FAZ 27.02.2026
14:27 Uhr

Fraktur: Trumps Schoß- und Kampfhunde


Wenn der amerikanische Präsident sich beherrschen kann, müsste das doch auch uns einfachen Wutbürgern gelingen. So wie beim Wunder auf dem Münchner Flughafen.

Fraktur: Trumps Schoß- und Kampfhunde

So eine undankbare Bande! Da kann man schon einmal verstehen, dass Trump ausgezuckt ist. Er hatte den Richtern, die er in den Supreme Court beförderte, doch nicht diese Traumposten verschafft, damit sie ihm sein Lieblingsspielzeug wegnehmen, die Zollpeitsche. Gilt nicht auch in Amerika, zumal in Trumps, der Grundsatz „Eine Hand wäscht die andere“? Also bei uns in Deutschland hält sich daran sogar die Arbeitsgemeinschaft familienfreundlicher Dienstleister (AfD). Es ist ja auch nicht so, dass Trump der einzige ungehobelte Choleriker auf der Welt wäre und die Sitten nur in Amerika verfallen würden. Bei uns wird ebenfalls gepöbelt, dass die Schwarte kracht, und das nicht nur in der Politik. Auch der einfache Bürger lässt gerne mal die Sau raus. Am liebsten natürlich im Netz, weil es da am gefahrlosesten ist. Schneller, als Putin „Atomkrieg“ sagen kann Fröhlich beleidigt wird aber durchaus auch im Kampf um den Sitzplatz im Zug oder in der ewigen Schlacht der Fahrrad- gegen die Autofahrer. Die Unterbietungswettbewerbe bei der wechselseitigen Ehrbezeugung eskalieren dann manchmal schneller, als Putin „Atomkrieg“ sagen kann. Und manche Wutbürger werden sogar handgreiflich. Wer nicht Gefahr laufen will, einen Zahn oder mehr zu verlieren, sollte sich gut überlegen, mit wem er darüber streitet, wer den Parkplatz zuerst entdeckt hat oder ob an der Supermarktkasse der Vorder- oder der Hintermann den Warentrennstab aufs Förderband legen muss. In Köln prügelte kürzlich ein Mann einen anderen tot, nur weil der die Frau des Prüglers irrtümlicherweise für die Fahrerin des bestellten Taxis gehalten hatte. Da auch wir Deutschen geladener sind als früher und unsere Zündschnüre kürzer, hat es uns total gewundert, dass es am vergangenen Wochenende auf dem Münchner Flughafen nicht zu einer Gewaltorgie kam. Da mussten 600 Fluggäste in mehreren Maschinen auf dem Rollfeld übernachten, weil die Flieger wegen Schnees nicht mehr starten konnten – und die Busfahrer schon Dienstschluss hatten. Die Passagiere saßen also eine ganze Nacht lang fest, als wären sie am Polarkreis notgelandet, und hungrige Eisbären strichen um die Maschinen. Dabei war es noch schlimmer: Die Flieger waren in der Servicewüste Deutschland gestrandet. Mit entnervten Passagieren in Bataillonsstärke. Und wir wissen ja alle, was an einem Gate losbrechen kann, wenn nur ein einzelner Passagier – immer der bedeutendste von allen – wegen Überbuchung ausgebootet wird. Wie hat die Lufthansa die Lage bloß so toll gemanagt? Was genau in den Flugzeugen passierte und wie sich die Passagiere warm hielten, ist noch nicht öffentlich bekannt. Aber zum Äußersten scheint es nicht gekommen zu sein. Offenbar brüllte keiner „Let’s roll!“ und verlangte im Cockpit ultimativ, sofort in wärmere Gefilde ausgeflogen zu werden. Wie hat die Lufthansa die Lage bloß so toll gemanagt? Setzte die Besatzung der Atemluft Lavendel zu? Sicher half, dass die Versorgung mit Essen und Getränken noch schlechter war als in den Zügen der Deutschen Bahn. Denn wie heißt es bei der Bundeswehr zutreffend: Ohne Mampf kein Kampf. Am besten fänden wir es natürlich, wenn das Wunder von München ein Zeichen für eine Trendwende wäre hin zu mehr Geduld, Nachsicht, Beherrschung, Respekt, Freundlichkeit. Wenn selbst Trump sich so kontrollieren kann, dass er die Verräter im Obersten Gericht nur Schoßhunde nennt – was sie für ihn ja unbedingt bleiben sollen, nur eben nicht die der Demokraten, sondern seine –, dann müssten doch auch wir einfachen Wutbürger einen Gang zurückschalten können. Und das geht schon. Wir zum Beispiel haben weder mit der Faust gedroht noch die üblichen Schimpfwörter ausgestoßen, als neulich ein Autofahrer unsere heiligen Rechte als Fußgänger auf einem Zebrastreifen missachtete. Dass uns der Eskalationsverzicht so leicht fiel, lag allerdings auch daran, dass das Fahrzeug ein schützenpanzerartiger SUV und voll besetzt mit Gestalten war, die man nicht unbedingt anschreien wollte, ob sie den Führerschein im Lotto gewonnen hätten. Dazu erinnerten sie uns doch zu sehr an Trumps Kampfhunde.