Diesen Fragebogen hat Marcel Proust nie ausgefüllt. Denn er ist eine auf die Olympischen Winterspiele zugespitze Variante eines zu Zeiten des französischen Schriftstellers beliebten Gesellschaftsspiels. Wir spielen es weiter mit Menschen aus der Welt des Olympischen Wintersports, die bereit sind, die Herausforderung an Geist und Charme anzunehmen: diesmal mit Skirennläufer Linus Straßer, der an diesem Montag (10.00 Uhr und 13.30 uhr im F.A.Z.-Liveticker zu Olympia 2026, im ZDF und bei Eurosport) im Slalom antritt. Was ist für Sie das größte Glück als Sportler? An dem, was man am besten kann und was man am liebsten macht – Ski fahren – über Herausforderungen zu wachsen und sich als Persönlichkeit entwickeln zu können. Und was ist für Sie das größte Unglück als Sportler? So cool wie Leistungssport ist, ist er für die körperliche Gesundheit nicht immer förderlich. Wenn der Körper einfach nicht mehr so mitmacht, ist das schon frustrierend. Woran erkennen Sie einen guten Gegner? Gute Konkurrenten sind für mich diejenigen, die am Schluss gute Verlierer aber auch gute Gewinner sind. Ganz wichtig ist der Respekt voreinander, vor der Leistung und vor dem, was derjenige erreicht hat. Wer ist für Sie der beste Gegner? Sportlich schätze ist Henrik Kristoffersen sehr. Es ist schon unglaublich was für eine konstant sportliche Leistung er über Jahre auf die Piste bringt – er sticht einfach heraus. Welcher Sportler in Ihrem Sport ist besser, als die Allgemeinheit glaubt? Sam Maes ist ein unglaublich guter Skifahrer, aber vor allem ein unfassbarer Sportler. Der kann alles, der macht alles und hat ein sehr gutes Körper- und Bewegungsgefühl – er wird es noch weit bringen. Wer ist der wichtigste Trainer in Ihrer Karriere? In den einzelnen Abschnitten meiner Karriere, gibt es immer wieder unfassbar wichtige Personen. Aber ohne Mario Mittermayer-Weinhandl hätte ich das alles nicht angefangen. Durch ihn bin ich zum Skirennsport gekommen und wir haben bis heute einen sehr engen Kontakt. Über was möchten Sie vor dem olympischen Wettbewerb nicht sprechen? Ich möchte nicht über die Sportstätten oder die Verhältnisse sprechen, ob die olympiatauglich sind. Weniger darüber reden, einfach annehmen, wie es ist. Es gehen drei am Schluss mit einer Medaille nach Hause. Da redet am Ende keiner mehr darüber, wie die Bedingungen oder der Hang waren. Wen bewundern Sie? Meine Frau. Was bewundern Sie? Menschen, die ausgeglichen sind. Was fürchten Sie in einem Wettbewerb? Das ich den Start verpasse (lacht). Nein, realistisch habe ich immer ein bisschen Angst vor der Situation, dass ich nicht ins Rennen komme, wenn du keinen Zugriff auf den Wettbewerb bekommst. Dann schaffst du es auch nicht, deine Leistung zu abzurufen, weil du gar nicht erst in diesen Bereich reinkommst. Ein Gedanke, der Sie während eines Wettkampfs überrascht hat? Letztes Jahr in Amerika ist ein „Rutscher“ (ein freiwilliger Helfer, der zwischen den Durchgängen die Piste präpariert; Anm. d. Red.) direkt vor mir umgefallen und mit dem Kopf voraus in meine Linie gerutscht. Da fing ich plötzlich an zu rechnen, ob sich das von der Strecke ausgeht, habe während der Fahrt kalkuliert, wie schnell ich an dem Tor bin, wo der Rutscher lag. Dann kam mir spontan der Gedanke „Ich springe über ihn drüber“. Es hat aber doch gereicht, dass er bis dahin wieder aufgestanden war und ich nicht über ihn springen musste. Solche Gedanken kommen nicht bei jedem Rennen. Wer führt ihre Gehaltsverhandlungen? Edgar Kohler von der Agentur Sports360. Ihr Lieblingssportler? Novak Djokovic. Ihr Lieblingstrainer? Tim Lobinger: Er war ein ganz wichtiges Puzzleteil auf meinem Weg. In einer Phase, in der es sportlich nicht rund lief, hat er mir mit neuen Trainingsansätzen, eine andere Sicht auf die Vorbereitung und vor allem mit seiner positiven, inspirierenden Art enorm geholfen. Vieles davon begleitet mich bis heute, auch wenn Tim nicht mehr unter uns ist. Eisbad oder warme Dusche? Warme Dusche. Welches Buch haben Sie zuletzt gelesen? „Zeit sich aus dem Staub zu machen“ von Andrea Petković. Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einem Teammitglied am meisten? Wenn mein Teamkollege erkennt, dass wir eigentlich potentielle Konkurrenten sind, aber das als etwas Positives und Gutes für uns beide auslegt, um gegenseitig daran zu wachsen und die jeweiligen Grenzen auszutesten. Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einem Freund oder einer Freundin am meisten? Loyalität. Ihr größter Fehler? Den einen Fehler könnte ich jetzt nicht benenne, aber grundsätzlich finde ich, dass Fehler, Krisen oder negative Situationen wichtig sind, um Lösungen zu finden und voranzukommen – das gehört zum Profisport und zum Leben dazu. Was ist der größte Irrtum über das Leben als Wintersportler? Das wir den ganzen Sommer frei haben. Die Zuschauer sehen oft nur die Wintermonate, aber letztendlich trainieren und arbeiten wir das ganze Jahr. „Der gute Skifahrer wird im Sommer gemacht“, sagt man. Worauf hätten Sie für eine Teilnahme an Olympischen Spielen verzichtet? Grundsätzlich auf nichts, aber wenn meine Frau schwanger wäre und mich einen Tag vor dem Wettkampf anruft, dass das Kind kommt, dann würde ich für die Familie alles stehen und liegen lassen. Worauf würden Sie für eine olympische Medaille verzichten? Hier gilt das Gleiche. Grundsätzlich würde ich auf nichts verzichten, aber immer mit Ausnahme der Familie. Olympisches Gold oder Gesamtweltcupsieg? Gesamtweltcupsieg. Was lieben Sie am meisten an Winterspielen? Es ist eine ganz eigene Stimmung bei den Spielen. Die hat was und das erlebt man so nur bei Olympia. Was nervt Sie am meisten an Winterspielen? Dass die Nähe zu den Zuschauern verloren gegangen ist. Das lässt sich durch Sicherheitskonzepte und unterschiedliche Austragungsstätten kaum vermeiden und hat sich über die Jahre so entwickelt – bei Olympia sind wir damit nicht allein. Ihr bewegendster Moment bei olympischen Spielen? Die Silbermedaille im Team 2022. Meine Tochter trägt die auch sehr gerne – ist ihr absolutes Lieblings-Accessoire. Ihre Lieblingsbeschäftigung an einem trainingsfreien Tag? Zeit mit meinen Kindern und meiner Frau verbringen.
