FAZ 21.09.2026
15:19 Uhr

Fotografie Forum Frankfurt: Das Universum des Tony Rizzi


Proben, Partys, Porno und pralles Leben: Der amerikanische Tänzer und Choreograph Tony Rizzi ist immer auch Fotograf gewesen. Nun ist sein reiches visuelles Schaffen aus 40 Jahren in Frankfurt im Fotografie Forum zu sehen.

Fotografie Forum Frankfurt: Das Universum des Tony Rizzi

Es ist für jeden etwas dabei. Für Leute, die gern Frankfurt-typische Orte auf Fotos wiedererkennen. Für Drag-Fans, Partymäuse, Clubgänger der Neunzigerjahre und Neugierige. Für Leute, die das Theaterleben hier und anderswo kennen.  Für Tanzfans sowieso. Sogar für Leute, die Bagger und Kräne lieben: Baustellen-Fotos, als Collagen arrangiert. „Ich liebe Baustellen!“, sagt Tony Rizzi. Und wieder hat man ein Interessensgebiet entdeckt, das man von ihm noch nicht kannte. Vor ein paar Monaten sind es seine neuen Haustiere gewesen, Farbratten, die ihm possierlich Blaubeeren von der Schulter fressen. Es scheint kaum etwas zu geben, was Tony Rizzi, soeben 61 Jahre alt geworden, Tänzer, Choreograph, Performer, Autor und Fotograf, nicht interessiert. Und das er nicht in seinen Bildern zeigt. Kunst und Kochen, Tanzen und Pflanzen, kleine Kinder und sehr alte Menschen. Beziehungen, Freunde. Familie über Generationen hinweg – es muss nicht unbedingt Rizzis eigene sein. Er ist mit Nonnen befreundet und schafft es mühelos, Heiligenbildchen und homoerotische Masturbations-Fotos in friedlicher Koexistenz zu präsentieren. Wie gesagt: Für jeden (Erwachsenen) ist etwas dabei. Rizzi hält es fest, arrangiert, collagiert, kontrastiert es. Schon als Kind hat er seine erste Kamera bekommen. Seither fotografiert er. „Intuitive fotografische Praxis“ nennt Kuratorin Celina Lunsford, die Leiterin des Fotografie Forums Frankfurt, das, was Rizzi tut. Alles, was seit dem 7. September 1985 entstanden ist, kann man nun im Forum sehen: „Work Hard, Don’t Lie, And Try Not To Hurt Anybody“, schrieb der blutjunge Tänzer aus Boston damals zu Beginn seines Engagements in Deutschland in sein Tagebuch. Sein Vorsatz für die Arbeit mit William Forsythe am Ballett Frankfurt, das damals seinen kometenhaften Aufstieg begann – bis es 2004 abgeschafft wurde. Rizzi ist geblieben, ein Kosmopolit, der doch auch Frankfurter geworden ist. Heute zeigt er mit seiner lockeren Combo namens Tony Rizzi and The Bad Habits Stücke zwischen Tanz, Performance, Video. Und hat in seiner Wohnung am Hauptbahnhof einen besonderen Ort geschaffen. In Rizzis Kunstform namens Alltagsleben sammelt sich die internationale Tanz-, Kunst- und Performanceszene in seiner Küche, wo „Mama Rizzi“ als sensationeller Koch auftischt. Mittendrin war seine verstorbene Vermieterin Hannelore Kraus, in deren „Haus zum Schutzengel“, jenem Gründerzeithaus, in dem sie bevorzugt an Künstler vermietete, Rizzi seit Jahrzehnten lebt. „Meine Wohnung ist ein sicherer Ort“, sagt Rizzi – und so haben im Lauf der Zeit viele dort eine Heimat gefunden, auch jene schillernde Mae West, in deren Rolle Rizzi legendäre Wohnzimmer-Performances veranstaltet hat, ein Video dokumentiert das. Kraus, für Rizzi die „Jeanne d’Arc von Frankfurt“, feierte in Rizzis WG mit. Natürlich ist auch ihr eine der Polaroid- und Foto-Collagen gewidmet, die Rizzi nun zeigt. Nahezu zehn Jahre hat es gedauert, bis aus Lunsfords Idee, Rizzis Werk in einer Ausstellung vorzustellen, Wirklichkeit geworden ist.  Zigtausende von Rizzis lässig in Schachteln und an Kühlschranktüren aufbewahrten Bildern hat sie gesichtet. „Ein Geschenk an Frankfurt“ nennt sie die Ausstellung. Es ist eine Freude, Videoessays mit einstigen Forsythe-Tänzern zu entdecken, in nicht ganz jugendfreien Alben zu blättern und frühe Polaroids zu studieren, eine Form, die Rizzi viele Jahre gepflegt hat. Das Dazwischen, das die klassischen weißen Ränder der Polaroids erzeugen, wenn man sie aneinanderreiht, hat den Tänzer früh fasziniert: Die weiße Lücke zwischen den Aufnahmen erzeugt Bewegung, einen Tanz in Raum und Zeit. Die Betrachter füllen sie, etwa wenn Rizzi, im Elternhaus, seine Geschwister mit je einem ihrer Kinderporträts zeigt, fragmentiert und doch ganz, über die Zeit hinweg, zusammen und doch einzeln. Lunsford hat nicht nur mit Rizzi einzelne dieser Aufnahmen vergrößert als riesige Wandcollagen angebracht. Das Lebensgefühl, aus dem heraus die Fotoarbeiten entstanden sind, ist gleich mit in das Fotografie Forum umgezogen: Allein die seinen Gästen aus früheren Zeiten bekannte Fototapete seines Wohnzimmers dürfte um die 10.000 Polaroids umfassen. Nun sind rund 7000 davon, professionell aufgezogen, an drei Wänden zu sehen, die roten Samtvorhänge hat Rizzi aus seiner Wohnung beigesteuert, und so sieht der Raum nicht von ungefähr wie eine Theaterbühne aus, auf der jeder Platz nehmen kann. Eine Installation bringt seine Küche in die Ausstellung, samt Rizzis Nippes und einem Tischtuch aus Fotografien: Ups und Downs eines Künstlerlebens, Euphorie und Liebeskummer, HIV-Infektion und das Stück mit Jan Fabre, „Drugs Kept Me Alive“, sind versammelt, bis zu den jüngsten Experimenten, mit dem iPhone Polaroid-ähnliche Collagen zu erstellen. Sie zeigen Rizzis Mutter Verna, einst Protagonistin in seinem Stück „Snowman Sinking“, kurz vor ihrem Tod. So reist man durch vier Jahrzehnte, trifft auf viele Gesichter des Ballett Frankfurt, allen voran William Forsythe, auf den Bildern und als Leihgeber, schaut auf Frankfurter Künstler wie Eric Lenke, Alan Barnes, Irene Klein. Großartige Schwarz-Weiß-Fotografien aus den Achtzigerjahren, von intensiven Proben des Ballett Frankfurt, von Tänzer-Jux und von der fassungslosen Compagnie in den Ruinen nach dem Opernbrand im November 1987 verdienten noch einmal eine ganz eigene Ausstellung. Mehrere Male wird Rizzi jetzt im Begleitprogramm diskutieren, Bilder zeigen – und einen Tanz-Workshop anbieten. Ob als „toeknee“, wie sein digitales Alias heißt, oder als eine seiner Drag-Personas, wird sich weisen. Tony Rizzi, Fotografie Forum Frankfurt, bis 17. Januar, ein Künstlerbuch ist zum Ausstellungspreis von 75 Euro erhältlich.