dieses Gefühl war einfach überwältigend.“ Während Kurkdjian das erzählt, klingt es, als wäre er allein unterwegs gewesen, vielleicht mit Freunden. „Nein, nein, die Erziehung war sehr streng. Man wurde von den Eltern begleitet und konnte ihnen nicht entkommen.“ Mit der Mode flüchtete Kurkdjian zumindest gedanklich. Aber die Arbeit eines Modemachers hat sich eben auch verändert. „Heute sind Modemacher eher künstlerische Leiter, in den frühen Achtzigerjahren musste man noch zeichnen können“, sagt er. „Ich habe früher wirklich bei vielen gearbeitet, Emanuel Ungaro, Jean Paul Gaultier, Giorgio Armani, und wann immer ich in ihr Büro oder ihr Atelier kam, war der Mülleimer mit Papier voll. Überall lagen Bleistifte herum. An der Wand hingen Zeichnungen. Irgendwann, in den Neunzigerjahren, ist diese Herangehensweise verlorengegangen, aber damals war es so.“ Modemacher waren mehr Künstler als Manager. Es handelte sich um Modeschöpfer, die auf der Basis von Zeichnungen Mode entwarfen, nicht wie heute um Kreativdirektoren, die mit Hilfe von Mode für eine Marke eine Atmosphäre schaffen. Und er, Francis Kurkdjian, habe eben nicht zeichnen können, sagt Kurkdjian. „Ich habe es oft versucht, ich buchte Stunden und Kurse. Aber ich habe einfach kein Talent, Dreidimensionales in Zweidimensionales zu übersetzen.“ So fand er zum Parfum, und zufällig muss sich herausgestellt haben, dass Kurkdjian ein Talent dafür hat, das nicht Greifbare in einen Duft zu übersetzen. „Ich habe mich gefragt, was der Mode am nächsten käme, und so landete ich bei Parfum.“ Mit 16 war er von seiner neuen Leidenschaft schon besessen. „Ein neuer Parfum-Launch war eine große Sache, das passierte nur alle paar Jahre, und ich bin jedes Mal in die Parfümerie gestürmt, um zu riechen.“ Seine Sammlung in den Achtzigerjahren muss beachtlich gewesen sein für einen Jugendlichen. Den aktuellen Trend unter Jugendlichen, verhältnismäßig viel für einen Duft auszugeben, hat Kurkdjian also schon um 40 Jahre vorweggenommen. „Paloma Picasso hatte ein tolles Parfum, Minotaure, das roch nach Vanille, war aber zugleich sehr frisch“, erinnert sich Kurkdjian, wenn man ihn fragt, was er damals trug. Dann aber geht es weiter. Seine Sammlung umfasste außerdem: „Calvin Klein Obsession, Air by Capucci, Guerlain Habit Rouge, Van Cleef & Arpels, Bleu Marine von Pierre Cardin – lustige Flasche. Vétiver von Carven, daran erinnere ich mich auch gut. Und KL von Karl Lagerfeld, oh, das war toll. Eine Art Shalimar-Parfum, das habe ich geliebt.“ Einige dieser längst leeren Flakons hütet er bis heute. Es sind Belege für seine Anfänge. Apropos Beleg, wie war das noch gleich mit Christian Dior und dessen Rolle? In diesem Moment meldet sich der Assistent aus dem Hintergrund zu Wort. „Wir haben das Zitat gefunden.“ Seite 150. Es lautet: „Die Öffentlichkeit hat kaum eine Ahnung von dem Aufwand und den Sorgen, die in einem neuen Parfum stecken. Für sie ist es ein kleines Paket. Es ist aber eine so absorbierende Beschäftigung, dass ich mich heute so sehr als Parfümeur wie als Couturier empfinde.“
