FAZ 27.02.2026
15:32 Uhr

Fragwürdige Seilschaften: „Längst der Eindruck eines SPD-Filzes“


Bei der SPD in Mecklenburg-Vorpommern werden Ehepartner beschäftigt, Aufträge an Firmen von Eheleuten vergeben – und fragwürdige Verbindungen zur Presse gepflegt.

Fragwürdige Seilschaften: „Längst der Eindruck eines SPD-Filzes“

Wismar war lange eine der Hochburgen der Sozialdemokraten in Mecklenburg-Vorpommern. Im Zentrum haben die beiden starken Männer der SPD in der Stadt, der Landtagsabgeordnete Tilo Gundlack und der Bundestagsabgeordnete Frank Junge, ihre Wahlkreisbüros unter einem Dach. An sich nichts Ungewöhnliches. Würde Junge nicht Ricarda Gundlack dort beschäftigen, die Ehefrau seines Parteifreundes. Der soll Junge einst entscheidend dabei geholfen haben, auf einen der vorderen Listenplätze zu kommen, was ihm den Einzug in den Bundestag sicherte. Früher beschäftigte Junge in seinem Wahlkreisbüro zudem Anne Mucha, die Tochter des Rostocker SPD-Landtagsabgeordneten Ralf Mucha. Zudem betreiben beide Abgeordnete noch ein gemeinsames Büro im Stadtteil Wendorf. „SPD-Bürgerbüro Frank Junge Tilo Gundlack“ steht darüber. Der Landtagsabgeordnete Gundlack teilt dazu mit, man solle sich „zuständigkeitshalber an Herrn Junge“ wenden. Der sagt: Für ihn als Bundestagsabgeordneten gälten „klare Maßstäbe“, etwa die fachliche Qualifikation, die Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben und ein verantwortungsvoller Umgang mit öffentlichen Mitteln. Es handele sich um organisatorisch und personell getrennte Büros. Zu dem Stadtteilbüro in Wendorf teilt er mit, das werde von Gundlack genutzt und finanziert. Der gemeinsame Name darüber diene lediglich „der Kenntlichmachung unserer politischen Erreichbarkeit vor Ort“. Er selbst nutze Gundlacks Büro für Bürgergespräche. Der Verdacht auf Seilschaften Derartige Fälle gibt es in Mecklenburg-Vorpommern einige. Auch in Landkreisen und Ministerien sind Verwandte von führenden SPD-Politikern beschäftigt. Auch fragwürdige Aufträge an verwandte Unternehmer gibt es, und Verbindungen zur Presse. Verboten ist das nicht, wenn nicht unmittelbar die eigenen Familienangehörigen angestellt werden. Zudem dürften sich Teile davon auch dadurch erklären, dass es teils an qualifizierten Mitarbeitern fehlt. Mecklenburg-Vorpommern ist klein, die SPD hat nur 2800 Mitglieder. Aber der Verdacht liegt nahe, dass dadurch Seilschaften entstehen und sich ein Netz bildet, das auch Gefälligkeiten umfassen könnte. In Sachsen-Anhalt wurde die AfD wegen der Anstellung von Familienangehörigen scharf kritisiert. Dort hatten Landtagsabgeordnete die Verwandten von Bundestagsabgeordneten eingestellt und umgekehrt. Beschäftigt wurden auch Schwäger von Parteimitgliedern oder Freunde. Das sorgte bundesweit für viel Aufsehen. In Mecklenburg-Vorpommern sagen einem mehrere Oppositionspolitiker, sie wundere, dass in dem Zusammenhang nicht stärker auf die SPD im Nordosten geschaut werde. Schließlich gebe es dort viele fragwürdige Fälle. „Die Vetternwirtschaftsvorwürfe bei der AfD in Sachsen-Anhalt sind gravierend, aber da ist nichts dabei, was wir von der SPD in Mecklenburg-Vorpommern nicht kennen“, sagt dazu der CDU-Landesvorsitzende Daniel Peters. Das ist etwas übertrieben, Über-Kreuz-Beschäftigungen wie in der AfD scheint es in der SPD nicht zu geben. Deutlich ist die Kritik auch von der FDP. „Wie viele familiäre und politische Überschneidungen braucht es noch, bis man von struktureller Selbstbedienung sprechen muss?“, sagt der FDP-Landtagsabgeordnete David Wulff. „Für viele Bürger entsteht längst der Eindruck eines SPD-Filzes, bei dem Kontrolle und kritische Distanz auf der Strecke bleiben.“ Bekannte Fälle: Cunha, Dahlemann, Sellering Seit 1994 ist die SPD in Mecklenburg-Vorpommern an der Macht, seit 1998 stellt sie den Ministerpräsidenten. Wer aufsteigen wolle, brauche das richtige Parteibuch, heißt es immer wieder im Land. Ein Fall, der im Land seit Langem bekannt ist, betrifft Wiebke da Cunha, die Büroleiterin des Landrats von Ludwigslust-Parchim, Stefan Sternberg (SPD). Sie ist die Ehefrau von Philipp da Cunha, Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Landtagsfraktion. Vor ihrer Anstellung beim Landrat war Frau da Cunha einem Bericht der „Ostsee-Zeitung“ zufolge Wahlkreismitarbeiterin der früheren SPD-Bundestagsabgeordneten Iris Hoffmann. Für die arbeitete auch Anke Dahlemann, Mutter des Staatskanzleichefs und Landtagsabgeordneten Pa­trick Dahlemann (SPD) – und zwar just an der Adresse, an der Dahlemann auch sein Bürgerbüro betreibt. Heute arbeitet seine Mutter nach Angaben Dahlemanns für den SPD-Landtagsabgeordneten Falko Beitz, auf Stundenbasis. Dahlemann sagt dazu, seine Mutter sei länger in der SPD engagiert, als er Mitglied des Landtags sei. „Es kann kein Berufsverbot geben, weil ich mich politisch engagiere.“ Zur Beschäftigung von Frau da Cunha als Büroleiterin des Landrats Sternberg teilt ein Sprecher des Landkreises mit, sie habe die Stelle schon länger inne als ihr Mann die Rolle des Parlamentarischen Geschäftsführers. Überdies gebe es inhaltlich zwischen dem, was Frau da Cunha mache, und dem, was der Landtag mache, keine Berührungspunkte. „Wir sehen da keinerlei problematischen Zusammenhang.“ Allerdings dürften über den Tisch der Büroleitung eines Landrats durchaus Dinge gehen, die für das Parlament relevant sind – und umgekehrt. Fragwürdig ist auch die Personalie Britta Sellering. Die Ehefrau des früheren Ministerpräsidenten und Russlandfreunds Erwin Sellering war Büroleiterin des früheren Wirtschaftsministers Reinhard Meyer (beide SPD). Mittlerweile leitet sie im Ministerium laut dessen Website unter dem neuen Wirtschaftsminister Wolfgang Blank (parteilos) ein Referat. Tätig in dem Ministerium war sie auch schon, als ihr Mann der umstrittenen Klimastiftung vorsaß. Die Stiftung diente dem Land dazu, mit Moskaus Hilfe amerikanische Sanktionen zu umgehen, um die Nord-Stream-2-Pipeline fertigzustellen, mit der russisches Gas nach Deutschland gepumpt werden sollte. Laut dem „Nordkurier“ war Britta Sellering 2021, wenige Stunden bevor der Landtag die Gründung der ominösen Klimaschutzstiftung beschloss, auch in den Mailverkehr involviert, in dem es um letzte Änderungen an der Satzung der Stiftung ging, der ihr Mann dann später vorsaß. Frau Sellering sei Volkswirtin und hoch qualifiziert, teilt dazu der Sprecher der Landesregierung mit. In der Landesverwaltung Mecklenburg-Vorpommern arbeiteten mehr als 35.000 Menschen. Selbstverständlich gebe es da auch Verwandtschaftsverhältnisse. Im öffentlichen Dienst dürfe es kein Einstellungs- und Arbeitsverbot für Familienangehörige von Politikern geben. In keinem der von der F.A.Z. thematisierten Fälle gebe es Interessenkonflikte. Und in keinem Fall sei jemand eingestellt worden, weil er oder sie Familienangehöriger eines Politikers sei. Schwesigs Mann ist Landesbeamter Auch der Ehemann von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD), Stefan Schwesig, ist Landesbeamter. Er war schon für das Land tätig, bevor er sie kennenlernte. Einst arbeitete er für das Finanzministerium, für das war er auf einer Deponie in Ihlenberg tätig. 2018 sorgte er für Aufsehen, weil er ein Dossier verfasste, in dem er der Deponie Umweltverstöße vorhielt. Doch sein Bericht war fehlerhaft, an den Vorwürfen wenig dran. Danach wurde er in die Landesforstverwaltung versetzt, die Manuela Schwesigs Parteifreund, Umweltminister Till Backhaus (SPD), untersteht. Der Sprecher der Landesregierung teilt dazu mit, die Landesforstanstalt sei eine Anstalt des öffentlichen Rechts und damit nicht Teil der Ministerialverwaltung. „Ein Interessenkonflikt ist nicht gegeben.“ Auch verwandtschaftliche Beziehungen zur Presse gibt es. Die Tochter des früheren stellvertretenden Chefredakteurs der „Schweriner Volkszeitung“ (SVZ) Max-Stefan Koslik, der seit 2024 im Ruhestand ist, ist für die Landesregierung tätig. Ausweislich ihres Linkedin-Profils arbeitet Franziska Scharnitzki seit Oktober 2019 für die Landesregierung: zunächst für die Presseabteilung der Staatskanzlei, seit Ende 2021 in der Öffentlichkeitsarbeit des Finanzministeriums. Just dieses Ministerium lud im vergangenen Oktober zu einer Ausstellung ihres Vaters im Schweriner Schloss, dem Landtag, ein. Gezeigt wurden Fotos, die Koslik von einem Israel-Aufenthalt mitgebracht hatte. Finanzminister Heiko Geue – der Chef seiner Tochter – und Landtagspräsidentin Birgit Hesse (beide SPD) äußerten sich in einer Pressemitteilung der Landesregierung lobend über die Ausstellung. Der Sprecher der Landesregierung sagt dazu, es gebe kein Einstellungs- und Arbeitsverbot für Töchter von Journalisten. Es gebe keinen Bezug zwischen der Tätigkeit des Vaters und der Tochter, und es gebe keinen Interessenkonflikt. Außerdem habe Herr Koslik keinerlei Vergütung für die Ausstellung erhalten. Ein gern besuchter Gutshof Auch in die Wirtschaft gibt es fragwürdige Verbindungen. Beim Stichwort Vetternwirtschaft fällt in Mecklenburg-Vorpommern immer wieder der Name Golchener Hof. Der Hof mit Viersternehotel gehört Jörg Klingohr, Ehemann der stellvertretenden SPD-Fraktionsvorsitzenden Christine Kling­ohr im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern, die selbst einst für den Hof gearbeitet und auf dessen Gehaltsliste gestanden hatte. Auf ihrer Website schreibt die Abgeordnete, die Entwicklung des Golchener Hofes sei „über viele Jahre“ ihr „Arbeits- und Lebensmittelpunkt“ gewesen. Just dort war nach Recherchen des NDR mehrfach die SPD zu Gast. Mal war es die Kreistagsfraktion, der Klingohr angehört, mal die Landtagsfraktion, der sie mit vorsitzt. Letztere veranstaltete im Juni 2023 auf dem Hof ein „Bürgerforum“ mit rund 250 Gästen. Danach wurde der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Landtagsfraktion da Cunha gefragt, wie viel das gekostet hatte. Er antwortete nicht direkt, sondern schaffte es in einem aufgrund der Wiederholung seiner Aussage absurd anmutenden NDR-Interview mehrfach zu sagen, die SPD führe seit 15 Jahren überall im Land Bürgerforen durch. Das sorgte damals bundesweit für Aufmerksamkeit. Schwesig übte danach laut NDR Kritik an der Berichterstattung und warf Journalisten vor, sie hätten „etwas gegen starke Frauen in der SPD“. Später wurde bekannt: Die Veranstaltung auf dem Hof hatte 15.000 Euro gekostet. Steuergelder gingen also über die Partei an die Familie einer der Parteiführerinnen. Im vergangenen Jahr kam dann die Ministerpräsidentin zu einem Grußwort auf den Hof. Es ging um das 25. Firmenjubiläum. Ein ungewöhnlicher Termin. Wer ehrt schon Hof-Jubiläen? „Die Ministerpräsidentin ist regelmäßig bei Firmenveranstaltungen und auch Firmenjubiläen zu Gast, so auch bei diesem Termin“, sagt dazu ihr Sprecher. Doch zeigt der Termin wohl vor allem, dass sich die SPD und Schwesig wenig um die Vorwürfe scheren, ja geradezu trotzig reagieren. Denn allein die Ankündigung des Termins hatte bei der Opposition für Empörung gesorgt, die Sache habe „mehr als ein Geschmäckle“, hieß es von der CDU. Der Fall Blaudszun Trotzig ist auch die Reaktion der Staatskanzlei auf den jüngsten Fall, der der SPD wieder den Vorwurf des Parteienfilzes einbrachte. Dabei geht es um die Personalie Lilly Blaudszun (SPD). Die 24 Jahre alte Vertraute Schwesigs ist seit Januar die neue Sprecherin der SPD-Landesvorsitzenden. Mit ihr soll Schwung in den Wahlkampf kommen. Im September wird gewählt, einer jüngsten Umfrage nach liegt die AfD derzeit bei 37 Prozent, die SPD bei 23, die CDU bei 13 Prozent. Trotz ihres Einsatzes für die SPD bleibt Blaudszun Beraterin für die Kommunikationsagentur 365 Sherpas. Diese erhielt nach Angaben der Staatskanzlei bisher rund 60.000 Euro durch die Landesregierung. Die Kommunikationsagentur stand der Staatskanzlei nach Angaben des Sprechers beratend bei der Öffentlichkeitsarbeit in der Debatte um die „Klimastiftung“ und den dazugehörigen Untersuchungsausschuss zur Seite. Zudem wurde eine weitere Agentur, die zur gleichen Unternehmensgruppe gehört, von der Landesregierung mit über 331.000 Euro mit dem Relaunch der Website des Landes beauftragt. Die Regierung bezahlt also eine Agentur, deren Mitarbeiterin den Wahlkampf der Regierungspartei organisiert. Das sorgte bei der Opposition für Kritik. Auch der Landesvorsitzende des Bundes der Steuerzahler Sascha Mummenhoff sprach angesichts dessen von einer „Grauzone“, bei der die Grenzen zwischen politischer Macht, öffentlichen Aufträgen und Parteienwahlkampf verwischten. Die Skepsis bleibe groß, ob Frau Schwesig ihren Wahlkampf sauber von ihrer Position als Ministerpräsidentin trenne. Der Sprecher der Landesregierung teilt dazu mit, die Vorwürfe seien „herbeikonstruiert und falsch“. Die Berufung von Blaudszun durch den SPD-Landesverband stelle doch gerade sicher, dass es jeweils klar definierte Ansprechpartner für die Regierungs- und für die Parteikommunikation gebe. Sie trage also zur Trennung und nicht zur Verwischung von Staats- und Parteiarbeit bei.