FAZ 11.02.2026
19:10 Uhr

Fotografien aus Mexiko: Wenn die Augen Flügel hätten


Die mexikanische Fotografin Graciela Iturbide ist bei uns wenig bekannt. Seit fünf Jahrzehnten hält sie die Wirklichkeit ihres Heimatlands in faszinierenden Aufnahmen fest. In einer Berliner Ausstellung kann man sie jetzt entdecken.

Fotografien aus Mexiko: Wenn die Augen Flügel hätten

Wenn man die Fotos von Graciela Iturbide sieht, möchte man an Wundererscheinungen glauben. Da kreist eine Wolke von Vögeln um einen Strommast wie die Blätter eines Baums. Eine Frau steht auf einem Felsen und breitet die Arme aus, als wollte sie die Steppenlandschaft unter ihr überfliegen. Eine zweite trägt eine Schale in den Sonnenuntergang über einer Wüstenpiste wie eine Opfergabe an vergessene Götter. Eine dritte sitzt neben einer Leiter, an der die Haut eines Krokodils befestigt ist. Kinder rollen, in Staub gebadet, einen Sandhügel hinab. Ein Mann mit Turban füttert Ratten mit einer Tränke am Eingang eines indischen Tempels. Eine verschleierte Gestalt steht reglos neben den Überresten eines Schlachtrinds, die von der Decke hängen. Eine Blinde mit Gitarre thront auf dem Sitz eines Motorrads. Ein Säugling liegt neben einem enthäuteten Lamm. Der Tod ist allgegenwärtig, das Leben ein Mysterium. Man meint die Trommeln zu hören, welche die Umzüge und Straßenfeste begleiten, die Schreie der geschlachteten Tiere, die Stimmen und Geräusche des Markts. Und man hört die Stille, wenn der Lärm erlischt. Ein Grundton des Staunens und der Verzauberung Graciela Iturbide ist die bedeutendste Fotografin Mexikos. 2022 wurde sie in die Hall of Fame ihrer Zunft in St. Louis aufgenommen, im vergangenen Jahr gewann sie den Prinzessin-von-Asturien-Preis der spanischen Monarchie für bildende Kunst. In Deutschland steht ihre Entdeckung gleichwohl immer noch aus, die Retro­spektive ihres Werks im C/O Berlin ist erst ihre zweite Einzelausstellung hierzulande. Dabei folgt sie einer Tradition, die von Edward Weston und Paul Strand begründet wurde, den Pionieren der dokumentarischen Fotografie in der Moderne. Sie setzt fort, was in den Arbeitervierteln und auf den Fabrikgeländen des zwanzigsten Jahrhunderts begonnen hat, aber sie gibt ihren Erkundungen einen eigenen ethnographischen Akzent. Es ist der Grundton des Staunens und der Verzauberung, der aus jeder ihrer Aufnahmen spricht. Iturbide kam erst im zweiten Anlauf zur Fotografie. Als sie 1969 an der Nationaluniversität in Mexiko-Stadt bei ihrem Mentor Manuel Álvarez Bravo zu studieren begann, war sie bereits Mutter dreier Kinder und seit sieben Jahren verheiratet. Im gleichen Jahr starb ihre sechsjährige Tochter. Die Darstellung toter Kinder und ihrer trauernden Angehörigen gehörte zu Iturbides ersten fotografischen Projekten. In Berlin ist nur eine ihrer vielen Aufnahmen von in Decken gepackten ángelitos, den „Engelchen“, in ihren mit Blumen, Geschenken und Süßigkeiten gefüllten Särgen zu sehen. Dafür wird das Foto gezeigt, das sie dazu bewegte, die Serie zu beenden: eine Männerleiche auf der Straße zum Friedhof, halb verwest und von Vögeln zerfressen. Damit, sagt die Fotografin, habe der Tod ihr sein wahres Gesicht gezeigt. Sie brach das Projekt ab. Mitte der Siebzigerjahre fing Graciela Iturbide an, das Leben indigener Gemeinschaften in Mexiko zu dokumentieren. Bei den Zapoteken im südlichen Bundesstaat Oaxaca entstand die Aufnahme ei­ner Frau mit sieben lebenden Leguanen als Kopfschmuck. Die „Nuestra Señora de Las Iguanas“, die „Heilige Maria der Leguane“, ist kein Schnappschuss, sondern eine sorgfältig erarbeitete Komposition, wie man an den Kontaktabzügen sieht, die in der Ausstellung ausliegen. Dieselbe Geduld spricht aus den Aufnahmen des Lebens der Seri, die in der Sonora-Wüste an der Grenze zu den Vereinigten Staaten leben. Die Fotografin ließ sich Zeit, in den Alltag des vom Aussterben bedrohten Volkes einzutauchen, bevor sie mit der Kamera zu arbeiten begann. Das sieht man in ihren Bildern, denn für Iturbide setzen die Menschen, die sie zeigt, kein Fotogesicht auf, sie zeigen ihre verhärmten Züge unverstellt. Die Aufnahme der Frau, die mit windgeblähten Röcken und einen Radiorekorder in der Hand über einem Wüstental steht, ragt dennoch aus der Serie heraus, denn sie bringt die historische Situation der Seri beim Sprung aus der Vorzeit in die Moderne auf den Punkt. Eins der bewegendsten Bilder der Ausstellung entstand im Badezimmer der Villa von Frida Kahlo, fünfzig Jahre nach Kahlos Tod. Graciela Iturbide sollte die erhaltenen Kleidungsstücke der Malerin und mexikanischen Nationalheiligen fotografieren. Stattdessen nahm sie auf, was sie in einer verstaubten Badewanne mit verrosteten Armaturen fand: Krücken, Klistiere, Stützkorsette, Sitzhilfen, eine Knieschiene, die die schwerkranke Künstlerin selbst angefertigt hatte, ein Stalin-Poster mit russischem und spanischem Text. Die Frida-Serie ist womöglich Iturbides Meisterstück, weil sie Kahlos Porträt allein aus der Hinterlassenschaft ihres Leidens zeichnet. Nur die Stalin-Ikone wirkt fremd in diesem Arrangement. Aber vielleicht hat Kahlo unter ihr am meisten gelitten. Entscheidend für Graciela Iturbides Fotokunst ist der Verzicht auf Farbe. Indem sie die Welt auf Abstufungen von Schwarz und Weiß reduziert, entzieht sie ihr das wichtigste Instrument der Augentäuschung. Kein Farbeffekt lenkt von der Wahrheit der Form ab. Ähnlich hat es ihr 2025 verstorbener, zwei Jahre jüngerer Generationsgenosse Sebastião Salgado gehalten. Aber anders als Salgado setzt Iturbide in ihren Bildern nicht auf Überwältigung. Sie will den Betrachter stattdessen ins Geheimnis der Menschen und Dinge hineinziehen, die sie zeigt. Die Frau, die mit Tequilaglas und Zigarette in einer Bar in Mexico City vor einem Wandbild sitzt, das in einem Totenschädel den Weg des Lebens vom Schlafzimmer über das Krankenbett bis zum Grab zeigt, ist kein Symbol, sondern die Erscheinung eines unwiederbringlichen Moments. So wie alle und alles, was Graciela Iturbide fotografiert. Der Tod ist ein Leitmotiv ihrer Arbeit, aber er hat nicht das letzte Wort. In jedem ihrer Fotos wird er ein weiteres Mal besiegt. Graciela Iturbide. Eyes to Fly With. C/O Berlin, bis zum 10. Juni. Kein Katalog.