Es ist zwanzig Jahre her, da konnte man die Fotografien von Gregory Crewdson als aktuellen Kommentar zu einer Welt lesen, die dabei war, sich selbst zu zerlegen. Überall in Amerikas Populärkultur kämpften sich damals eine Handvoll Überlebender durch die Ruinenlandschaften apokalyptischer Szenerien: im Roman „The Road“ von Cormac McCarthy, im Spielfilm „I Am Legend“ mit Will Smith, in den beklemmenden Liedern von Bruce Springsteen auf dessen Album „Magic“. Es war, als seien mit dem Schrecken des 11. September die letzten Tage der Menschheit angebrochen – und Gregory Crewdson, Jahrgang 1962, lieferte mit seinem Werk die Illustrationen dazu: komplex komponierte Szenen, bis ins Detail geplant, bevor er sie mit einem Stab von Dutzenden Mitarbeitern so aufwendig arrangierte, wie es sonst nur Regisseure für ihre Kinoproduktionen tun. Ein-Bild-Filme wurden seine wandfüllend abgezogenen Fotografien rätselhafter, meist schaurig-schöner Momente denn auch genannt. Genügte es ihm anfangs noch, Motten vor den Lichtschein eines Fensters zu ziehen oder geheimnisvolle Ornamente in den Rasen eines Gartens zu mähen, ließ er schon bald mit wahnwitzigem Aufwand riesige Kulissen errichten, zündete Häuser an, überflutete mal Straßen, mal Zimmer, um elegisch schön eine Leiche im Wasser zu drapieren. Eine Zeit lang arbeitete er sogar mit prominenten Schauspielerinnen wie Gwyneth Paltrow, Julianne Moore und Jennifer Jason Leigh. Gleichgültig blicken sie in der Rolle ausgebrannter Hausfrauen hinter der Fassade neuenglischer Kleinstädte in Abgründe, die sich in manchen der Fotografien buchstäblich unter ihren Häusern auftun. In Crewdsons Ausstellungen saßen die Besucher damals bisweilen im Schneidersitz vor den spannungsgeladenen Bildern, als seien sie im Kino und warteten darauf, dass gleich etwas passiert. Im Kunstmuseum Bonn, in dem derzeit mit mehr als siebzig Arbeiten die größte Crewdson-Ausstellung in Europa je zu sehen ist, übernommen von der Albertina in Wien, kann man sich das eher nicht vorstellen. In der Wiederbegegnung mit dem Werk erhält es etwas Museales, Historisches. Die Retrospektive führt von Bildern aus der Zeit seines Studiums an der Kunstakademie der Yale University Ende der Achtzigerjahre bis zur Serie „Eveningside“ aus den Jahren 2021/22. Was einst politischen Verhältnissen geschuldet schien, bezieht man nun, auch wenn die Welt keine bessere geworden ist, eher auf Ängste im Klima wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Unsicherheiten. Recht eigentlich aber geht es um allgemeingültige Formen von Verlorenheit, auch Ausweglosigkeit. American Way of Life - ins Gegenteil verkehrt Etwas Bedrohliches liegt über jedem von Crewdsons Bildern. Der Fotograf selbst, Sohn eines Analytikers, beruft sich in Interviews am liebsten auf Sigmund Freuds Studie über das Unheimliche. Demnach sei es dem Menschen weder fremd noch neu, sondern war dem Seelenleben vertraut, bevor es ihm durch Verdrängung entfremdet wurde und erst dadurch Angst auslöst. Nun holt Crewdson es an die Oberfläche zurück und stellt dazu in der Architektur verschachtelter, gespenstisch ausgeleuchteter Räume Frauen nackt vor Spiegel. Oder er entwirft in der düsteren Atmosphäre schwach beleuchteter Straßenzüge bei Nacht Szenen, in denen er Männer bei strömendem Regen ihr Auto verlassen oder wie ziellos durch den Schnee tappen lässt, die Aktentasche achtlos auf dem Asphalt abgestellt. Im Umgang mit künstlichem Licht und unwirklichen Farben ist Crewdsons Verwandtschaft zu David Lnych und dessen Filmen nicht zu übersehen. Und in den besonders hoffnungslosen Momenten von Resignation und Vereinsamung, wenn Personen allein auf Betten sitzen oder hinter den Fenstern von Cafés, sind die Anlehnungen an die Gemälde Edward Hoppers offensichtlich. Ebenso gut jedoch könnte man einfacher sagen, dass Gregory Crewdson alles, womit Norman Rockwell einst einen Zauber über den American Way of Living gelegt hat, ins Gegenteil verkehrt und über dem Idyll eine gewaltige Portion Horror auskippt: In Gärten häuft sich Unrat an. Laternen, Schilder und Ampeln liegen umgestürzt auf den Straßen. Autos rosten vor sich hin. Menschen, die sich nackt in den Wald flüchten, finden mitnichten ein Paradies. Und wenn im Hintergrund die untergehende Sonne den Himmel in ein leuchtendes Orange taucht, meint man, am Horizont brenne die Welt. „It’s a desaster“, glaubt man ganz leise aus dem Off den amerikanischen Präsidenten zu hören. Die Menschen auf Crewdsons Fotografien allerdings kümmert das längst nicht mehr. Hier interessiert sich niemand dafür, Amerika groß zu machen. Vielmehr starren alle gleichgültig ins Nichts. Seine häufigste Regieanweisung an die Modelle, sagt Gregory Crewdson, sei: „Gib mir weniger!“ Statt Ausdruck verlangt er Leere. Dennoch stimmt die Retrospektive, die mit ihren neun Bildserien womöglich ein wenig zu groß geraten ist, den Besucher keineswegs depressiv. Sie ist kalt. Aber der Magie der riesigen Formate und ihrer am Computer geschaffenen Präzision und Klarheit, die man Hyperrealismus nennen möchte, kann man sich kaum entziehen. Immer wieder verfängt sich der Blick deshalb in Details. Zur Atmosphäre des Bedrohlichen gesellt sich dann ein Moment menschlicher Tragik, wenn im Hintergrund einer trostlosen Tischszene halb versteckt in der Küche ein mit Whiskey gefülltes Glas steht. Andererseits gibt es einen überraschend heiteren Moment, der in Reproduktionen ebenfalls kaum wahrnehmbar ist: Der magische Lichtstrahl vom Nachthimmel herab, der glauben lässt, der Herrgott selbst habe seine Finger im Spiel oder zumindest Außerirdische in ihrem Ufo, zielt exakt auf ein Netz mit ein paar Dosen Bier, das in der Hand eines jungen Mannes baumelt. Und unwillkürlich denkt man: Ein weiter Weg für ein Budweiser. Gregory Crewdson – Retrospektive. Kunstmuseum Bonn; bis 22. Februar. Der Katalog, erschienen im Prestel Verlag, kostet 49 €.
