FAZ 19.12.2025
11:22 Uhr

Fotografie: Als Weihnachten noch still war


Wenn Magie nicht nur im Dezember gebraucht wird: Alte Fotografien erzählen von einer stillen Vorfreude, lange bevor Weihnachten laut wurde.

Fotografie: Als Weihnachten noch still war

Kleine Kinder stehen vor den Schaufenstern im Paris der Vierzigerjahre. Schwarz-weiß, festgehalten in einer anderen Zeit. Sie drücken ihre Nasen platt am Glas, die Augen leuchten groß vor Erwartung. Spielzeugwelten hinter einer Scheibe – unerreichbar und doch voller Hoffnung und Versprechen. Diese Fotografien sind alt, aus einer anderen Zeit, und fühlen sich trotzdem vertraut an. Denn die Vorfreude der Kinder ist zeitlos. Sie braucht keinen Überfluss, keine Erklärungen. Man kann den Kindern auf diesen Fotografien beim Warten zusehen und fast schon hören, wie sie die Tage herunterzählen. Die Nasen am Glas, das Kämpfen um die eigene Geduld und das feste Vertrauen, dass schon bald etwas Wunderschönes passieren wird. Eins hat sich nicht geändert: Der Weihnachtsmann ist für Kinder allgegenwärtig – eine magische Gestalt. Er hört alles, er sieht alles und weiß erstaunlich genau, ob die Zähne geputzt und alle Spielzeugsachen aufgeräumt sind. Eine Figur mit großer Verantwortung und nicht zu unterschätzendem pädagogischem Talent. Was passiert eigentlich nach Weihnachten? Wer übernimmt diese Aufgaben, wenn der Baum abgebaut und der Dezember vorbei ist? Wer sorgt für ein bisschen Zauber und Staunen im Alltag? Wer sorgt für saubere Zähne? Heute gehen wir als Erwachsene anders durch den Dezember. Wir eilen von einem To-do zum nächsten, von Termin zu Termin, denken an Listen, an Geschenke, an alles, was noch fehlt. Oh weh, es fehlt noch ein selbst gefüllter Adventskalender, und was ist mit dem Wichtel, der bei uns zu Hause einziehen soll, der braucht noch eine Tür! Weihnachten nennen wir die besinnliche Zeit – und merken meist erst danach, wie wenig still sie wirklich war. Man sagt oft, Weihnachten sei früher schöner gewesen. Vielleicht war es nicht schöner – aber leiser. Weniger voll, weniger getaktet. Als Kind definitiv voller Magie und Zauber. Wir Erwachsenen haben diese Fähigkeit zu staunen und zu warten nicht verloren. Vielleicht haben wir sie nur verlernt zu benutzen aufgrund des Alltags, der uns manchmal auffrisst und uns zwingt, alles möglichst in Echtzeit zu erledigen. Vielleicht stehen wir zu selten still. Und vielleicht sollten wir uns in dieser Weihnachtszeit wieder ein kleines Stück davon zurückholen. Mögen uns diese alten Bilder wieder daran erinnern, wie schön und leicht Vorfreude sein kann. Dass sie keinen Stress braucht, keine Eile und keine To-do-Listen. Dass man sich überlegt, was einem wirklich wichtig ist, unabhängig von dem Karussell, dass sich draußen dreht. Dass man stehen bleiben kann, ein paar Schneeflocken mit der Zunge auffangen und den Atem der Kälte spüren kann. Seine eigene Nase mal wieder an ein Schaufenster stupst und die 349 offenen Shopping-Tabs ignoriert. Und dass man sich manchmal wieder wie ein Kind fühlen darf. Ohne Eile und schlechtes Gewissen.